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Krieg in unserem Körper. Wie das Immunsystem unser Leben schützt.

Herausgegeben von Gaby Miketta. Zabert Sandmann, München 1998. 216 Seiten, DM 39,80.

Krieg in unserem Körper – wer kämpft hier gegen wen, weshalb merken wir in der Regel nichts davon, und worin liegt seine Bedeutung für unsere Gesundheit?

Thema des vorliegenden Buches ist das Immunsystem, das komplexe körpereigene Abwehrsystem, das der Schlüssel zu unserer Gesundheit ist. Der Biologin und Medizinjournalistin Gabriele Kautzmann ist es gelungen, Lebendigkeit und Anschaulichkeit einerseits mit wissenschaftlicher Präzision und Aktualität andererseits zu vereinen.

Die Autorin beschreibt exemplarisch das Leben einer Frau namens Vivian von ihrer Geburt an und stellt dabei die vielfältigen Aufgaben und Aktionen ihres Immunsystems vor. Genauso vertraut wie Vivian werden dabei dem Leser auch die Akteure des Immunsystems wie Tom, die Killerzelle, Myelo, die Freßzelle, und Bobo, die B-Zelle. Eine unerläßliche Hilfe sind dabei die übersichtlichen, detailgetreuen und wunderschönen Graphiken von Siri Mills. Der auf mehreren sprachlichen Ebenen angebotene Text bietet abwechslungsreich und gut gegliedert einerseits eine lebendige und anschauliche Lebensgeschichte der fiktiven Vivian, andererseits die präzise wissenschaftliche Darstellung neuester Forschungsergebnisse.

Welches sind nun die biographischen Eckpunkte, anhand deren uns die Existenz und Wirkungsweise unseres Immunsystems bewußt werden kann? Auf welchen Schlachtfeldern findet der Krieg in unserem Körper statt? In zehn Kapiteln werden uns typische Lebenssituationen vorgeführt, in denen das Immunsystem die Integrität unseres Körpers sicherstellt, aber auch die Konsequenzen, die seine Irrtümer oder überschießenden Reaktionen haben können. Wie unsere Immunzellen mit den Bakterien und Viren fertig werden, die jeden Tag in unseren Körper eindringen; wie Impfstoffe gegen Infektionen schützen; wie Heuschnupfen, Rheuma und Diabetes durch Fehlreaktionen des Immunsystems hervorgerufen werden; was dabei passiert und welche neuen Strategien für eine Therapie dieser Erkrankungen in der Entwicklung sind, ist in den entsprechenden Kapiteln nachzulesen.

Des weiteren wird besprochen, welche Probleme das Immunsystem bei der Schwangerschaft und bei Transplantationen machen kann und welche Aufgabe unsere Immunzellen beim täglichen Kampf gegen Krebs zu bewältigen haben. Im Kapitel „Wachpatrouille“ finden sich kompetente Antworten, soweit sie heute wissenschaftlich abgesichert sind, ebenso wie die zur Zeit diskutierten Arbeitshypothesen zum Thema Krebsentstehung sowie futuristisch anmutende mögliche Therapieansätze für die Zukunft.

Tom, die T-Zelle, und Niko, die natürliche Killerzelle, haben Mühe mit der Erkennung von merkwürdigen Zellen, die sie bei ihrer Patrouille in Vivians Brust gefunden haben. Diese Zellen haben den beiden Immunzellen den richtigen Ausweis, ihr MHC-Molekül, gezeigt, gehören damit zu Vivian und werden also nicht als fremd erkannt. Bei genauerem Hinsehen findet Tom aber in der MHC-Grube der verdächtigen Zelle ein Antigenstück, das er nicht kennt, weil es in der Krebszelle verändert ist. T-Killerzellen wie Tom können solche Tumorantigene benutzen, um an die Tumorzelle anzudocken und sie zu zerstören. Dies kann aber nur dann erfolgreich sein, wenn die Killerzellen dabei Hilfe zum Beispiel in Form von Cytokinen erhalten, wodurch sie aktiviert und zur Teilung angeregt werden. Aber Tumorzellen haben ihrerseits auch eine Palette von Gegenreaktionen entwickelt, wodurch sie der Immunabwehr entkommen können. Sie schütten zum Beispiel ihre Tumorantigene in großer Menge aus, so daß Tom und Niko sie nicht mehr sehen können und sie auch nicht mehr von Antikörpern erkannt werden kann. Im Extremfall hat eine Tumorzelle sogar die Möglichkeit, T-Zellen in den Selbstmord zu treiben.

Die erfolgreiche immunologische Bekämpfung von Tumoren setzt die Kooperation aller verschiedenen Zellen des Immunsystems voraus und ist auch nur im Anfangsstadium der Krankheit möglich, wenn sich erst wenige Krebszellen im Körper befinden, die sich noch nicht zu einer Krebsgeschwulst entwickelt haben. Zur Unterstützung, nicht aber als Ersatz herkömmlicher chirurgischer und chemo- und strahlentherapeutischer Methoden bei der Krebsbekämpfung wurden Immuntherapien und Gentherapien entwickelt, die weltweit in klinischen Prüfungen auf ihre Wirksamkeit hin getestet werden (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1990, Seite 38, Juli 1990, Seite 56, und Dezember 1997, Seite 48).

Sie werden in einem farblich hervorgehobenen Kasten “Forschung und Therapie” vorgestellt und erläutert, ohne übertriebene Hoffnungen zu erwecken.

Solche Kästen findet man auch zu den übrigen Kapiteln des Buches; sie sind eine äußerst gelungene, wissenschaftlich zutreffende und trotzdem lesbare Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes. Der an einzelnen Fragestellungen besonders interessierte Leser hätte sich an dieser Stelle weiterführende Literaturangaben gewünscht.

Das Buch ist populärwissenschaftlich, und seine teilweise vermenschlichende Sprache könnte die Idee aufkommen lassen, es sei ein in jedem Sinne leichtes Buch. Um leichte Lesbarkeit ging es der Autorin, und dieses Ziel hat sie erreicht. Auf der anderen Seite hält sie so vielfältige Anregungen bereit, daß „Krieg in unserem Körper“ auch für den Fachmann und für Lehrende zu einer erfrischenden und informativen Lektüre wird.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999, Seite 111
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999

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