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Labor Erde. Bausteine für einen lebensfreundlichen Planeten


Dem Autor, Professor für Geochemie an der New Yorker Columbia-Universität, gelingt es, auf 250 Seiten die Geschichte der Erde darzustellen – vom Ursprung ihrer Materie bis zur Beeinflussung des globalen Klimas durch den Menschen. Dabei bietet er nicht nur einen guten Gesamtüberblick, sondern führt den Leser auch in vielen Details bis an die Front der Forschung heran. Die bis auf Kleinigkeiten recht gut gelungene Übersetzung des zehn Jahre alten Originaltextes wurde zudem aktualisiert und kapitelweise durch Angabe neuerer Übersichtsliteratur ergänzt, so daß trotz raschen Fortschritts auf manchen der berührten Gebiete das Buch kaum veraltet ist.

Gelegentlich erweckt Wallace S. Broecker durch Erläuterung von Grundbegriffen den Eindruck, er erwarte keinerlei naturwissenschaftliche Vorkenntnisse. Tatsächlich ist das Buch nur für Studenten oder ausgebildete Naturwissenschaftler – speziell für Chemiker, Geologen und Astrophysiker – leicht lesbar. Lehrer erhalten wertvolle Anregungen, weil die zahlreichen Details oft unter didaktischen Gesichtspunkten ausgewählt sind. So teilt Broecker dem Leser nicht nur von oben herab mit, was bei der Forschung herauskam, sondern verlockt, ja zwingt ihn auf fast sokratische Weise zum Mitdenken. Gelegentlich vermittelt er wirkliches Methodenverständnis. Wer sich darauf aus Trägheit oder Ungeduld nicht einlassen will, muß dennoch nicht den Faden verlieren.

Ein Astrophysiker wird sich an manchen Formulierungen in den einleitenden Kapiteln über den Urknall sowie die Entstehung und Entwicklung von Galaxien und Sternen stoßen. Zum Beispiel ist vom Zentrum des Universums die Rede, oder Pulsare werden mit Cepheiden verwechselt. Wo es um die Entstehung der Elemente geht, werden Modellvorstellungen über den Beitrag der Supernovae angeführt, die einige Jahre alt – und das heißt ziemlich veraltet – sind. Doch ist auch hier an vielen Details das Wesentliche gut getroffen und das Gesamtbild einleuchtend.

Didaktisch hervorragend gelungen ist zum Beispiel das Kapitel über die Altersbestimmung im Kosmos und im Planetensystem. Ausgehend von den allgemeinverständlich dargestellten Grundprinzipien dringt der Text bis zu den verwirrendsten Isotopenanomalien vor, die mehr und mehr Einblick in überraschend schnelle Abläufe bei der Entstehung des Sonnensystems gestatten. Eine ähnlich faszinierende Unterrichtsstunde bietet das Kapitel über Zeitpunkt und Dauer der Entstehung von Kern und Kruste der Erde. Nur die Plattentektonik ist gar zu knapp behandelt.

In den späteren Kapiteln wird immer deutlicher, wie viele – aus unserer Rückschau glückliche – Zufälle daran beteiligt waren, daß die Oberfläche unseres Planeten nicht eine kalte, tote Steinwüste wurde wie die des Mars und nicht in einem Dampfkessel steckt wie die der Venus. Wo Broecker die Entstehung und Entwicklung der Erdatmosphäre und der mineralischen Lagerstätten beschreibt, verschafft er dem Leser nicht nur Einblick in manche der beteiligten Mechanismen, sondern lehrt ihn zugleich das Staunen über ihre unfaßbar vielen Wechselwirkungsmöglichkeiten. Dabei bezieht er in kontroversen Fragen nie dogmatisch Stellung, sondern stellt stets verschiedene Argumente vor.

Der Teil über Klimageschichte und Treibhauseffekt ist trotz des raschen Fortschritts der klimatologischen Forschung ebenfalls noch lesenswert. Freilich wird hier deutlich, daß der Autor – wie noch die meisten Wissenschaftler – bei aller Einsicht in die Bedrohung sich scheut, auch nur in Betracht zu ziehen, daß der Mensch seine Einmischung in die Biosphäre wieder vermindern könnte: Weil wir die Menge der produzierten Gase nicht entscheidend beeinflussen könnten, müsse "unsere Strategie eher darauf ausgerichtet sein, wie wir mit den voraussichtlichen Veränderungen durch den Treibhauseffekt umgehen sollen". Broecker vergleicht unsere Situation mit der "eines Ingenieurs, der eine komplizierte technische Fabrik leiten soll", und erwähnt dabei nicht etwa die Möglichkeit gesellschaftlicher Reduktionsstrategien, sondern nur "Forderungen nach höherer Produktion".

In diesem Zusammenhang ist zu erkennen, daß Broecker über Energieprobleme nicht besser informiert ist als der Durchschnitt. Er hat nur mäßige Bedenken gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie und behauptet, 15 Prozent des heutigen Primärenergiebedarfs würden auf diesem Wege gedeckt, während es tatsächlich weltweit lediglich rund 5 Prozent sind. Zudem teilt er das übliche Mißverständnis, die Nutzung der Sonnenenergie in großem Maßstab sei "nur nach einem großen technischen Durchbruch ökonomisch möglich"; dabei sind es längst nicht mehr technische, sondern politisch-wirtschaftliche Bedingungen, die ihrer - dringend gebotenen – breiten Anwendung im Wege stehen.

Wegen des Reichtums an interessanten Details hätte dieses Büchlein trotz seiner Kürze einen ausführlicheren Index verdient. Insgesamt aber ist es sehr empfehlenswert, weil die Fülle der Einzelheiten aus recht verschiedenen Fachbereichen die verwickelten Zusammenhänge sichtbar werden läßt – und nicht zuletzt, weil überall die Persönlichkeit eines klugen und doch bescheidenen Lehrers durchscheint.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1995, Seite 124
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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