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Krieg der Zellen. Krebs: Ursachenforschung und Heilungsmöglichkeiten.

Aus dem Amerikanischen von Susanne Kuhlmann-Krieg. Droemer Knaur, München 1998. 352 Seiten, DM 49,90.

BRCA, p53 und ähnlich kryptische Kürzel finden sich heute im Wissenschaftsteil jeder Tageszeitung. Kontroversen um die genetische Früherkennung von Tumoren und ihre Behandlung mittels Gentherapie machen Schlagzeilen: Krebs ist eine Krankheit der Gene.

Diese Erkenntnis ist spätestens in den neunziger Jahren Allgemeingut geworden. Der renommierte Molekularbiologe Robert A. Weinberg war maßgeblich an der Entdeckung der krebserzeugenden Gene beteiligt; er erzählt die Geschichte dieser Erkenntnis sehr persönlich und vor allem deshalb auch spannend.

Wie entsteht Krebs? Durch Einwirkung von Chemikalien auf Zellen, sagten die einen, durch eine Virusinfektion, sagten die anderen. Beide Fraktionen, die sich immerhin einige Jahrzehnte lang gegenübergestanden hatten, behielten am Ende recht, jedoch auf unerwartete Weise. Das Buch beginnt mit ihrem gemeinsamen Problem: Die Forscher konnten zwar krebserzeugende Faktoren isolieren – cancerogene Chemikalien einerseits, Tumorviren andererseits –, aber die Mechanismen ihrer Wirkung auf Zellen nicht aufklären.

In den siebziger Jahren leitete die Molekularbiologie den Durchbruch auf diesem Gebiet ein. Besonders in ihren Anfängen eng mit der Virologie verknüpft, war sie erstmals imstande, die Makromoleküle des Lebens direkt zu untersuchen. Die Bereitschaft der Molekularbiologen, ihre Erkenntnisse sofort in Werkzeuge umzusetzen, ermöglichte rasante Fortschritte.

Die Entdeckung der Reversen Transkriptase war der Einstieg der molekularen Virologie in die Krebsforschung: David Baltimore (MIT) zeigte 1970, wie ein Vogel-Leukämievirus seine genetische Information repliziert. Der genialische Querkopf Peter Duesberg fand 1973 an der Universität von Kalifornien in Berkeley wiederum heraus, daß das Genom eines Hühner-Sarkomvirus (Rous-Sarkom-Virus, RSV) Teile enthält, die verwandten, nicht cancerogenen Viren fehlen.

Daraufhin stellten 1976 Harold Varmus, J. Michael Bishop und Dominique Stehelin an der Universität von Kalifornien in San Francisco DNA-Kopien dieses suspekten Teils des RSV-Genoms her – unter Verwendung eben jener von Baltimore entdeckten Reversen Transkriptase (siehe „Reverse Transkription“ von Harold Varmus, Spektrum der Wissenschaft, November 1987, S. 112).

Damit hatten sie erstmals ein sogenanntes Onkogen in der Hand – ein Gen, das Krebs erzeugen kann. Erwartungsgemäß fanden sie das Gen src (sprich „sark“) nicht nur im Virus selbst, sondern auch in Hühner-Sarkomzellen. Wie jedoch kaum jemand zu spekulieren gewagt hätte, wurde src auch in gesunden, nicht krebsig entarteten oder

mit RSV infizierten, Zellen nachgewiesen. Das src-Gen war also Bestandteil des Erbguts normaler Zellen!

Offenbar hatte das Virus es irgendwann aufgenommen und so verändert, daß es Krebs auslösen konnte (siehe „Krebsgene“ von J. Michael Bishop, Spektrum der Wissenschaft, Mai 1982, S. 44). Dieser sensationelle Befund ist des Krebsrätsels Lösung in nuce. Varmus und Bishop wurden dafür 1989 mit dem Nobelpreis bedacht, Stehelin hingegen ging leer aus (Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1989, S. 16) – eines der menschlichen Dramen rund um die Onkogene, die Weinberg eindrücklich schildert.

Im Wettlauf um die Isolierung des ersten Krebsgens aus einem menschlichen Tumor war Weinberg an vorderster Front dabei. Seine Arbeitsgruppe am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge war eine der ersten, welche die damals neue Methode des Gentransfers in Zellen beherrschten. Praktisch gleichzeitig mit Michael Wiglers Labor in Cold Spring Harbor gelang ihnen 1982 die Isolierung eines Onkogens aus menschlichen Blasenkrebszellen (siehe „Molekulare Grundlagen von Krebs“ von Robert A. Weinberg, Spektrum der Wissenschaft, Januar 1984, S. 58).

Beide Gruppen waren nicht nur gleich schnell, sondern hatten unwissentlich auch dasselbe Gen kloniert. Und die nächste Überraschung wartete schon: Der Kreis zur Virologie schloß sich, als Weinberg – wiederum Kopf an Kopf mit einer anderen Gruppe – herausfand, daß sein Blasentumor-Onkogen ein sehr ähnliches Gegenstück in einem Ratten-Tumorvirus hat.

Doch wo liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem normalen und dem krebserzeugenden Gen? In mühevoller Arbeit durchsuchten sie die ganze Basenabfolge des Gens – und fanden fast nichts: Nur der Austausch eines einzigen Basenpaars unterschied das Onkogen aus dem Blasentumor von seinem normalen Gegenstück.

Es gehört zu Weinbergs Verdiensten, die Bedeutung dieses minimalen Unterschieds erkannt zu haben, in einer Zeit, da die Sequenzierung von DNA noch keineswegs eine zuverlässige Routinemethode war. Der gemeinsame Nenner zwischen chemischer und viraler Auslösung von Krebs war gefunden: Selbst minimale Mutationen an bestimmten Regulationsgenen können diese in gefährliche Onkogene verwandeln, welche die Zelle auf ungebremste Vermehrung programmieren.

Weinberg hat ein ausgesprochenes Talent, komplexe Forschung quasi nebenbei zu erklären, ohne den Faden seiner Story aus der Hand zu legen. Sein Buch betont die menschliche Seite des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns. Da gibt es geniale Spinner, hartnäckige Arbeiter, geniale Erfolgsmenschen, tragische Don Quichottes, raffinierte Fälscher und natürlich Weinberg selbst. Seine Figuren und ihre Leidenschaften widerlegen das Vorurteil, die moderne Forschung sei ein trockenes Geschäft. Hier ist Wissenschaft faszinierend, glanzvoll und auch ein wenig heroisch.

Eine interessante Lektüre für jeden, der einen Blick hinter die Kulissen der Forschung werfen will – und ein besonderer Spaß für Wissenschaftler, die so manche Irrungen und Wirrungen ihres Metiers auf sympathisch offenherzige Weise beschrieben finden. Zu viele Metaphern aus Abenteuer und Meteorologie und – zu Anfang einiger Kapitel – unmotivierte Ausflüge ins Trivial-Poetische können das Lesevergnügen nur geringfügig trüben.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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