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Bischöfe: Leiter der Gemeinden, Herrscher der Städte

Als gallische Reichsaristokraten ins Bischofsamt drängten, suchten sie sich durch freiwillige Armut auszuzeichnen. Doch je mehr die Würdenträger Teil des königlichen Herrschaftssystems wurden, desto stärker verlor die Askese an Bedeutung.

Um das Jahr 370 fand in Tours, der Hauptstadt der gallischen Provinz Lugdunensis Tertia, eine bemerkenswerte Bischofswahl statt. Die Bürger der Stadt favorisierten keinen Angehörigen des Klerus der Diözese, sondern einen asketischen Einsiedler aus der Nähe des rund 100 Kilometer südlich gelegenen Poitiers, der im Ruf stand, Wunder zu bewirken. Dagegen opponierten etliche Bischöfe der übrigen Diözesen der Provinz, denn ein Mensch von so verachtenswertem Äußeren sei als Bischof untragbar: Schmutzige Kleidung und ungepflegtes Haar mochten einem Asketen zu Gesicht stehen, nicht aber einem kirchlichen Würdenträger.

Martin von Tours – um niemand Geringeren handelte es sich – wurde dennoch gewählt, blieb aber umstritten. Laut seinem Biografen Sulpicius Severus hatte er zwar nur wenige Widersacher, doch diese seien vor allem Bischöfe gewesen. Auch unmittelbar nach seinem Tod im Jahr 397 war Martin von Tours allem Anschein nach noch nicht sonderlich prominent, denn vergleichsweise wenige seiner Schüler gelangten auf Bischofssitze. Zum wichtigsten Heiligen ganz Galliens avancierte er erst deutlich später. Maßgeblichen Anteil daran hatte im 6. Jahrhundert der Frankenherrscher Chlodwig, der dem Heiligen eine besondere Verehrung entgegenbrachte und damit den Anstoß zu einer nachhaltigen Ausbreitung des Martinskults in seinem Reich gab.

Warum aber setzten die Bischöfe dem frommen Mann, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt haben soll, derartige Widerstände entgegen? Forscher versuchen dies in jüngerer Zeit vor allem mit dem Hinweis auf die Sozialstruktur des gallischen Episkopats zu erklären. Durch den Zerfall des Imperiums und seiner administrativen Strukturen verloren die Reichseliten ein wesentliches Betätigungsfeld, das traditionell ihr Selbstverständnis und Rangsystem bestimmt hatte: die Karriere in der römischen Reichsverwaltung. Den Verlust kompensierten nicht wenige, indem sie ihren gesellschaftlichen Leitungsanspruch als kirchliche Würdenträger aufrechtzuerhalten versuchten. Zerrissene Kleidung, wirres Haar und asketisches Gebaren vertrugen sich aber nicht mit den Kleidervorschriften und der Selbstdarstellung der Aristokraten. Und schlimmer noch: Martin stand für eine Vorstellung vom Bischof, der seine Autorität nicht aus dem ihm übertragenen Amt ableitete, sondern vielmehr aus der frommen Lebensführung, die ihn überhaupt erst dazu befähigte, das kirchliche Amt auszuüben. ...

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

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