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Leben in der aztekischen Provinz

In ländlichen wie städtischen Siedlungen hatte die einfache Bevölkerung des letzten indianischen Großreiches in Mittelamerika ein recht gutes Auskommen. Denn das wirtschaftliche Leben war vielgestaltiger, als die historischen Quellen und die bis in neuere Zeit spärlichen archäologischen Befunde vermuten ließen.

Als der Spanier Hernán Cortés (1485 bis 1547) mit seinem Erobererheer 1519 in Tenochtitlán im Hochtal von Mexiko einzog, war die aztekische Hauptstadt die Metropole eines ausgedehnten Tribut-Imperiums. Der damalige Herrscher, Motecuhzoma II. (um 1466 bis 1520), stand an der Spitze einer differenzierten sozialen und politischen Hierarchie; den Adligen verschiedenen Ranges hatte die einfache Bevölkerung Gefolgschaft und Abgaben zu leisten. Unter dem Inhaber der Zentralgewalt rangierten die Regenten der unterworfenen, abhängigen Staatswesen. Die Azteken verfolgten dort eine Politik der indirekten Herrschaft: Sie beließen die einheimischen Eliten in ihren Rechten und Privilegien, solange diese als Gegenleistung den vierteljährlich fälligen Tribut entrichteten. Spezielle Beamte verzeichneten solche Lieferungen in Listen; im Codex Mendoza, einer Bilderhandschrift der frühen Kolonialzeit, sind unter anderem Naturalien aufgeführt, des weiteren Textilien wie gemusterte Stoffe und farbige Kriegeruniformen sowie kunsthandwerkliche Produkte etwa aus Jade, Gold und schillernden Federn der Quetzal-Vögel (Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1992, Seite 68). Den einzelnen Regenten war wiederum der in der Region ansässige Land- und Stadtadel untertan.

Die einfache Bevölkerung, zuunterst in der Hierarchie, hatte mit ihren Tributleistungen den Unterhalt sämtlicher Adliger zu gewährleisten. Wie konnte sie ihren zweifellos hohen Abgabeverpflichtungen überhaupt nachkommen? Zunächst einmal dadurch, daß diese soziale Schicht Millionen von Menschen umfaßte, die Tributlast sich also auf viele Schultern verteilte.

In der von Archäologen so bezeichneten aztekischen Periode (eine rein zeitliche Angabe) hatte sich nämlich eine der bedeutendsten Bevölkerungsexplosionen des Altertums ereignet, wie man seit den siebziger Jahren aus Untersuchungen des Besiedlungsmusters weiß. So schnellte im Hochtal von Mexiko, dem Kerngebiet des Aztekenreiches, die Zahl der Bewohner von 175000 während der frühen

aztekischen Periode (1150 bis 1350) auf fast eine Million während der späten (bis 1519). In ähnlicher Weise wuchs die Bevölkerung in anderen Teilen des Reiches an. (Die Azteken waren im 12. Jahrhundert von Norden her in das besiedelte Tal eingedrungen und hatten dann um Mitte des 14. Jahrhunderts Tenochtitlán auf einer Insel im See von Texcoco gegründet. Durch geschicktes politisches und militärisches Taktieren schufen sie das letzte große indianischen Staatswesen Mesoamerikas.)

Die Bevölkerungsexplosion brachte erhebliche Eingriffe in die natürliche Umwelt Zentralmexikos mit sich. Allenthalben entstanden neue Städte und Dörfer, und jegliches verfügbare Land wurde kultiviert, was oft nur mit erheblichem Arbeitsaufwand zu bewerkstelligen war. Wo immer möglich, legten die Bauern Dämme und Kanäle zur Bewässerung an und terrassierten die Berghänge, um zusätzlich bestellbare Flächen zu gewinnen (Bild 3). Seeuferzonen erhielten Drainagen, und im Sumpf um Tenochtitlán wurden künstliche Anbauinseln (Chinampas) angelegt, eine der ertragreichsten im Altertum entwickelten landwirtschaftlichen Praktiken. Dazu hat man dort, aber auch an seichten Stellen, auf einer Unterlage aus Flechtwerk Erde und fruchtbaren Schlick vom Gewässerboden aufgeschüttet. (Solche schwimmenden Gärten werden auch heute noch in Zentralmexiko bewirtschaftet.) Dank all dieser Formen intensiven Feldbaus verwandelte sich Zentralmexiko in eine agrarische Kulturlandschaft.

