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Leserbriefe



Strafe muss nicht sein
Forschung Aktuell, September 2003

Der Mensch ist ein Lebewesen der Gemeinschaft
Das erkannte bereits Aristoteles. Nur falls der Mensch ein Eigenbrötler wäre, könnte man ein anderes Verhalten erwarten als die geschilderte soziale Fairness. Innerhalb der Gemeinschaft sind einige Verhaltensweisen logisch, die für den Einzelnen nicht vorteilhaft erscheinen.
Als archetypische "Nesthocker" werden wir von klein auf sozial konditioniert. Ein Verhaltenstherapeut kennt die Schwierigkeiten, den Menschen zu einer Veränderung dieser eingeprägten "Konstrukte" zu verhelfen. Es wäre interessant, andere Kulturkreise zum Vergleich heranzuziehen oder das soziale Verhalten gezwungener "Nestflüchter" (Waisen, Vernächlässigte, Flüchtlinge) zu studieren. Ich glaube, dass sämtliche Probleme der heutigen globalen Krisen daran erkennbar werden.
Wenn sich Mitmenschen nicht als Teil der Gesellschaft erkennen, dann kann auch kein Altruismus für das Gemeinwohl entwickelt werden.
Dr. Karsten Löhr, Ulm

Mangelnde Fairness des Partners Schule
Das Ergebnis des Experiments von Ernst Fehr und Bettina Rockenbach findet eine bemerkenswerte Parallele im deutschen Schulsystem. Die hinlänglich bekannte Selektierung unserer Schüler am Ende des 4. Schuljahrs wird von den Betroffenen als sehr harte und unangemessene Sanktion empfunden. Die mangelnde Fairness des Partners Schule führt bei den Schülerinnen und Schülern zu einem "Schmolleffekt", der zu einer erheblichen Leistungsminderung führt. Wie ineffektiv und wie unökonomisch das deutsche Schulsystem deshalb ist, hat uns die Pisa-Studie unlängst bestätigt. Fehr und Rockenbach sollten ihre Tests kindgerecht aufbereiten und sie an Grundschulen, Haupt- und Realschulen wiederholen.
Hartmut Horn, Hechingen

Paralleluniversen
August 2003

Probleme mit Doppelgängern erörtern
Es mag ja sein, dass der Widerstand gegen Multiversum-Theorien allmählich nachlässt. Angesichts der noch zu lösenden kleinen Probleme dieser Theorien bin ich selbst etwas zurückhaltend und werde mir darüber erst dann eine Meinung bilden, wenn ich die Probleme mit meinen zahlreichen Doppelgängern ausführlich erörtert habe.
Dr. Karl Mistelberger, Erlangen

Wie expandiert Unendliches?
Ich scheitere bereits am "Ebene-I-Multiversum". Die vom Autor offenbar akzeptierte Urknall-Hypothese lässt meiner Ansicht nach kein unendlich großes Universum zu, da seit dem Urknall nur endlich viel Zeit für die Expansion zur Verfügung stand.
Selbst wenn die "Inflation" es dann auf einen unendlichen Durchmesser aufgebläht haben sollte, bleibt die Frage, wie etwas Unendliches noch weiter expandieren kann.
Dr. Christian Jäkel, Beringstedt

Antwort des Autors:
Der Urknall ereignete sich nicht nur an einem Punkt, sondern überall gleichzeitig, darum brauchte die Materie jenseits unseres Horizonts nicht erst große Entfernungen zurückzulegen, um dorthin zu gelangen.

Zuflucht in prinzipiell Unbeobachtbarem gesucht
Tegmark verweigert die Unterscheidung zwischen "möglich" und "wirklich".
Um die speziellen Eigenschaften unseres Universums zu erklären, betrachtet er jeweils alle anderen Eigenschaften, die stattdessen auch denkbar wären, und sortiert die so definierten Denkmodelle in vier Ebenen unendlichfacher "Multiversen". Alle darin enthaltenen Einzeluniversen seien gleichermaßen real. Dagegen spricht:
1. Nicht alles Denkbare existiert auch schon.
2. Die "Vogelperspektive" des Multiversums verfehlt die Aufgabe der Physik, unser (das empirisch zugängliche) Universum zu beschreiben. Hier wird Abstraktion missverstanden.
3. Bei aller kreativen Fantasie, die die Wissenschaft braucht, ist es ein Unterschied, ob man zur Erklärung nur momentan Unzugängliches, aber doch prinzipiell Beobachtbares postuliert, oder ob man (wie Tegmark) in prinzipiell Unbeobachtbarem Zuflucht sucht. Im einen Fall können brillante theoretische Vorhersagen gelingen, im anderen droht haltlose Metaphysik.
Helmut Fink, Erlangen

Zuerst kam die Feder
Oktober 2003

Es ist klar, dass für die Entwicklung des Vogelfluges mehrere Zwischenschritte notwendig waren, von denen jeder einen evolutionären Vorteil geboten haben muss. Das gilt auch für die Entwicklung der Vogelflügel selbst.
Eine fast 150 Jahre alte Beobachtung illustriert die Tatsache, dass auch Flügel, die zum Fliegen ungeeignet sind, einen evolutionären Vorteil bieten können. Der Architekt Antonio Gaudí (1852-1926) hat diese Beobachtung in seiner Kindheit gemacht. Als einer seiner Lehrer sagte, dass Vögel ihre Flügel zum Fliegen brauchen, wies er darauf hin, dass die Hühner in Nachbars Garten ihre Flügel nicht zum Fliegen benutzen, sondern dazu, schneller zu laufen.
Jörg Michael, Hannover

