Direkt zum Inhalt
Login erforderlich
Dieser Artikel ist Abonnenten mit Zugriffsrechten für diese Ausgabe frei zugänglich.

Essstörungen: Krankhaft gesunde Ernährung?

Pestizide in der Paprika, Antibiotika im Schnitzel, Transfettsäuren im Croissant: Wer sich eingehend mit Nahrungsmitteln beschäftigt, fragt sich vielleicht öfter, was man eigentlich überhaupt noch gefahrlos essen kann. Bei einigen Menschen sind die Gedanken mittlerweile so stark auf die nächste gesunde Mahlzeit fokussiert, dass manche Forscher bereits von einer neuen Essstörung sprechen, der "Orthorexia nervosa" (von griechisch orthós: "richtig" und órexis: "Appetit", analog zur Anorexia nervosa, Magersucht). Personen, die an Orthorexie leiden, beschäftigen sich demnach so intensiv mit "richtiger" und "falscher" Ernährung, dass sie dadurch im alltäglichen Leben stark eingeschränkt sind. Im Extremfall können sich durch das Verschmähen zahlreicher Nahrungs­mittel sogar Mangelerscheinungen einstellen.

Bislang existieren nur wenige Studien dazu, wie verbreitet dieses Phänomen in der Bevölkerung sein könnte. Forscher um Eric Storch und Olivia Hayes von der University of South Florida in Tampa untersuchten nun eine Stichprobe von etwas mehr als 400 US-amerikanischen Studierenden. Ein Drittel der Befragten zeigte dabei Anzeichen einer Orthorexie, Männer gleich häufig wie Frauen. Sie verspürten zum Beispiel ein beruhigendes Gefühl der Kontrolle, wenn sie sich ihren Vorsätzen gemäß ernährten, und empfanden Schuld oder gar Selbstverachtung, wenn sie von ihrem strengen Speisezettel abwichen. Außerdem gaben sie an, ihr Selbstbewusstsein zumindest teilweise daraus zu ziehen, dass sie sich besser ernähren als andere.

Die meisten dieser Fälle, so die Forscher, seien wohl nicht als krankhaft einzustufen. Denn dazu müsse man stark unter den selbst auferlegten Einschränkungen leiden, etwa weil man sich wegen seiner Nahrungsverbote zunehmend sozial isoliere. Diese Gefahr besteht durch Orthorexie tatsächlich, wie die Untersuchung ergab: Denn je deutlicher die Symptome der Befragten waren, desto mehr waren sie in ihrem Alltag beeinträchtigt.

In den offiziellen Diagnosesystemen ist die Er­krankung bislang nicht aufgelistet – noch diskutieren Psychologen, ob es sich dabei wirklich um eine eigenständige Krankheit handelt oder vielleicht um eine spezielle Form der Zwangsstörung. Stärkere Orthorexie-Anzeichen gingen auch in der Studie von Storch und Hayes mit größerem Perfektionismus und ausgeprägteren Symptomen einer Zwangsstörung einher. Die Autoren betonen, dass weitere Untersuchungen an größeren und vielfältigeren Stichproben nötig sind, um das Phänomen umfassend zu be­leuchten. Zudem seien die Fragebogen, mit denen Orthorexie bis dato gemessen werden kann, noch nicht ausgereift und in ausreichendem Maß erprobt.

9/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 9/2017

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

  • Quelle
J. Cogn. Psychother. 31, S. 124–135, 2017