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Antipsychotika: Kooperation gegen Bares

Nur rund die Hälfte aller Patienten, die an einer Psychose erkrankt sind, nehmen Schätzungen zufolge ihre Medikamente wie verschrieben ein. Forscher aus den Niederlanden erprobten nun einen ungewöhnlichen Weg, um die Therapietreue zu erhöhen: Sie zahlten den Probanden Geld dafür.

Die Versuchsteilnehmer litten alle an einer psychotischen Erkrankung, hauptsächlich an paranoider Schizophrenie oder einer schizoaffektiven Störung, und wurden ambulant behandelt. Als Arznei erhielten sie Neuroleptika, die nur zwischen einmal pro Woche und einmal pro Monat injiziert werden müssen. Die Hälfte der Probanden bekam ein Jahr lang nach jeder Spritze Bargeld in die Hand gedrückt. Nahmen sie alle Termine wahr, kassierten sie monatlich bis zu 30 Euro. Am Ende dieses Zeitraums hielten sich 95 Prozent aller Patienten in dieser Gruppe vergleichsweise gut an die Verschreibungen – sie versäumten höchstens jede fünfte Injektion. In der Kontrollgruppe traf das lediglich auf zwei Drittel der Teilnehmer zu. Sechs Monate später war der Anteil der therapietreuen Teilnehmer in der Interventionsgruppe zwar wieder gesunken, lag aber immer noch deutlich höher als in der Kontrollgruppe.

Eine solche Intervention würde von Ärzten meist wegen ethischer Bedenken verurteilt, räumen die Psychiater um Ernst Noordraven von der Erasmus-Universitätsklinik in Rotterdam ein. So erkranken arme Menschen überdurchschnittlich häufig an Psychosen und könnten sich aus finanzieller Not dazu gedrängt sehen, Medikamente einzunehmen, auch wenn sie diese eigentlich ablehnten. Zudem leide die Beziehung zum Therapeuten. Dem halten die Autoren entgegen, dass die Maßnahme vergleichsweise günstig und effektiv das Risiko für Rückfälle senken könne. Diese zögen wiederum oft eine Zwangsbehandlung nach sich, die ethisch ebenfalls problematisch sei.

6/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 6/2017

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  • Quellen
Lancet Psychiatry 4, S. 199-207, 2017