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Rezensionen: Kulturethologische Aspekte der Technikentwicklung.Matreier Gespräche.

austria medien service, Graz 1996. 320 Seiten, öS 380,-.

Technik-Anwendung. Matreier Gespräche.

austria medien service, Graz 1996. 200 Seiten, öS 298,-.

Was verbindet die Entstehungsgeschichte der Lebewesen mit der von Wiegen, Glühlampen oder Füllfederhaltern? Gibt es so etwas wie eine Selektion unter verschiedenen Automobiltypen oder Baustilen? Fragen wie diese stellt eine interdisziplinäre Forschungsrichtung, die der Wiener Verhaltensforscher Otto Koenig (1914 bis 1992), Schüler von Konrad Lorenz (1903 bis 1989; Nobelpreis 1973), um 1970 unter dem Namen Kulturethologie begründet hat: Sie betrachtet die Entwicklung kultureller Phänomene in Analogie zur biologischen Evolution; Koenigs Paradigma waren die Uniformen.

Die vorliegenden Bände enthalten Beiträge einer Gesprächsrunde in der Osttiroler Gemeinde Matrei, zu der jedes Jahr eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern verschiedenster Provenienz eingeladen wird. "Kulturethologische Aspekte der Technikentwicklung" war das Thema von 1994.

In ihrem ältesten und immer noch wichtigen Forschungsbereich sucht die Kulturethologie strukturelle Universalien – elementare Verlaufsformen der Kulturentwicklung – aufzudecken. Der Herausgeber und Autor Max Liedtke, Pädagoge am Institut für anthropologisch-histo-ri-sche Bildungsforschung der Universität Erlangen-Nürnberg, arbeitet diese unter anderem am Beispiel der Schreibgeräte heraus. In ihrem historischen Wandel findet er typische Muster der organismischen Evolution wieder wie das Konkurrenzprinzip, konvergente Entwicklungen oder eine Tendenz zur Luxurierung, wie sie etwa bei Vogelmännchen an dem durch sexuelle Selektion entstandenen Prunkgefieder zu beobachten ist. Auch wenn manche Vergleiche sehr konstruiert wirken und Liedtke den einen oder anderen problematischen Begriff (etwa den der Höherentwicklung in der biologischen Evolution) allzu unbekümmert verwendet, stellt er doch recht differenziert und anschaulich dar, wie sich einzelne Eigenschaften der biologischen Evolution in der technischen Entwicklung wiederfinden lassen.

Nicht alle Autoren gehen jedoch so intensiv auf das Thema des Bandes ein; einige beschränken sich sogar auf die bloße Darstellung historischer oder ethnographischer Details technischer Phänomene, die allenfalls Spezialisten interessieren mögen. Vor allem aber mangelt es den meisten Beiträgen an kritischer Distanz zum kulturethologischen Ansatz.

Zwar ist die rein phänomenologische Übertragung evolutionärer Prinzipien auf nichtbiologische Bereiche im Prinzip legitim und wird in der Literatur- ebenso wie in der Rechtswissenschaft, in der Soziologie und in der Pädagogik mit unterschiedlichem Gewinn praktiziert. Aber man sollte nun nicht in den Fehler verfallen, die Analogie gänzlich zu generalisieren. Liedtke geht jedoch nur kurz auf wesentliche Unterschiede zwischen kultureller und organismischer Evolution, zum Beispiel auf deren unterschiedliche Geschwindigkeiten, ein.

Der Pädagoge Detlef Promp weiß seine Kritik eingehender zu begründen: Während in der biologischen Evolution die Gene als Replikatoren ihrer selbst wirken, sind kulturelle Bewußtseinsinhalte immateriell; sie werden tradiert und schon dadurch vom Empfänger verändert, sind also nicht im biologischen Sinne vererbbar. Für den kritischen Leser schließt sich die Frage an, welchen heuristischen Wert das Auffinden rein struktureller Übereinstimmungen zwischen biologischen und kulturellen Vorgängen in sich birgt und ob es zum Verständnis eines so vieldiskutierten Prozesses wie der gegenwärtigen technologischen Umwälzung noch Wesentliches beitragen kann.

Die Beiträge des Bandes "Technik-Anwendung", die aus den Matreier Gesprächen des Jahres l995 hervorgingen, sind weniger stark auf den kulturethologischen Ansatz ausgerichtet. Es geht um den Umgang des Menschen mit der Technik, zum einen aus der historisch-vergleichenden Perspektive (ein Beitrag des Nürnberger Volkskundlers Hartmut Heller befaßt sich mit der Bedeutung der Uhr), zum anderen mit Blick auf Neuerungen wie gentechnische Anwendungen in der Humanmedizin oder die Optimierung technischer Geräte mit Hilfe der Fuzzy Logic (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Juni 1995, Seite 34).

Einen interessanten Überblick über historische und aktuelle Positionen der Theologie gegenüber der Technik bietet der Wiener Theologe Gustav Reingrabner. Sein Beitrag schließt mit einem Plädoyer für eine stärkere Orientierung an ethischen Richtlinien bei der weiteren Entwicklung der Technik.

Wer nach der Lektüre des Vorworts hofft, Details über Nutzen sowie soziale und ökologische Kosten technischer Errungenschaften zu erfahren, wird enttäuscht. Auch Liedtkes vielversprechender Versuch einer Ökobilanzierung von Kultur geht nur am Rande auf Technik

als deren prägende neuzeitliche Komponente ein.

Immerhin beschäftigt sich der Hu-man-etho-loge Irenäus Eibl-Eibesfeldt vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen mit der humanbiologischen Voraussetzung für die Umweltschädigung, welche er als ökolo-gischen Kostenfaktor auffaßt. Er nennt das Dominanzstreben als einen Faktor der ausbeuterischen Grundhaltung des Menschen, dem jedoch Naturliebe und das Engagement für die Nachkommen

als konstruktive Kräfte entgegenstünden; schließlich bezieht er – in bekannter

Manier – auch gesellschaftspolitisch Stellung.

Wird es der Kulturethologie gelingen, sich dynamisch fortzuentwickeln, auf fruchtbare Weise zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu vermitteln

und zugleich Anschluß an die moderne Ethologie zu gewinnen? Das bleibt abzuwarten.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1998, Seite 136
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1998

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