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Leere Konservendose?



Der NASA-Planungsmanager Jesco von Puttkamer hat vor kurzem in einem Interview der "Dresdner Neuesten Nachrichten" die Befürchtung geäußert, daß der europäische Beitrag zur Internationalen Raumstation ISS, das Orbitallabor Columbus, eine leere Konservendose bleiben könnte, wenn weiterhin die Finanzierung der Nutzerausrüstung ungewiß bliebe.

Die Experimente, auf die man sich in Europa geeinigt hat, sind hauptsächlich zwei wissenschaftlichen Disziplinen zuzuordnen: der Physik von Flüssigkeiten und der Materialforschung. Im wesentlichen geht es also um die Bedeutung der Mikrogravitation – weitgehender Schwerelosigkeit – für ein kleines Spezialgebiet der physikalischen Forschung und für ebenfalls sehr spezielle Aspekte einer Produkt- und Prozeßentwicklung für Werkstoffe. Da fragt sich, wer schon länger und intensiv den wissenschaftlich-technischen Nutzen bemannter Weltraumforschung kritisch verfolgt hat, wie denn diese Nutzung und deren Finanzierung mit dem Geld der Steuerzahler zu rechtfertigen sei.

Alle wesentlichen Argumente zum Für und Wider der bemannten Raumfahrt und ihrer Anwendungen sind längst und zur Genüge ausgetauscht. Dies gilt insbesondere für Begründung, Bedeutung, Qualität und Erfolg physikalischer und materialwissenschaftlicher Experimente. Allein aus der Deutschen Physikalischen Gesellschaft liegen inzwischen drei Stellungnahmen vor, die 1987, 1991 und 1998 veröffentlicht worden sind. Die darin behandelten Aspekte in Kürze: Mit Ausnahme von Experimenten am Menschen selbst würden sich im Forschungsbereich fast alle Untersuchungen besser, präziser und kostengünstiger mit unbemannten Missionen durchführen lassen. Gerade weil die Bundesregierung eine Optimierung unter Kosten/Nutzen-Aspekten einfordert, müßten alle in der Internationalen Raumstation geplanten Experimente streng geprüft werden. Und die Aufwendungen für die durchzuführenden Versuche sollten nicht zu Lasten der florierenden Bereiche der unbemannten Weltraumforschung und -technologie und anderer nationaler Schwerpunkte in Forschung und Technologieentwicklung gehen. Mit diesen Einwänden und Forderungen stehen die Physiker nicht allein.

Der bisherige Bundesforschungsminister Rüttgers hat mir in einem Brief bestätigt, daß die Nutzung der ISS in den drei Bereichen Wissenschaft, angewandte Forschung und industrielle Nutzung schon heute mit entsprechenden Maßnahmen voranzutreiben sei. Hierzu gehöre insbesondere auch, die Aktivitäten auf der Raumstation "als integralen Bestandteil terrestrischer Forschungsprogramme" zu verankern. Zugleich müsse die Forschung im Weltraum in ihren wissenschaftlichen Ansätzen zunehmend mit korrespondierenden terrestrischen Schwerpunkten abgestimmt und "im Wettbewerb mit ihnen bewertet" werden. Der Sorge, die Aufwendungen für die Raumstation gingen zu Lasten anderer Forschungsansätze, könne "durch eine ausbalancierte Förderung der verschiedenen Felder mit Priorität" begegnet werden. Auf dieses Ziel sei das mit der Umsetzung der Raumfahrtstrategie betraute Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) verpflichtet worden.

Wenn nun schon die Wissenschaft und die Politik recht ähnliche Bewertungs- und Vergabekriterien aufstellen, muß auch offen darüber gesprochen werden können, ob man das europäische Modul nicht auch zeitweise teil- oder ungenutzt lassen sollte, wenn keine im Wettbewerb mit "terrestrischen" Forschungsschwerpunkten ausreichend qualifizierten Nutzungsanforderungen vorliegen und deren Finanzierung deswegen nicht zu verantworten ist. Außer einer anfänglichen Peinlichkeit wären von einer derartigen wettbewerbsabhängigen Auslastung eigentlich nur positive Aspekte zu erwarten: Der Wissenschaft blieben möglicherweise unseriöse Begründungen und Begutachtungen von wissenschaftlich und finanziell inakzeptablen Vorhaben erspart, der Fiskus könnte die Finanzierung der Nutzerausrüstung strecken oder einsparen, und infolgedessen müßte auch die Förderung unbemannter Raumfahrtprojekte und anderer Felder mit forschungspolitischer Priorität nicht eingeschränkt werden.

Die Entscheidung für die ISS leitet sich nach wiederholten Aussagen der Bundesregierung und des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie nicht nur aus technologischen und wissenschaftlichen Zielsetzungen ab, sondern auch aus politischen, insbesondere außen- und bündnispolitischen Erwägungen. Deswegen sollte zur Auslastung des europäischen Moduls Columbus auch anderen Ländern angeboten werden, sich an der Nutzung zu beteiligen. In diesem Falle würden einerseits der Raumfahrtindustrie die Produktionsaufträge für das Modul sowie den europäischen Nutzern der Zugang zur ISS in der ursprünglichen Größenordnung erhalten bleiben; andererseits wäre die wissenschaftliche Gemeinschaft in den europäischen Ländern von dem Erwartungsdruck entlastet, mehr Mikrogravitationsforschung in der bemannten Raumstation zu betreiben, als durch ausreichend qualifizierte, den Aufwand rechtfertigende und deshalb auch finanzierbare Forschungs- und Entwicklungsprojekte begründet ist.

In einer Zeit, in der das stetige Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahre in das normale Auf und Ab der Konjunktur und anderer Einflüsse übergegangen ist, können die Wissenschaft und die Politik nicht mehr allen Visionen nachgehen, die man einstmals für machbar hielt. Angesichts der immer schärfer hervortretenden Verteilungsproblematik von staatlichen Finanzmitteln für die Forschung liegt es sicherlich gerade auch in der Verantwortung der Wissenschaftler – sowohl hinsichtlich der von ihnen beanspruchten Aufwendungen insgesamt als auch des jeweiligen Aufwandes für ein einzelnes Großprojekt –, sich kritisch mit der wissenschaftlichen und technischen Rechtfertigung der von ihnen verursachten Kosten auseinanderzusetzen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1998, Seite 52
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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