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Sucht: »Cannabis ist keine harmlose Droge, ob legalisiert oder nicht«

Die Psychologin Eva Hoch erforscht die Folgen des Cannabiskonsums und behandelt Menschen, die von der Substanz abhängig sind. Welche Chancen und Risiken sieht sie in der geplanten Legalisierung?
Cannabis

Frau Hoch, im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Grünen und FDP ist die Legalisierung von Cannabis verankert. Dort heißt es: »Wir führen die kon­trollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu ­Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein. ­Dadurch wird die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet. Das Gesetz evaluieren wir nach vier Jahren auf gesellschaftliche Auswirkun­gen.« Was sagen Sie als Cannabisforscherin dazu?

Es sind spannende Zeiten! Die Diskussion um die rechtliche Bewertung von Drogen wie auch ihrer Risiken begleitet uns als Gesellschaft ja schon lange. Die Legalisierungsdebatte wird sehr hitzig geführt und polarisiert. Das Thema Cannabis scheint die Gesellschaft zu spalten: Entweder ist die Substanz gut oder schlecht. Und entweder ist man für eine Legalisierung oder dagegen. Bislang sind wenige Details bekannt, wie die neue Bundesregierung Cannabis legalisieren will. Es gibt einen älteren Gesetzentwurf der Grünen zur kontrollierten Abgabe von Cannabis in lizenzierten Geschäften. Ob die Droge dann in Shops oder Apotheken gekauft werden kann, wer sie herstellen und vertreiben wird, wie der Jugendschutz sichergestellt werden soll, all das ist momentan noch nicht bekannt. Zudem müssen Bundestag und Bundesrat dem Gesetz noch zustimmen. Ich sehe meine Aufgabe darin, in diesem emotionalen Spannungsfeld Daten zu liefern und die Diskussion zu versachlichen. Ich bin international gut vernetzt mit anderen Forschergruppen und beobachte auch die Entwicklungen in anderen Ländern.

Fragen Parteien oder Regierungen Sie um Rat?

Ich werde immer wieder angefragt und bin für die WHO und die europäische Drogenbeauftragungsstelle tätig. Wenn Expertise zum Thema benötigt wird, liefere ich die gerne. Dabei zählt nicht meine persönliche Meinung, sondern ich gebe den wissenschaftlichen Kenntnisstand wieder. Das Bild der Substanz Cannabis ist in den letzten Jahren durch neue Erkenntnisse noch komplexer geworden.

Inwiefern?

Es geht nicht mehr nur um die Freizeitdroge, sondern auch um den Nutzen als Medizin. Seit 2017 ist Cannabis bei Menschen mit bestimmten schweren Erkrankungen zugelassen, bei denen andere Medikamente nicht helfen (siehe Gehirn&Geist 9/2021 »Cannabis: Droge mit Heilwirkung«, Anm. d. Red.). Die Hanfpflanze enthält unglaublich viele Cannabinoide, von denen man mittlerweile rund 150 kennt. Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist das Hauptcannabinoid. Es kann unter bestimmten Voraussetzungen für therapeutische Zwecke verordnet werden. Es ist aber auch für die berauschende Wirkung der Droge verantwortlich und hat das Potenzial, das Gehirn und den menschlichen Körper zu schädigen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist Cannabidiol (CBD). Es wird als Gegenspieler von THC angesehen, gilt als gut verträglich und nicht abhängig machend und hat auch positive pharmakologische Effekte, die bislang jedoch kaum untersucht sind. Auch die Palette an Cannabisprodukten hat sich in den letzten Jahren immens vergrößert. Es gibt inzwischen viele Möglichkeiten, CBD legal zu kaufen: als Salbe, Öl oder Blüten. Das hat die öffentliche Wahrnehmung verändert. Cannabis werden nicht nur wie früher schlechte Eigenschaften zugesprochen, sondern auch gute ...

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  • Quellen

Connor, J. P. et al.: Cannabis use and cannabis use disorder. Nature Reviews Disease Primers 7, 2021

Di Forti, M. et al.: The contribution of cannabis use to variation in the incidence of psychotic disorder across Europe (EU-GEI): A multicentre case-control study. The Lancet Psychiatry 6, 2019

Hall, W., Lynskey, M.: Assessing the public health impacts of legalizing recreational cannabis use: The US experience. World Psychiatry 19, 2020

Hoch, E. et al.: Cannabis: Potenzial und Risiko. Eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme. Springer, 2018

Hoch, E., Preuss, U. W.: Cannabis, Cannabinoide und Cannabiskonsumstörungen. PSYCH up2date 13, 2019

The United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC): World drug report 2021, E.21.XI.8