Machten Tributabschöpfung, Bevölkerungswachstum und aufwendige Intensivierung des Feldbaus das einfache Volk des Aztekenreiches zu armen Knechten, oder konnte es zu Wohlstand gelangen? Nur wenige der erhaltenen schriftlichen historischen Quellen geben über die Lebensbedingungen außerhalb der Hauptstadt Tenochtitlán Auskunft, und somit ist es Aufgabe von Archäologen, diesen Fragen nachzugehen.

Bis in neuere Zeit waren aztekische archäologische Stätten kein Gegenstand bedeutender Grabungen. Die meisten Städte und Siedlungen des Reiches wurden entweder während der Eroberung zerstört oder von den Spaniern besetzt und verschwanden unter neuer Bebauung. Erhalten geblieben waren nur wenige unscheinbare Bauerndörfchen. In Mesoamerika grabende Archäologen mieden sie mehrheitlich, zogen direkt zu den spektakulären, im Dschungel verborgenen Ruinen der klassischen Mayakultur. Aztekische archäologische Stätten waren ihrer Ansicht nach entweder zu klein, um nennenswerte Ergebnisse erwarten zu lassen, oder zu schwierig freizulegen. Diese Einstellung änderte sich schlagartig im Jahr 1978, als die mexikanische Regierung die großflächige Ausgrabung des Haupttempels von Tenochtitlán veranlaßte. Die Großartigkeit dieses mitten im heutigen Mexiko-Stadt gelegenen Gebäudekomplexes und der Reichtum seiner Opferdepots weckten neuerliches Interesse an der aztekischen Kultur (Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1984, Seite 94). Freilich vermittelten die Funde dort keine nennenswerten neuen Einsichten in das Leben der einfachen Bevölkerung der Provinzen.

Dem beschlossen meine Frau Cynthia Heath-Smith und ich durch archäologische Untersuchungen ländlicher und urbaner Fundstätten im heutigen mexikanischen Bundesstaat Morelos nachzugehen. Diese Region unmittelbar im Süden des Hochtals von Mexiko hatten die

Azteken als erste unterworfen, als sie in den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts

mit Eroberungsfeldzügen außerhalb ihres Kerngebiets begannen. Zunächst legten wir südwestlich des heutigen Cuernavaca zwei ländliche Siedlungen frei: Capilco und Cuexcomate. Später wandten wir uns der etwas östlicher gelegenen indianischen Stadtanlage von Yautepec zu (siehe Kasten auf Seite 71).

Wie die Ausgrabung von Häusern sowohl der Reichen wie der Armen ergab, waren die gesellschaftlichen Strukturen in den Provinzen des Aztekenreiches wesentlich differenzierter als ursprünglich angenommen. Die Landbevölkerung bestand keineswegs aus anspruchslosen Bauern, deren Dasein einzig und allein dem Erwirtschaften von Tributen für die hohen Herren diente. Die einfachen Leute in den aztekischen Provinzen, in der Stadt wie auf dem Land, nutzten in großem Umfang die Versorgungsmöglichkeiten eines schwunghaften Fernhandelssystems. Auf dem Markt tauschten sie

selbst hergestellte Handwerksprodukte gegen Importgüter, von denen ein vielfältiges Angebot existierte. Diese wirtschaftlichen Aktivitäten unterlagen großenteils keiner Kontrolle durch imperiale Aufsichtsinstanzen und wurden darum wohl von den ersten Berichterstattern über das Aztekenreich vernachlässigt.


