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Kontrafaktisches Denken : Was wäre wenn?

Indem wir uns ausmalen, wie die Vergangenheit anders hätte verlaufen können, planen wir ­bereits die Zukunft.
Mann AutoLaden...

Um ein Haar hätte Bertrand seine Frau Laura nie kennen gelernt. Er war damals auf Geschäftsreise in einer anderen Stadt, und ein Freund, der zufällig zur gleichen Zeit dort war, lud ihn ein, abends in einen Klub mitzukommen. In letzter Minute sagte Bertrand zu. Er kam zu spät zur Verabredung und musste in der Eiseskälte draußen am Eingang anstehen. Neben ihm wartete eine Gruppe junger Leute auf ein Taxi, darunter Laura.

Bertrand und sie nahmen die Hände vor den Mund und pusteten hinein. "Brr, kalt!", sagten sie unisono – und lachten. Sie unterhielten sich kurz, dann kam das Taxi, und Laura verschwand. Sie ging Bertrand nicht mehr aus dem Kopf.

Am nächsten Tag wartete er an einer Bushaltestelle, als direkt vor ihm ein Fahrrad an der roten Ampel hielt – darauf saß Laura. Sie erkannte ihn sofort. Sie tauschten ihre Telefonnummern aus, zwei Jahre später heirateten sie.

Wenn sich Bertrand diese Geschichte vergegenwär­tigt, drängt sich ihm unweigerlich der Gedanke auf, was wohl passiert wäre, wenn sein Freund nicht in der gleichen Stadt gewesen wäre oder wenn er selbst früher zum Klub gefahren wäre oder wenn der Bus am nächs­ten Tag pünktlich gekommen wäre oder wenn die Ampel nicht auf Rot gesprungen und Laura einfach an ihm vorbeigefahren wäre. Hätten sie sich trotzdem getroffen? Oder wäre er heute mit einer anderen verheiratet? ...

4/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 4/2016

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  • Quellen

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