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Künstliche Intelligenz. Konzepte, Systeme, Verheißungen


Das Anliegen dieses Buches ist es, eine einführende Darstellung der Forschung in Künstlicher Intelligenz (KI) zu geben. Außerdem soll gezeigt werden, welche Rückwirkungen die Grundannahme der KI, unser Geist gleiche im wesentlichen einem Computer, auf unser Denken hat: Der ursprüngliche Bedeutungsgehalt von Begriffen wie Denken, Wissen und Verstehen werde fälschlich eingeschränkt, und die so entstehende reduktionistische Sichtweise beeinflusse deshalb das Selbstbild des Menschen sowie das soziale Miteinander auf bedenkliche Weise.

Die promovierte Soziologin und Philosophin Barbara Becker ist Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Künstliche Intelligenz der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD). Ihr Stil ist erfrischend und offenherzig. Sie bezieht klar Position und versteckt auch harsche Kritik nicht hinter höflichen Wendungen.

Der erste Buchteil „Künstliche Intelligenz in der Anwendung“ beschäftigt sich, nach einem geschichtlichen Überblick und einigen Definitionen, mit den grundlegenden Paradigmen der KI. Anhand der sogenannten Expertensysteme werden die auch für andere Bereiche der KI grundlegenden Konzepte und deren Problematik erläutert.

Dieser erste Teil ist kompetent und klar geschrieben. Barbara Becker beschreibt die wesentlichen Ansätze sowie deren Vor- und Nachteile so, daß sie auch Laien auf diesem Gebiet verständlich sein dürften. Sie richtet ihr Augenmerk stets auf das Wesentliche und spart nicht mit kritischen Hinweisen auf die Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit sowie auf die hier überall auftretende reduktionistische Sichtweise.

Im zweiten Teil „Künstliche Intelligenz und Kognitionsforschung“ unterzieht sie die oben angesprochene Computer-Metapher des menschlichen Geistes einer ausführlichen Kritik. Insbesondere versucht sie die Grundannahme der KI und der gesamten Kognitionsforschung, derzufolge die Art der Informationsverarbeitung bei Mensch und Computer vergleichbar sei, zu widerlegen.

Beispielsweise verleite die computerunterstützte Modellbildung in der Kognitionspsychologie, insbesondere im Hinblick auf das Gedächtnis, das Problemlöseverhalten und die Sprache des Menschen, zu allzu vereinfachten, reduktionistischen psychologischen Konzepten von zweifelhaftem Erklärungswert. Die computationale Theorie des Geistes habe starken Einfluß auf den Wissensbegriff sowie auf die Vorstellungen vom Wesen des menschlichen Bewußtseins, aber die Folgerungen stünden im krassen Gegensatz zum tatsächlichen menschlichen Erleben und schwächten die Stellung des erkennenden Subjekts. Das zwölfte Kapitel gerät zu einem Credo an das menschliche Denken und dessen Immunität gegenüber reduktionistischen Erklärungsversuchen. Der weiteren Verbreitung der Computer-Metapher des menschlichen Geistes mit ihren bedrohlichen Konsequenzen müsse entgegengetreten werden.

Obwohl der zweite Teil des Buches ebenso kernig geschrieben ist wie der erste und eindrucksvolle Argumente für die Position der Autorin enthält, erscheint er mir doch merkwürdig inkonsequent. Das rührt daher, daß die Autorin sich erklärtermaßen auf einen materialistischen Standpunkt stellt, die heutigen Vorstellungen von der Informationsverarbeitung im Gehirn kritiklos übernimmt und so selbst den Menschen als ein „informationsverarbeitendes Wesen“ sieht. Mithin muß sie zeigen, daß dieses Wesen sich nicht durch eine Maschine simulieren läßt. Das gerät letztlich zu einem Eiertanz nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Am deutlichsten zeigt sich das im siebten Kapitel, in dem sie beweisen will, daß mentale Vorgänge sich nicht unabhängig von ihrer physikalischen Basis beschreiben ließen. Ihre Argumente dafür sind wenig überzeugend.

An manchen Stellen hat man das Gefühl, die Autorin müßte aufgrund ihrer Einsichten ihren materialistischen Ausgangspunkt selbst einmal vorurteilslos und kritisch hinterfragen. Alle menschliche Erkenntnis stammt aus Beobachtung und Denken, aus denkender Durchdringung der Beobachtungen. Solange aber der sich zwischen Beobachtung und Erkenntnis schiebende Prozeß – eben das Denken – unbekannt ist, solange ist auch der Zusammenhang zwischen diesen beiden ungeklärt. Einzig, wenn sich die Beobachtung auf das Denken selbst richtet, schwebt nichts Unbekanntes mehr im Hintergrund, ist der beobachtete Gegenstand qualitativ derselbe wie die Tätigkeit, die sich auf ihn richtet. Eine gültige Aussage über das Denken kann also nur aus der Selbstbeobachtung des Denkens heraus gewonnen werden; alles andere ist pure Spekulation. Ob ein materialistischer oder ein anderer Standpunkt gerechtfertigt ist, kann erst dann entschieden werden, wenn aus solcher Erkenntnis des Denkens heraus eine Urteilsfähigkeit erwachsen ist.

Wenn man eine materialistische Grundhaltung einnimmt (und es zum Beispiel für empirisch erwiesen hält, daß das Denken im Gehirn „stattfinde“, daß etwa das Gehirn Gedanken absondere wie der Magen Magensäure), ist das vorliegende Ergebnis wohl ungefähr das Äußerste, zu dem man kommen kann. Insofern ist Barbara Beckers Beweisführung dafür, daß viele Grundansätze der KI selbst von einem materialistischen Standpunkt aus nicht haltbar sind, bereits eindrucksvoll. Daß ihre Argumentation im zweiten Teil letztlich nicht überzeugen kann, sondern sich auf dumpfe Gefühle stützen muß, liegt eben an einer zu oberflächlichen Behandlung des Ausgangspunktes, des menschlichen Denkens selbst.

Trotzdem ist das Buch schon wegen des ersten Teils durchaus zu empfehlen. Der zweite bietet immerhin eine gründliche Einführung in den Problemkreis der KI und enthält einige bemerkenswerte neue Einsichten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1993, Seite 121
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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