Das Leben auf dem Lande

Ausgrabungen von Wohnhäusern und zugehörigen Hinterlassenschaften liefern nach Erfahrung von Archäologen oftmals die besten Informationen über soziale und wirtschaftliche Verhältnisse früherer Zeiten. Capilco und Cuexcomate schienen für unsere Zwecke eine gute Wahl, weil die Überreste der Hausmauern noch an der Oberfläche sichtbar waren und wir keine Zeit darauf verschwenden mußten, nach im Boden verborgenen Gebäudestrukturen zu suchen. Capilco war ein Dörfchen mit 21 Häusern, Cuexcomate hingegen eine Landgemeinde mit mehr als 150 Gebäuden, darunter Tempel, Lagergebäude sowie Anlagen, in denen der Abfall von rituellen Handlungen deponiert wurde. Mit einer Wohnfläche von durchschnittlich 15 Quadratmetern waren die Häuser beider Orte klein. Sie hatten Steinfundamente und darauf Mauern aus luftgetrockneten Lehmziegeln (Bild 2a). In 29 zufällig ausgewählten Häusern legten wir Suchschnitte an; zehn untersuchten wir eingehender auf Bauweise und eventuell hinterlassene Gerätschaften, insbesondere in den benachbarten Abfallgruben. Diese Grabungen erlaubten eine feinere chronologische Untergliederung der späten aztekischen Periode in Spätaztekisch A (1350 bis 1440) und B (1440 bis 1519) – und damit eine genauere Analyse der Befunde.

Capilco wurde bereits während der frühen aztekischen Periode von einer Handvoll Bauernfamilien gegründet. Mit der in Spätaztekisch A einsetzenden Bevölkerungsexplosion kam Cuexcomate hinzu, und beide Siedlungen vergrößerten sich rasch. Ihre Bewohner konnten von einem Feldbau, der allein die jahreszeitlichen Regenfälle nutzt, nicht mehr leben und waren zur Intensivierung der Landwirtschaft gezwungen. An Berghängen, in Fluß- und in Bachtälern legten sie Terrassen an, um zusätzliche und zugleich ertragreichere Flächen zum Anbau von Mais, Bohnen und Baumwolle zu gewinnen (Bild 3). Selbst freie Flächen zwischen den locker stehenden Gebäuden in beiden Siedlungen wurden vermutlich landwirtschaftlich genutzt.

In diesem Teil des Aztekenreiches war Baumwolle ein wichtiges Agrarprodukt, und in Heimarbeit daraus hergestellte Textilien entwickelten sich schnell zum bedeutendsten Handwerksprodukt. In jedem freigelegten Haus fanden sich zahlreiche Überreste keramischer Utensilien, die beim Verspinnen von Baumwolle verwendet wurden. Wie tönerne Schmuckperlen aussehende Spinnwirtel dienten als Schwunggewichte für den hölzernen Stab der zu drehenden Spindeln; eine kleine Dreifußschale hielt ihn in Führung (Bild 2f). Schriftliche Quellen belegen, daß sich alle Frauen, ob Sklavin oder königliche Prinzessin, mit Spinnen und Weben beschäftigten.

Baumwolltuch hatte eine weit über Bekleidungszwecke hinausgehende wirtschaftliche Bedeutung. Zum einen diente es als Tributgut – sowohl die Regenten in den abhängigen Staatswesen (Stadtstaaten) als auch die Herren in Tenochtitlán forderten von der einfachen Bevölkerung in erster Linie die Ablieferung von Baumwolltextilien. Zum anderen hatte es sich zu einer Art Zahlmittel entwickelt, mit dem sich auf den Märkten Waren und Dienstleistungen eintauschen ließen.

Einige Bewohner von Capilco und Cuexcomate stellten außer Textilien auch Papier aus der Rinde einer wilden Feigenbaumart her. Darauf weisen die in manchen Häusern gefundenen Rindenklopfer aus Basalt hin. Die Azteken verwendeten solches Papier für ihre Bilderhandschriften; außerdem verbrannten sie es als rituelle Gabe für ihre Gottheiten.

Die vielen Keramikgefäße, die von allen Haushalten verwendet und später ausrangiert worden waren, hat man vermutlich auf dem Markt erworben. Obwohl die ortsansässigen Töpfer alle Sorten von Gefäßformen anboten, kauften die Leute dennoch öfter verzierte Gefäße fremder Herkunft (Bild 2d). Etwa ein Zehntel der in Capilco und Cuexcomate gefundenen Keramik stammte aus dem Hochtal von Mexiko und anderen Gebieten. Sie war keineswegs gebrauchstüchtiger als die vor Ort hergestellte Ware. Die Leute hatten offenbar ganz einfach Freude daran, ihre Mahlzeiten in verziertem Geschirr zu servieren.

Wir fanden noch andere Arten importierter Waren, darunter Tausende beim Gebrauch zerbrochene Obsidianklingen; das nächste Vorkommen dieses Materials liegt rund 100 Kilometer entfernt. Solche Klingen mit ihren äußerst scharfen Schneiden waren wichtige Werkzeuge für häusliche und handwerkliche Arbeiten. Aus West-Mexiko stammten Nadeln und andere Geräte aus Bronze (Bild 2e). Salz kam aus dem Hochtal von Mexiko, wo es durch Kochen und Eindunsten aus dem salzhaltigen Wasser der Binnenseen gewonnen wurde. Transportiert hat man es in speziellen Keramikbecken, und in jedem freigelegten Haus fanden sich zahlreiche Scherben davon. Der Fernhandel verband also die beiden ländlichen Ortschaften Capilco und Cuexcomate mit anderen Regionen des Reiches und selbst darüber hinaus.

Die Ausgrabungen erbrachten ferner Einsichten in jene Lebensbereiche, welche die Landbevölkerung nicht dem Broterwerb widmete. Jedes Haus barg beispielsweise eine Anzahl von Räuchergefäßen und Keramikfigürchen, die Menschen und Gottheiten darstellten (Bild 2b). Verwendet wurden sie bei häuslichen Zeremonien, die der rituellen Reinigung und der Krankenheilung dienten; diese ergänzten die spektakulären öffentlichen Rituale, die in den größeren Ortschaften und in den Städten im Bereich der Tempelpyramiden stattfanden. Spanische Geistliche, die in der frühen Kolonialzeit in Mexiko wirkten, haben zwar die öffentlichen Manifestationen der aztekischen Religion detailliert beschrieben, und aus den Grabungen am Haupttempel von Tenochtitlán ließ sich dann ersehen, wo solche Aktivitäten abliefen. Doch bevor in neuerer Zeit auch Privatgebäude ausgegraben wurden, hatte die Forschung keinerlei Vorstellungen vom Charakter häuslicher Zeremonien.

Cuexcomate, als größerer Ort, beherbergte ein differenzierteres Gemeinwesen als Capilco. Angelegt war er um einen öffentlichen Platz, an dessen Ostseite eine kleine Tempelpyramide stand (Bild 1, Karte). Ihr gegenüber erstreckte sich auf 540 Quadratmetern Fläche eine markante Wohnanlage, viel größer als andere Heime. Ihre Räumlichkeiten wiesen Steinfußböden auf, wodurch sie sich über Bodenniveau erhoben. In dieser Anlage hatte man besseres Material verbaut als in den meisten anderen Häusern und sie sorgfältiger ausgestattet, beispielsweise großflächig Kalkputz auf die Wände aufgetragen. Dies zusammen mit einem Grundriß, der dem aztekischer Paläste entspricht, läßt auf den Sitz einer Adelsfamilie schließen.

Die Hinterlassenschaften darin unterschieden sich freilich nur in der Menge, nicht aber in ihrer Art von denen in den Behausungen der einfachen Leute. So fanden sich erwartungsgemäß deutlich größere Mengen verzierter Importkeramik, überraschenderweise aber keinerlei Waren, deren Besitz und Gebrauch ausschließlich Adligen vorbehalten gewesen wären. Selbst so kostspielige Importgüter wie mehrfarbig bemalte Schalen aus dem religiösen Zentrum Cholula (im Osten Zentralamerikas) oder Bronzegeräte und Jadeschmuck kamen auch in den Wohnungen von einfachen Leuten zutage. Offenkundig konnten die Angehörigen beider sozialer Schichten leicht auf die Versorgungsmöglichkeiten zugreifen, die das ausgedehnte aztekische Handelsnetz Zentralmexikos bot.

