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Lise Meitner und die Kernspaltung

Obwohl sie entscheidend zur physikalischen Erklärung des Zerplatzens von Urankernen unter Neutronenbeschuss beigetragen hatte, ignorierten mehrere Nobelkomitees ihre Verdienste. Der als Jüdin aus Deutschland in die Emigration getriebenen Physikerin widerfuhr damit doppeltes Unrecht.
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Als sich Ende 1938 herausstellte, dass einzelne Neutronen – elektrisch neutrale Elementarteilchen – Atomkerne zu zertrümmern vermögen, waren die Wissenschaftler völlig überrascht. Keine physikalische Theorie hatte das Phänomen vorhergesagt, und die Entdecker ahnten noch nicht, dass daraus bald Atombomben und Kernkraftwerke hervorgehen würden. So weit besteht Einigkeit über die Geschichte der (im Gegensatz zum natürlichen radioaktiven Zerfall künstlichen) Kernspaltung.

Doch die Frage, wem Anerkennung für die Entdeckung gebührt, ist seit Langem umstritten. Lise Meitner, Physikerin aus Österreich, sowie die beiden deutschen Chemiker Otto Hahn (1879–1968) und Fritz Straßmann (1902–1980) hatten vier Jahre lang eng in dem Berliner Labor zusammengearbeitet, das dann Schauplatz des epochalen Ereignisses wurde. Kurz zuvor war Lise Meitner allerdings aus Deutschland geflohen, um der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu entgehen, die nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 auch sie gefährdete. Hahn schrieb ihr jedoch von den unerwarteten Versuchsergebnissen, und schon wenige Wochen darauf veröffentlichten sie und ihr Neffe Otto R. Frisch (1904–1979), der – selbst Emigrant in Kopenhagen – sie zu Weihnachten jenes Jahres im schwedischen Exil besucht hatte, die korrekte theoretische Interpretation. Aber nur Otto Hahn wurde mit einem Nobelpreis ausgezeichnet, dem für Chemie von 1944.

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Lise Meitner und Otto Hahn | Die Österreicherin Lise Meitner gehörte zu den führenden Kernphysikern ihrer Zeit. Obwohl sie Raucherin war und ihr Leben lang mit radioaktiven Substanzen hantierte, wurde sie 90 Jahre alt. Von 1907 bis 1938 arbeitete sie eng mit dem deutschen Chemiker und späteren Nobelpreisträger Otto Hahn zusammen; einige Monate nach dem so genannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich musste sie vor dem Hitler-Regime fliehen.

Dass man Straßmann nicht zusammen mit Hahn ehrte, liegt wohl daran, dass er der junge Mitarbeiter in dem Dreier-Team war und die Nobelpreis-Komitees meist leitende Wissenschaftler favorisieren. Doch Lise Meitner stand mit Hahn, was die wissenschaftliche Kompetenz angeht, auf gleicher Stufe. Warum wurde sie übergangen?

Hahns Erklärung dafür ist viele Jahre lang kritiklos akzeptiert worden: Die Entdeckung habe ausschließlich auf chemischen Experimenten beruht, die er und Straßmann erst nach Lise Meitners Weggang aus Berlin durchgeführt hätten. Die Physik, so seine Behauptung, habe nichts zu seinem Erfolg beigetragen, ihn vielleicht sogar eher behindert.

Straßmann, der stets in Hahns Schatten stand, war anderer Meinung. Er betonte, dass Lise Meitner der intellektuell führende Kopf gewesen sei; durch ihre Korrespondenz mit Hahn habe sie auch nach der Emigration weiter zu der Gruppe gehört.

Die zugänglichen Dokumente stützen Straßmanns Version. Den wissenschaftlichen Veröffentlichungen zufolge hatte die Forschung, die in der Entdeckung der Kernspaltung kulminierte, ausgesprochen interdisziplinären Charakter. Am Anfang standen Probleme der Kernphysik, und die mühsamen Fortschritte beruhten auf Versuchsresultaten und Hypothesen, die sowohl der Chemie als auch der Physik entstammten. Aus privaten Briefen geht zudem hervor, dass Lise Meitner bis zum Schluss wesentliche Beiträge leistete.

Normalerweise hätten die Nobelpreis-Komitees dies würdigen müssen. Doch die damaligen Verhältnisse im Deutschen Reich waren alles andere als normal. Die rassistische Politik des Regimes zwang Lise Meitner zur Flucht; sie entkam mit Hilfe niederländischer Freunde und fand Asyl in Schweden. So musste sie ihren Platz im Berliner Labor aufgeben und konnte nichts mehr gemeinsam mit Hahn und Straßmann veröffentlichen.

Aus Furcht vor politischen Konsequenzen ging Hahn seinerseits gleich nach Entdeckung der Kernspaltung auf Distanz zu Lise Meitner und unterschlug den Beitrag der Physik. Die Verleihung des Nobelpreises besiegelte schließlich dieses Unrecht. Den Mitte der 1990er Jahre veröffentlichten Dokumenten zufolge begriffen die Nobelpreis-Komitees weder, wie sehr das Resultat auch auf Physik beruhte, noch erkannten sie, dass Hahn sich von Lise Meitner nicht aus wissenschaftlichen Gründen distanziert hatte, sondern unter politischem Druck aus Angst und Opportunismus.

Weitere Faktoren taten ein Übriges, die Forscherin an den Rand der Wissenschaftsgeschichte zu drängen: ihr Außenseiterdasein in Stockholm, die geringe Bereitschaft in Deutschland nach Ende des Krieges, sich mit den Verbrechen der nationalsozialistischen Ära auseinanderzusetzen, und die – damals noch viel mehr als heute verbreitete – Ansicht, in der Wissenschaft seien Frauen unwichtig, zweitrangig oder überhaupt fehl am Platze. Lise Meitner selbst hielt sich mit öffentlichen Äußerungen zurück; nur in privaten Briefen schrieb sie, Hahn verdränge einfach die Vergangenheit und somit all die Jahre, in denen sie engste Kollegen und Freunde gewesen seien. Sie muss daran geglaubt haben, dass die Geschichte ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen würde. Nun, Jahrzehnte später, ist es endlich so weit.

Kernphysikalische Experimente

Lise Meitner wurde am 7. November 1878 in Wien geboren und studierte dort – damals für eine Frau höchst ungewöhnlich – Physik und Mathematik; einer ihrer Lehrer war der bedeutende Theoretiker Ludwig Boltzmann (1844–1906). Als zweite Frau überhaupt promovierte sie an der Wiener Universität.

Mit 28 Jahren ging sie – zunächst als Assistentin von Max Planck (1858–1947; Nobelpreis 1918) – nach Berlin und bildete 1907 mit dem fast gleichaltrigen Hahn eine Arbeitsgruppe zur Erforschung der Radioaktivität, der spontanen Umwandlung von Atomkernen unter Emission von Alpha- oder Betastrahlen (Heliumkernen beziehungsweise Elektronen) sowie Gamma-Strahlen (Röntgenquanten). Im Jahre 1918 vermochten sie das sehr seltene schwere radioaktive Element Protactinium (Ordnungszahl 91) als Zerfallsprodukt von Uran nachzuweisen. Wissenschaftlich und beruflich blieben sie einander ebenbürtig: Beide hatten eine Professur inne und waren Mitglied des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem; sie leiteten dort eigene Abteilungen – er für Radiochemie, sie für Physik. Hahn war dann allerdings 1928 bis 1945 dessen Direktor.

In den 1920er Jahren entwickelte Hahn radiochemische Verfahren weiter, während Lise Meitner sich dem neuen Gebiet der Kernphysik zuwandte; vor allem ihre Arbeit, so Hahn später, habe damals dem Institut internationale Anerkennung verschafft. Ihre wissenschaftliche Prominenz und die österreichische Staatsbürgerschaft schützten sie vorerst, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen: Trotz ihrer jüdischen Abstammung wurde sie nicht entlassen. Obwohl viele ihrer Studenten und Assistenten sich für den Diktator Adolf Hitler begeisterten, fand sie die Physik zu faszinierend, um selbst zu kündigen. Besonders interessierten sie die Experimente des italienischen Physikers Enrico Fermi (1901–1954; Nobelpreis 1938), dessen Arbeitskreis in Rom begonnen hatte, nacheinander verschiedene chemische Elemente in der Reihenfolge des periodischen Systems mit Neutronen zu beschießen.

Fermi beobachtete, dass die Atomkerne sich bei einer Neutronenreaktion nicht radikal veränderten: Meist emittierten sie bloß ein Proton (ein positiv geladenes Kernteilchen) oder ein Alphateilchen. Bei schweren Elementen geschah Neutroneneinfang am häufigsten. War der durch das zusätzliche Neutron noch schwerer gewordene Kern radioaktiv, so zerfiel er unter Emission von Betastrahlen und verwandelte sich dadurch in das nächsthöhere Element des Periodensystems. Als Fermi schließlich im Frühjahr 1934 das schwerste bekannte Element – Uran – mit Neutronen beschoss, beobachtete er mehrere neue Betastrahler, die chemisch weder dem Uran noch seinen Nachbarelementen glichen; darum vermutete er, bei dem Experiment seien künstliche Elemente jenseits von Uran erzeugt worden. Wissenschaftler in aller Welt waren von diesen vermeintlichen Transuranen fasziniert.

Lise Meitner vermochte Fermis Ergebnisse bis zu diesem Punkt zu verifizieren. Solche Arbeiten entsprachen vollkommen ihren Interessen und Fähigkeiten; sie war damit nicht nur eine der ersten Frauen, die in die oberen Ränge der deutschen Wissenschaft aufstiegen, sondern zählte – wie ihre Pariser Fachkollegin Irène Curie (1897–1956), die mit ihrem Ehemann Frédéric Joliot (1900–1959) zusammen 1935 den Chemie-Nobelpreis erhalten sollte – zu den führenden Kernphysikern ihrer Zeit. Doch für die genauere Erforschung des von Fermi erschlossenen Neulands brauchte sie einen hervorragenden Radiochemiker. Nach anfänglichem Zögern sagte Hahn seine Hilfe zu, und der analytische Chemiker Straßmann komplettierte das Team. Die drei passten auch politisch zusammen: Lise Meitner war nach den Kriterien des antisemitischen Regimes nicht arisch; Hahn lehnte den Nationalsozialismus ab, und Straßmann hatte sich geweigert, Mitglied der politisch gleichgeschalteten Deutschen Chemischen Gesellschaft zu werden, wodurch es außerhalb des Instituts in ganz Deutschland keine Stelle mehr für ihn gab.

Ende 1934 berichtete die Arbeitsgruppe, die von Fermi beobachteten Betastrahler seien keinem anderen bekannten Element zuzuordnen und verhielten sich, wie man es von Transuranen erwarten würde: Sie ließen sich aus dem Gemisch der Reaktionsprodukte zusammen mit Übergangsmetallen wie Platin und Rhenium als Sulfide trennen. Genau wie Fermi vermuteten die Berliner Wissenschaftler, es handle sich um neue Elemente jenseits von Uran.

Doch diese Deutung erwies sich einige Zeit darauf als falsch. Sie beruhte auf zwei Annahmen, die schon wenige Jahre später widerlegt wurden: Die Physiker hatten bis zu diesem Zeitpunkt bei Kernreaktionen nur graduelle Veränderungen beobachtet und konnten sich darum so etwas wie Kernspaltung gar nicht vorstellen. Die Chemiker wiederum meinten, Transurane seien Übergangselemente – ein naheliegender Irrtum, denn im chemischen Verhalten sind Thorium und Uran solchen Elementen wie zum Beispiel Rhenium, Osmium, Iridium und Platin recht ähnlich.

Das Rätsel der Zerfallsreihen

Die beiden Vorstellungen verstärkten einander und führten die Forscher mehrere Jahre lang in die Irre. Später behauptete Hahn, er hätte die Kernspaltung früher entdecken können, wären nicht die Physiker gewesen mit ihrem Irrglauben, es gebe nur geringfügige Kernumwandlungen. Doch aus den wissenschaftlichen Artikeln geht eher hervor, dass die Chemiker sich ihrer Interpretation sicher waren, während die Physiker skeptischer blieben. Zwar vermochte die Physik gewiss nicht die Kernspaltung vorauszusagen – aber sie deckte Diskrepanzen zwischen Experiment und Theorie auf, die der Chemie entgangen waren.

Die Berliner Wissenschaftler hatten versucht, die vermeintlichen Transurane, deren Radioaktivität sich nur äußerst schwach bemerkbar machte, vom Uran und dessen Zerfallsprodukten zu trennen, die auf Grund natürlicher Radioaktivität viel stärker strahlten. Die Forscher lösten die mit Neutronen beschossene Uranprobe zunächst in Säure und fällten dann diejenigen strahlenden Stoffe aus, die sich chemisch wie Übergangsmetalle verhielten. Als Träger dienten meist Übergangsmetallverbindungen; als Ausfällung entstand ein Gemisch mehrerer Betastrahler, welche die Berliner Forscher nun mühselig chemisch zu identifizieren suchten.

Binnen zweier Jahre entdeckten sie zwei parallele Betazerfallsreihen, die sie als Prozesse eins und zwei bezeichneten. Chemisch verhielten die sukzessiven Zerfallsprodukte sich so, wie man es von Transuranen erwartete: Sie ähnelten den genannten Übergangselementen. Die Übereinstimmung der Zerfälle und der vorhergesagten chemischen Eigenschaften war scheinbar zu gut, um nicht wahr zu sein. In den Jahren 1936 und 1937 veröffentlichte die Gruppe unter Federführung Hahns mehrere Artikel in den »Chemischen Berichten«, in denen sie stolz behauptete, diese Transurane seien fraglos vorhanden, es gebe keinen Zweifel an ihrer Existenz und somit gar keinen Anlass für weitere Diskussion.

Arbeitstisch von Lise MeitnerLaden...
Arbeitstisch | Auf diesem Arbeitstisch führte das Berliner Team von 1934 bis 1938 die Versuche durch, die letztlich in der Entdeckung der Kernspaltung kulminierten. Den meisten Platz nehmen die von Lise Meitner kontruierten physikalischen Geräte zur Strahlungsmessung ein. Von den 1950er Jahren an war die Apparatur rund 30 Jahre lang im Deutschen Museum in München als »Arbeitstisch von Otto Hahn« ausgestellt; Fritz Srraßmann wurde nur nebenbei erwähnt, Lise Meitner überhaupt nicht.

Doch die Daten ließen sich nur schwer mit physikalischen Theorien in Einklang bringen. Lise Meitner hatte größte Mühe, die Ergebnisse aus Chemie und Radiochemie sowie ihre eigenen physikalischen Messungen zu einem überzeugenden Modell der beteiligten Kernprozesse zu vereinen. Einerseits fand sie heraus, dass thermische (extrem langsame) Neutronen den Ertrag der Prozesse eins und zwei verstärkten – ein Indiz für Neutroneneinfang. Andererseits erzeugten schnelle Neutronen die gleichen Ergebnisse. Daraus schloss sie, dass beide Prozesse von dem häufigsten Uranisotop, U-238, ausgingen. Zudem identifizierte sie einen dritten Prozess, bei dem relativ langsame Neutronen eingefangen wurden, für den es jedoch keine lange Betazerfallsreihe gab.

Dass gleich drei unterschiedliche Neutroneneinfang-Prozesse von ein und demselben Uranisotop ausgehen sollten, kam ihr freilich merkwürdig vor. Die Physikerin ahnte, dass mit den Prozessen eins und zwei etwas nicht stimmte. Auf Grund theoretischer Überlegungen konnte sie nicht verstehen, wie der Einfang eines einzelnen Neutrons eine so große Instabilität zu erzeugen vermochte, dass vier oder fünf Betaemissionen nötig waren, sie zu beheben. Noch weniger verständlich war, warum die beiden langen Betazerfallsreihen über mehrere Schritte parallel ablaufen sollten; die Theorie bot dafür keine Erklärung. In der »Zeitschrift für Physik« kam Lise Meitner 1937 zu dem Schluss, die Ergebnisse seien nur schwer mit den gängigen Auffassungen von der Kernstruktur zu vereinbaren.

Erst mit der Entdeckung der Kernspaltung begriffen die Forscher, dass die Prozesse eins und zwei Spaltvorgänge signalisieren: Das Uran zerplatzt in hochradioaktive Fragmente, die eine lange Folge von Betazerfällen durchlaufen. (Weil der Urankern auf vielerlei Art gespaltet werden kann, gibt es zahlreiche Zerfallsreihen.)

Lise Meitner aber hatte den Prozess drei für den normalsten gehalten, und das stellte sich später als richtig heraus: Aus dem bei dieser Neutroneneinfang-Reaktion erzeugten Isotop U-239 entsteht durch Betaemission das Element 93. Es wurde 1940 von den amerikanischen Physikochemikern Edwin McMillan (1907–1991; Nobelpreis 1951) und Philip Abelson (1913–2004) identifiziert und erhielt später den Namen Neptunium. Wären die Berliner Wissenschaftler schon im Stande gewesen, Neptunium aufzuspüren, hätten sie es als Seltenerd-Element identifizieren und erkennen können, dass es sich bei den radioaktiven Substanzen in den Prozessen eins und zwei nicht um Transurane handelte. Doch dafür waren ihre Neutronenquellen zu schwach.

Der Nachweis von Barium

Der folgenreichste Irrtum der Berliner Forscher war, dass sie nur diejenigen radioaktiven Substanzen separierten und untersuchten, die sich chemisch wie Übergangsmetalle verhielten, während sie alle anderen ignorierten. Am Pariser Institut du Radium fanden indessen Irène Joliot-Curie und Pavel Savitch 1938 mit einer anderen Methode im Gemisch der Uranprodukte eine neue starke Aktivität, die sie chemisch nicht zu identifizieren vermochten. Ähnlich wie im Fall der vermeintlichen Transurane stieg die Ausbeute bei Beschuss mit thermischen Neutronen.

Als das Berliner Team im Oktober 1938 der Sache nachging, hatte Lise Meitner bereits Deutschland verlassen. Hahn und Straßmann untersuchten die in Paris entdeckte Aktivität allein, fanden heraus, dass die Substanz einem Barium-Träger folgte, und identifizierten sie als Radiumisotop.

Lise Meitner und Hahn korrespondierten regelmäßig, und die Post zwischen Stockholm und Berlin brauchte nur einen Tag. Die Exilantin konnte das neueste Resultat kaum glauben: Um Radium zu bilden, musste der Urankern zwei Alphateilchen ausstoßen; doch sie war überzeugt, dass ein thermisches Neutron zu wenig Energie hatte, um auch nur eines abzutrennen.

Spät im Jahr 1938 besuchte sie das von dem dänischen Physiker Niels Bohr (1885–1962; Nobelpreis 1922) geleitete Institut für Theoretische Physik in Kopenhagen und traf sich dort am 13. November mit Hahn. Diese Zusammenkunft wurde praktisch geheim gehalten, um Hahn politische Schwierigkeiten zu ersparen, und er erwähnte sie auch später in seinen Memoiren nie; doch man weiß davon aus seinem Taschenkalender. Außerdem steht fest, dass Lise Meitner den Radium-Befund hartnäckig anzweifelte. Mit dieser Botschaft kehrte Hahn zu Straßmann nach Berlin zurück.

Straßmann zufolge erzählte ihm Hahn, sie habe dringend gebeten, die beiden Chemiker sollten den Radium-Befund noch einmal überprüfen. Straßmann meinte später, glücklicherweise hätte Lise Meitners Urteil für Hahn und ihn so viel Gewicht gehabt, dass sie sofort mit den nötigen Kontrollexperimenten begannen: Sie wollten das Vorhandensein von Radium nachweisen, indem sie es teilweise von seinem Barium-Träger abzutrennen suchten. Doch es gab keinerlei Abtrennung, und sie waren zu dem Schluss gezwungen, dass ihr vermeintliches Radium tatsächlich ein Isotop des Bariums war – eines Elements, das viel leichter ist als Uran.

Kurz vor Weihnachten 1938 schrieb Hahn an Lise Meitner: »Aber immer mehr kommen wir zu dem schrecklichen Schluss: Unsere Radium-Isotope verhalten sich nicht wie Radium, sondern wie Barium. [...] Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen. Wir wissen dabei selbst, dass es eigentlich nicht in Barium zerplatzen kann.« Ihre Antwort kam postwendend: »Mir scheint vorläufig die Annahme eines so weit gehenden Zerplatzens sehr schwierig, aber wir haben in der Kernphysik so viele Überraschungen erlebt, dass man auf nichts ohne weiteres sagen kann: Es ist unmöglich.« Ihr Brief war wohl das schönste Weihnachtsgeschenk, dass Hahn je erhielt. Sie hatte sich dem Radium-Resultat energisch widersetzt, war aber nun bereit, im Barium-Fund eine theoretische Herausforderung zu sehen statt bloß einen Widerspruch zur bekannten Physik.

Später soll Hahn – gemäß einer Erinnerung Werner Heisenbergs (1901–1976; Nobelpreis 1932) – gesagt haben, Lise Meitner hätte ihm, wäre sie noch in Berlin gewesen, vielleicht das Barium-Resultat ausgeredet: »Ich weiß nicht; ich fürchte, Lischen hätte mir die Uranspaltung verboten.« Doch ihr Brief, der immer in Hahns Besitz blieb, beweist das Gegenteil. Seinerzeit muss Hahn ihn eindeutig als Bestärkung empfunden haben, denn erst danach fügte er den Druckfahnen seines Artikels über den Bariumnachweis einen Absatz hinzu, der nahelegt, dass der Urankern in zwei Teile zerplatzt sei. Lise Meitner war bitter enttäuscht, dass sie an diesen Resultaten, die sie »sehr aufregend« und »verblüffend« fand und die, wie ihr sofort klar wurde, »ganz neue wissenschaftliche Wege öffneten«, nur aus der Ferne teilhaben konnte; aber alle wussten, dass es unmöglich war, eine so genannte Nichtarierin in die Publikation aufzunehmen.

Die theoretische Erklärung

Als Lise Meitner zu Weihnachten eine Freundin in Westschweden besuchte, verabredete sie sich dort mit ihrem Neffen Otto Frisch, der seit 1934 in Kopenhagen an Bohrs Institut arbeitete. Auf langen Spaziergängen suchten sie eine kernphysikalische Erklärung für Hahns Resultat.

Beiden war das Tröpfchenmodell des Atomkerns vertraut; und sie stellten sich nun den Urankern als instabilen oszillierenden Tropfen vor, der dazu neigt, sich zu zweiteilen. Frisch erkannte, dass die Stabilität dieses Kerns wegen seiner Größe äußerst gering sein musste. Lise Meitner rechnete im Kopf den Massendefekt – die geringe Differenz zwischen der Masse des Urankerns und der Gesamtmasse der Spaltprodukte – gemäß Albert Einsteins berühmter Gleichung E = mc2 in Energie um und erklärte damit zwanglos die enorme Geschwindigkeit, mit der die Fragmente sich nach der Spaltung voneinander entfernen. Diese theoretische Interpretation war selbst eine schöne Entdeckung – und wurde auch als solche anerkannt. Die Physiker übernahmen sofort den von Lise Meitner und Frisch vorgeschlagenen Begriff Spaltung (englisch: fission), und Bohr nutzte ihre Arbeit als Ausgangspunkt für eine umfassendere Theorie.

Im Januar 1939 erschien Hahns und Straßmanns Artikel über das Barium-Resultat in der Zeitschrift »Die Naturwissenschaften«; wenige Wochen darauf veröffentlichten Lise Meitner und Frisch ihre Interpretation in der englischen Wissenschaftszeitschrift »Nature«. Oberflächlich betrachtet war die Entdeckung der Spaltung nun ihrerseits vollständig gespalten – in Chemie und Physik, Experiment und Theorie, Deutsche und Flüchtlinge. Doch nur wer die wissenschaftlichen Grundlagen nicht verstand oder sich nicht um die politischen Hintergründe kümmerte, konnte meinen, die Chemiker hätten die Spaltung entdeckt, und die Physiker sie lediglich interpretiert.

In den ersten Wochen nach der Entdeckung profitierte Hahn von dieser künstlichen Trennung. Er wusste, wie ungerecht Lise Meitners erzwungene Emigration war, und er kannte ihren gleich großen Anteil an der Entdeckung – aber er konnte es nicht sagen. Er fürchtete persönliche und berufliche Konsequenzen; seine größte Angst war, jemand könnte herausfinden, dass er und Straßmann nach Lise Meitners Flucht aus Berlin weiter mit ihr zusammengearbeitet hatten.

Darum entschloss er sich zu der Version, die Entdeckung der Kernspaltung bestehe einzig und allein aus den chemischen Experimenten, die er und Straßmann im Dezember 1938 durchgeführt hatten. Im Februar 1939 schrieb er an Lise Meitner: »Wir haben bei der ganzen Arbeiterei die Physik absolut nicht berührt, sondern immer wieder nur chemische Trennungen gemacht.« Er nannte die Kernspaltung ein Geschenk des Himmels – ein Wunder, das ihn und sein Institut beschützen würde.

Letzten Endes hätte Hahn es vielleicht gar nicht nötig gehabt, sich von Lise Meitner und der Physik loszusagen, um das Wunder wahr zu machen. Schon im Frühling 1939 zeigte das deutsche Militär von sich aus Interesse an möglichen Anwendungen der neuen Entdeckung, und vom Sommer an konnte Hahn sich und sein Institut als sicher erachten. Später konstatierte er, dass die Kernspaltung die ganze Situation gerettet habe.

Nachdem die USA im August 1945 die ersten Atombomben auf die japanischen Städte Hiroschima und Nagasaki abgeworfen hatten, wurde die Kernspaltung zur öffentlichen Sensation und machte ihren vermeintlichen Alleinentdecker zu einem sehr berühmten Mann. Nach Kriegsende geriet Hahn in Deutschland für eine ganze Generation zur öffentlichen Leitfigur: Man feierte den Nobelpreisträger als anständigen Deutschen, der sich den Nationalsozialisten niemals unterworfen hatte und nichts mit der Entwicklung der Bombe zu tun hatte; von 1948 bis 1960 war er Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Doch sein Verhalten gegenüber Lise Meitner war alles andere als fair. Kurz bevor ihm am 10. Dezember 1946 der schwedische König den Chemie-Nobelpreis des Jahres 1944 für die Entdeckung der Kernspaltung verlieh, beklagte sich Lise Meitner in einem privaten Brief: »Da ich ja ein Teil der zu verdrängenden Vergangenheit bin, hat Hahn in keinem der Interviews, wo er über seine Lebensarbeit sprach, unsere langjährige Zusammenarbeit oder auch nur meinen Namen erwähnt.« Auch später wurde er in seinen Artikeln, Interviews, Erinnerungen und in seiner Autobiografie ihrer Initiative für das Uran-Projekt, ihrer leitenden Rolle in der Berliner Arbeitsgruppe und ihrer Mitarbeit, nachdem sie vertrieben worden war, nicht gerecht. Noch 1953, als sie von einem Vortrag erfuhr, in dem man sie als »die langjährige Mitarbeiterin Hahns, Frl. Lise Meitner« präsentierte, schrieb sie an Hahn: »Soll mir nach den letzten 15 Jahren, die ich keinem guten Freund durchlebt zu haben wünsche, auch noch meine wissenschaftliche Vergangenheit genommen werden? Ist das fair? Und warum geschieht es? Was würdest Du sagen, wenn Du auch charakterisiert würdest als der langjährige Mitarbeiter von mir?«

Während des Krieges war Lise Meitner als Abteilungsleiterin der Ingenieurwissenschaftlichen Akademie in Stockholm wissenschaftlich und beruflich eine Randfigur. Ihre Freunde meinten, sie hätte, wäre sie in ein anderes Land emigriert, höchstwahrscheinlich den verdienten Nobelpreis erhalten. Im Jahr 1943 lud man sie in die Vereinigten Staaten ein, um in Los Alamos (New Mexico) an der Entwicklung der Atombombe mitzuarbeiten; doch sie lehnte ab.

Kurz nach Kriegsende wurde sie in den USA und in Großbritannien vorübergehend berühmt, weil man in ihr die jüdische Emigrantin zu sehen meinte, die den Nazis mit dem Geheimnis der Bombe entwischt sei. Aber Lise Meitner war eine stille Person und verabscheute Publicity. Sie veröffentlichte weder eigene Lebenserinnerungen noch autorisierte sie eine Biografie.

Im Jahr 1960 übersiedelte sie von Stockholm nach Cambridge (England). Dort starb sie am 27. Oktober 1968 – wenige Tage vor ihrem 90. Geburtstag und drei Monate nach ihrem berühmten Kollegen, den man in Göttingen zu Grabe getragen hatte. Es ist traurig sagen zu müssen, dass nach Lise Meitners Tod noch Jahrzehnte vergehen sollten, bis ihrem Werk Gerechtigkeit widerfuhr.

Literaturhinweise

Kerner, Charlotte:Lise, Atomphysikerin. Die Lebensgeschichte der Lise Meitner. Beltz, Weinheim 1986.

Rife, Patricia: Lise Meitner. Ein Leben für die Wissenschaft. Claassen, Düsseldorf 1990.

Meitner, Lise: Looking Back. In: Bulletin of the Atomic Scientists, Band 20, Seiten 1 bis 7, November 1964.

Frisch, Otto R.: Woran ich mich erinnere. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1981.

Hahn, Otto: Mein Leben. Bruckmann, München 1968.

Krafft, Fritz: Im Schatten der Sensation: Leben und Wirken von Fritz Straßmann. Verlag Chemie, