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Gedächtnis: Von wegen Tiefschlaf

Während der Nachtruhe ist das Gehirn keineswegs untätig: Die wichtigsten Ereignisse vom Tag werden noch einmal durchgespielt, damit sie sich ins Langzeitgedächtnis eingraben. Dieser Wiederholungsmodus ist allerdings für einige Überraschungen gut!
Schlafende FrauLaden...

Jeder von uns hat schon einmal Folgendes erlebt: Man sitzt nach dem Mittagessen in einem Vortrag oder einem Meeting, das, ­gelinde gesagt, nicht ganz so interessant ist. Vielleicht hat man auch in der vergangenen Nacht nicht sehr viel Schlaf abbekommen. ­Jedenfalls gibt es kritische Momente, in denen man mit dem Einschlafen kämpft. Da geschieht es öfter, dass man plötzlich etwas vor sich sieht und sich nichts mehr bewegt. In der Filmsprache spricht man von einem "freeze", dem Einfrieren eines Bilds. Standbilder dieser Art können einfache, klare Gedanken darstellen, Geschriebenes, Gesichter, Landschaften. Wenn Sie einmal darauf achten, werden Sie der Liste leicht eigene Inhalte hinzufügen können. Was auch immer das im ­Einzelnen ist, es steht uns sehr detailreich vor Augen, nur tut sich eben in diesem Bild nichts mehr. Die Welt steht still. Sollte man noch in der Lage sein, sich zu wundern, warum kein Windhauch mehr die Blätter bewegt, hat man noch die Chance, wieder in den Wachzustand zurückzufinden. Andernfalls ist man auf bestem Weg, in einen tiefen Schlaf zu versinken.

Wenn nun schon am Anfang des Schlafs solche bildhaften Vorstellungen stehen, die allerdings alles Szenische ausschließen, ist es nicht mehr weit zu der Annahme, dass auch wenig später noch eine visuelle Wahrnehmung vorhanden sein kann – das heißt dann, wenn direkt nach dem Einschlafen die erste Tiefschlafphase folgt. Psychologen sind der Frage experimentell nachgegangen. In einem Schlaflabor weckte man Probanden zu jeder Zeit ihres Schlafs und fragte ab, was sie gerade wahrgenommen hatten. Es stellte sich heraus, dass bei Menschen mit leichtem Schlaf offenbar zu jeder Zeit bildhafte Eindrücke vorhanden sind.

Im Vergleich zu unseren bewegten Träumen sind die Wahrnehmungen aber nicht so emotional erregend, weniger ichbezogen, weniger wechselhaft, jedoch insgesamt gar nicht so weit vom Tagerleben entfernt, was ihre Inhalte und ihre Wahrscheinlichkeit betrifft. Besonders in den späteren Schlafphasen der Morgenstunden werden auch die Träume im Tiefschlaf lebhafter und deutlicher. Menschen, die richtig tief schlafen, berichteten dagegen, dass die Zustände außerhalb des Traumschlafs eher einer Form von ­Denken gleichen als einer Wahrnehmung. Zu denken geben muss auch der Umstand, dass ­Phänomene wie das Schlafwandeln nicht während der Perioden des Traumschlafs auftreten, sondern gerade dann, wenn solche Phasen noch gar nicht erreicht sind. Es muss sich also schon etwas tun, wenn wir für gemeinhin meinen, noch weit weg von der Phase zu sein, in der uns Träume klar und durchsichtig erscheinen. ...

10/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 10/2015

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  • Quellen

Dieser Artikel ist ein leicht gekürzter Vorabdruck aus "Das geniale Gedächtnis. Wie das Gehirn aus der Vergangenheit unsere Zukunft macht" von Hannah Monyer und Martin Gessmann. Das Buch erscheint am 21. September 2015 im Knaus Verlag.

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