Um 1440 eroberten die Azteken das Gebiet um Capilco und Cuexcomate; damit begann die Periode Spätaztekisch B. Wenig später wurde der Adelssitz von Cuexcomate aufgegeben, und es entstand an der Nordseite des großen Platzes eine neue, kleinere Anlage. Die Zahl der Einwohner stieg weiter, schätzungsweise in Cuexcomate von 200 auf 800 und in Capilco von 35 auf 135. Die Bauern legten in großem Maßstab Anbauterrassen an, um mit dem Wachstum Schritt zu halten. Aber nachdem alles verfügbare Land derart genutzt war, gingen die Erträge zurück.

An Gerätschaften, Schmuck und Bauweise läßt sich der Lebensstandard einer vergangenen Zeit ablesen, und die Grabungsbefunde von Capilco und Cuexcomate belegen sein deutliches Absinken beim Übergang zu Spätaztekisch B. Beispielsweise besaßen in der späteren Zeit einfache Leute wie auch Adlige weniger an Importgütern und verzierter Keramik. Die Wohlstandsindikatoren, die wir aus der Menge der in jedem Haus gefundenen kostspieligen Gerätschaften errechnet haben, zeugen von einem stetigen Niedergang. Manche Angehörige der Unterschicht versuchten ihre wirtschaftlichen Probleme durch verstärkte Herstellung von Textilien zu lösen. In beiden Orten wiesen Häuser mit den meisten Geräten zum Baumwollspinnen den niedrigsten Wohlstandsindikator auf. Die ärmsten Familien widmeten sich also am stärksten der handwerklichen Produktion, wahrscheinlich um ihre Einkünfte aufzubessern, die durch geringe Ernte-Erträge oder Mangel an Land zurückgegangen waren. Ein solches Verhaltensmuster hat man in vielen Teilen der Erde beobachtet, wenn sich durch Überbevölkerung und Landknappheit der Lebensstandard verschlechterte.


Das Stadtleben

Wir vervollständigten unsere Untersuchungen über das provinzielle Leben schließlich in Yautepec, Zentrum eines zu Zeiten der Azteken einmal mächtigen Stadtstaates. Die Orte vorspanischer Städte sind in Zentralmexiko nach wie vor bewohnt, so daß ihre alten Ruinen unter verschiedenen Schichten historischer und moderner Bebauung begraben liegen. Die spanischen Eroberer errichteten nämlich auf den Überresten der heidnischen Tempelpyramiden ihre christlichen Kirchen und legten ihre eigenen Städte dort an, wo vorher indianische gewesen waren. In Yautepec jedoch überlagerte die spanische Siedlung nur einen Teil der alten. Unter Leitung von Hortensia de Vega begann 1989 ein Archäologen-Team vom mexikanischen Instituto Nacional de Antropología e Historia mit Grabungen an einem großen Erdhügel. Dieser entpuppte sich als die Überreste des ehemaligen Herrscherpalastes von Yautepec – der einzige aus aztekischer Zeit, der umfassend freigelegt werden soll. Wir wurden eingeladen, bei der Untersuchung von Gebäuden in anderen Teilen der alten Stadt mitzuarbeiten.

Damals existierten erst dürftige Kenntnisse über Städte aus aztekischer Zeit, abgesehen von Tenochtitlán, der Metropole des Reiches. Zwar hatten

Archäologen im Bereich alter Stadtanlagen im Hochtal von Mexiko Oberflächenfunde gesammelt, aber noch kein einziges urbanes Wohnhaus freigelegt. Während unserer ersten Grabungskampagne 1992 führten wir zunächst ebenfalls eine Oberflächenbegehung durch, um Ausmaß und Ausdehnung der Besiedlung in aztekischer Zeit festzustellen. Selbst innerhalb des Weichbildes der heutigen Stadt ließ sich die Ausdehnung des alten Yautepec unschwer verfolgen, das sich über etwas mehr als zwei Quadratkilometer Fläche erstreckte. Mit der Ausgrabung von Häusern begannen wir 1993; als erstes legten wir Suchschnitte in offenen Flächen und unbebauten Grundstücken an. Dadurch gelang es uns, sieben Häuser nebst ihren Höfen zu lokalisieren und später freizulegen.

