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Kreolistik: Orientierung in einem Strom aus Lauten

Wenn Menschen in politische oder wirtschaftliche Abhängigkeit von Sprechern einer anderen Sprache geraten, versuchen sie, diese nachzubilden, um sich zu verständigen. Entsteht so eine neue Gemeinschaftssprache, nennt man das Kreolisierung.
Markt auf den Kapverden, Kreol

1920 gewährte die Universität von Santiago de Chile dem deutschen Sprachwissenschaftler Rodolfo Lenz, nach 30 Jahren Lehrtätigkeit am Instituto Pedagójico de Chile, einen Heimaturlaub für das folgende Jahr. Die Reise führte Lenz auf einem holländischen Dampfer durch den Panamakanal und über die holländische Insel Curaçao nach Europa. Die Muttersprache des Schiffskochs Natividad Sillie war das Papiamento, die spanische Kreolsprache von Curaçao. Lenz ließ den Koch Briefe auf Papiamento schreiben, diese vorlesen und erklären. In Deutschland konsultierte er den renommierten Kreolisten Hugo Schuchardt wie auch die entsprechende Fachliteratur, um seine Kenntnisse des Papiamento zu vervollständigen. Seiner 1928 auf Spanisch publizierten Beschreibung dieser Sprache gab er den Titel "Das Papiamento. Die Kreolsprache von Curaçao" und den denkwürdigen Untertitel "Die einfachste Grammatik".

Dieser führt mitten in Probleme hinein, welche die Kreolisten noch heute umtreiben. Wie konnte der Deutschchilene eine Sprache, die von ihren Sprechern gar nicht Kreol genannt wird, ohne Weiteres als Kreolsprache klassifizieren? Galt ihm vielleicht ihre grammatikalische Einfachheit als hinreichendes Kriterium?

Laut Lenz fehlt dem Papiamento – wie angeblich der Grammatik aller Kreolsprachen – die Flexion. Doch dieser Eindruck ist zum Teil den an indoeuropäischen Sprachen geschulten Gewohnheiten der Linguisten geschuldet. Zwar werden Dinge wie Vergangenheit, Imperativ, Passiv in Kreolsprachen tatsächlich selten durch auf den Verbstamm folgende Endungen angezeigt. Doch gibt es stattdessen in der Regel vorangestellte Elemente. Diese ließe sich mit dem Verb zusammenschreiben und zur Flexion rechnen, sofern kein anderes Wort zwischen sie und das Verb treten kann. Zudem widerspricht sich Lenz in gewisser Weise selbst, wenn er die angeblich flexionslose Grammatik des Papiamento gleichzeitig wegen ihrer Regelmäßigkeit lobt, denken wir dabei zuallererst doch an regelmäßige Flexion, etwa in der Pluralbildung ...

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  • Quellen

Lang, J.: Les langues des autres dans la créolisation. Gunter Narr, Tübingen 2009

Lenz, R.: El papiamento. La lengua criolla de Curazao. La gramática mas sencilla. Barcells & Co., Santiago de Chile 1928

Michaelis, S. M. et al. (Hg.): Atlas of Pidgin and Creole Language Structures Online. Leipzig 2013