Der steinige Weg zur Anti-Aging-Pille
Juli 2003

Dieser Artikel hat mich aufgeregt. Hier wird erforscht, was dem modernen Menschen noch fehlte: Die Pille für hemmungsloses Schlemmen ohne Reue. Ist das nicht eine Höchstform von Dekadenz? Wenn wir es nicht schaffen, unsere Kalorienzufuhr selbst auf das notwendige Maß zu beschränken, so bietet uns die Pharmaindustrie demnächst die Lösung – konsumieren bis zum Gehtnichtmehr!
Mein Vorschlag: Jeder spende den Teil X, den er für zu viel Nahrung und Genussmittel ausgibt, direkt der Entwicklungshilfe oder ähnlichen Institutionen. Dadurch können dann neben den im Überfluss Lebenden viele weitere Menschen in Regionen ohne Fettsucht ebenfalls eine Chance auf ein längeres und gesünderes Leben erhalten.
Hartmut Schaub, Berlin

Sehtraining bei Teilblindheit
September 2003

In dem Artikel wird meines Erachtens aufgezeigt, wie Forschungsneid selbst ethische Grenzen überwindet. Da müssen die Autoren sich vorwerfen lassen, trotz eindeutiger Messergebnisse nicht wissenschaftlich gehandelt zu haben, weil Doppelblindversuche fehlen. Diese machen wissenschaftlich aber nur Sinn, wenn Unklarheit über die Vollständigkeit der Rahmenbedingungen besteht oder Letztere schnell wechseln. Herrscht aber einigermaßen Klarheit oder Konstanz, so ist ein Versuchsergebnis für sich alleine bereits aussagekräftig. Nach den Ausführungen der Autoren scheint hier der zweite Fall zuzutreffen.
Nun gehört in einigen Bereichen der Doppelblindversuch zum Standardrepertoire und wird "blind" ausgeführt oder eingefordert. Indem schwer behinderten Menschen zugemutet wird, aus mehr oder weniger pseudowissenschaftlichen Gründen sinnlose Langzeitexperimente über sich ergehen zu lassen, wird meiner Ansicht nach eindeutig ein ethischer Rahmen verlassen.
Prof. Gilbert Brands, Emden

Erratum
Die Alltagsdroge Koffein
Juni 2003

Der Gehirnschnitt auf Seite 69 ist fehlerhaft. Die unten stehende Zeichnung zeigt die korrekten anatomischen Strukturen.
Auch der Wirkungsmechanismus von Koffein ist in der Grafik nicht richtig dargestellt. Adenosin aktiviert bei Anlagerung an seinen Rezeptor inhibitorische G-Proteine. Diese zerfallen daraufhin in zwei Untereinheiten. Die Alpha-Untereinheit hemmt die Aktivität der Adenylatcyclase, und die Beta/Gamma-Untereinheit sorgt dafür, dass sich die Kalium-Kanäle öffnen. Beides bewirkt eine Hemmung der neuronalen Erregungsleitung. Koffein unterbindet als Antagonist des Adenosins diese inhibitorische Kaskade. Dadurch steigt die cAMP-Konzentration, und die Schwelle zur Auslösung elektrischer Signale erniedrigt sich.
Im Gehirnschnitt auf Seite 70 wurde versehentlich eine irrelevante Struktur eingezeichnet und fälschlich als Ventrikeldach bezeichnet.
Die Redaktion

Galaxien im Ausnahmezustand
September 2003

Dieser Beitrag bestärkt das neue Paradigma der Galaxienentstehung und -entwicklung, das nicht mehr von einer kontinuierlichen gravitativen Gas- und Staubzusammenballung ausgeht, sondern die expansive Rolle prästellarer, superdichter kosmischer Objekte voraussetzt. Ich möchte daran erinnern, das dieser Paradigmenwechsel zwar erst in den letzten Jahren auch durch die neuen Beobachtungsmöglichkeiten verifiziert wird – aber sein Ursprung besteht im Lebenswerk des armenisch-sowjetischen Astrophysikers Viktor A. Ambarzumjan, der leider in den 90er Jahren verstarb. Die erste Erwähnung der Hypothese, Galaxien seien die Folge expansiver Prozesse aus superdichten Objekten heraus, wird für 1933 vermutet. Damals wurde sein Konzept im Wesentlichen abgelehnt, weil derartige "prästellare (bzw. prägalaktische) superdichte Körper" mit der vorhandenen Physik nicht beschreibbar waren. Über den "Umweg", diese Objekte als "Schwarze Löcher" zu etikettieren, erleben wir nun seit einigen Jahren den o.g. Paradigmenwechsel, ohne dass der wissenschaftshistorischen Gerechtigkeit Genüge getan wird, Ambarzumjan als seinen Vater zu benennen.
Annette Schlemm, Jena

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2003, Seite 6
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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