Eine Fülle dichtgesäter Fundstücke kam dabei zutage: in insgesamt sechs Monaten Arbeit 1,2 Millionen Tonscherben und fast 50000 Obsidianobjekte, hauptsächlich Klingen und andere Werkzeuge. Ihre nähere Bestimmung und Untersuchung sind noch nicht abgeschlossen, aber es zeigen sich bereits gegenüber dem Material aus Capilco und Cuexcomate einige teils hochinteressante Übereinstimmungen, teils faszinierende Abweichungen.

Bei fünf der sieben freigelegten Gebäude handelte es sich um kleine Behausungen einfacher Leute, mit einer Durchschnittsfläche von 26 Quadratmetern. Wie auf dem Lande hatte man hier die Hauswände mit luftgetrockneten Lehmziegeln errichtet, und zwar ebenfalls auf Grundmauern aus unbehauenen Steinen. Ein weiteres, erheblich größeres Gebäude erwies sich als ein Adelswohnsitz von 430 Quadratmetern Fläche. Bei ihm hatte man in größerem Umfang behauene Steine verbaut und mehr Wände mit Kalk verputzt. Ein Gebäude mittlerer Größe, 80 Quadratmeter umfassend, befindet sich in einem schlechten Erhaltungszustand; über seinen Status herrscht keine Klarheit.

Die einfache Bevölkerung von Yautepec hatte wie die ländliche von Capilco und Cuexcomate leichten Zugang zu Importgütern. In ihren Wohnungen fanden sich die gleichen eingeführten Waren und Materialien: Keramik, Obsidian, Jade und Bronze sowie Salz. Mengenvergleiche können wir allerdings erst anstellen, wenn alle Stücke untersucht sind. Verschiedene noch laufende naturwissenschaftliche Analysen sollen Aufschluß über die Herkunft der verwendeten Rohmaterialien geben.

Im Falle des Obsidians wissen wir zumindest bereits, daß der größte Teil aus der Nähe von Pachuca stammt, einer Stadt nördlich des Hochtals von Mexiko; der Rest wird gerade mittels Röntgen-Fluoreszenz auf seine geologische Herkunft geprüft. Materialanalysen der Keramik mittels Neutronenaktivierung sowie mikroskopischen Untersuchungen von Dünnschliffen, wie sie ursprünglich in der Gesteinskunde entwickelt wurden, sollen die im Tal von Yautepec gefertigte Ware von der abgrenzen helfen, die aus anderen Gebieten Zentralmexikos eingeführt wurde.

Dorothy Hosler vom Massachusetts Institute of Technology (Kalifornien)

hat bereits Gestaltung, chemische Zusammensetzung und metallurgische Eigenschaften von Bronzeobjekten aus

den drei Siedlungen analysiert, darun-

ter Nähnadeln, Ahlen, Glöckchen und Pinzetten, alle aus einer Kupfer-Zinn- oder Kupfer-Arsen-Legierung. Im heutigen mexikanischen Bundesstaat Morelos wurde in vorspanischer Zeit kein Metall verarbeitet, und diese Bronzefundstücke ähneln äußerlich stark solchen aus dem Gebiet des mächtigen, rivalisierenden Taraskenreiches in Westmexiko.

Die Wissenschaftlerin hat unlängst die erste Blei-Isotopen-Analyse an Kupfererzen und -metallen aus dem vorspanischen Mesoamerika abgeschlossen. Die Erzproben entstammten verschiedenen Minen und die Metallgegenstände (in denen immer noch Blei in auswertbaren Konzentrationen vorhanden ist) von einer Anzahl weit verteilter Grabungsstätten, darunter Yautepec. Etliche der dort gefundenen Bronzeobjekte hatten tatsächlich die gleiche Isotopen-Signatur wie Erzproben aus dem Herrschaftsbereich der Tarasken. Dieses Volk lag schriftlichen Quellen zufolge mit den Azteken in ständigem Krieg. Daß dennoch Bronze – und übrigens auch Obsidian – aus dem Herrschaftsbereich der Tarasken über die Grenze gelangte und dank des aztekischen Fernhandelssystems selbst die einfache Bevölkerung in den Provinzen erreichte, belegen die Grabungsfunde.

Anders als in den beiden ländlichen Siedlungen Capilco und Cuexcomate haben die Bewohner von Yautepec zwar auch Textilien in Heimarbeit hergestellt, daneben aber noch zahlreiche weitere Handwerksprodukte. In vielen Haushalten wurden Klingen aus Obsidian gefertigt, und in einigen Grabungsabschnitten fanden sich Spuren der Herstellung von Lippen- und Ohrpflöcken sowie anderem Schmuck aus dem Material. Model für keramische Spinnwirtel und Tonfigürchen entdeckten wir ebenfalls (Bild 2c), zwar nicht in Massen, doch an vielen verschiedenen Stellen. Auch Rindenklopfer für die Papierproduktion kamen zum Vorschein. Alles in allem sieht es bislang ganz danach aus, als hätten viele einfache Familien Yautepecs verschiedenartige handwerkliche Erzeugnisse zusätzlich zu Baumwolltextilien hergestellt.


Die Menschen

Was verraten uns die Grabungsbefunde über die einfache Bevölkerung, die in den Provinzen des Aztekenreiches lebte? Der Gesamteindruck ist der, daß sie verhältnismäßig wohlhabend und wirtschaftlich aktiv war. Trotz ökonomischer Einbußen nach der Eroberung und der Einverleibung in das Aztekenreich hatte sie in Stadt und Land nach wie vor Zugang zu einer breiten Palette importierter Waren, die auf den Märkten angeboten wurden. Sowohl die schriftlichen als auch die archäologischen Zeugnisse lassen erkennen, daß das Handelssystem im Aztekenreich staatlicher Kontrolle weitgehend entzogen war. Über die Märkte waren selbst die kleinsten Bauerndörfer mit dem umfangreichen informellen Sektor des aztekischen Wirtschaftssystems in Zentralmexiko verbunden. Die Familien stellten eine Vielzahl von Handwerksprodukten her, die sie auf den Märkten verkauften. Die größte Bedeutung hatten im Falle der Fundstätten von Morelos die Baumwollstoffe, die von Frauen sozusagen in Heimarbeit gewebt wurden.

Aus schriftlichen Quellen wissen wir, daß der Adel einen Großteil des Grundbesitzes und das Machtmonopol in den Stadtstaaten innehatte und daß das einfache Volk ihm untertan und tributpflichtig war. Wie ärchäologische Befunde jedoch nahelegen, waren zumindest mancherorts in den Provinzen die damit verbundenen Lasten keineswegs unerträglich. Es gibt keinerlei Indizien dafür, daß der Adel Handwerk und Warenaustausch kontrollierte. Die Menschen konnten ein gewisses Maß an wirtschaftlichem Erfolg über Mittel und Wege erlangen, die abseits staatlicher Einflußnahme lagen und deshalb von der offiziellen Geschichtsschreibung der Azteken nicht berücksichtigt worden sind. Das Leben von bislang unbeachteten Menschen aus dem Dunkel der Vergangenheit zu holen, ist Lohn moderner archäologischer Arbeit.


Literaturhinweise

Archaeological Research at Aztec-Period Rural Sites in Morelos, Mexico, Band 1: Excavations and Architecture. Von M. E. Smith. University of Pittsburgh Memoirs in Latin American Archaeology, 1992.

Economies and Polities in the Aztec Realm. Herausgegeben von Mary G. Hodge und Michael E. Smith. Institute for Mesoamerican Studies, State University of New York at Albany, 1994.

The Aztecs. Von Michael E. Smith. Blackwell Publishers, 1996.

Copper Sources, Metal Productions, and Metals Trade in Late Postclassic Mesoamerica. Von Dorothy Hosler und Andrew Macfarlane in: Science, Band 273, Seiten 1819 bis 1824, 27. September 1996.

Die Azteken. Geschichte, Kultur, Religion. Von Hanns J. Prem. C. H. Beck, München 1996.

Das Reich der Azteken bis zum Vorabend der spanischen Eroberung. Von Elke Ruhnau in: Amerika 1492 bis 1992. Neue Welten – Neue Wirklichkeiten. Essays. Herausgegeben von Dietrich Briesemeister und Klaus Helf rich. Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Braunschweig. Westermann Verlag, Berlin 1992.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998, Seite 66
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998

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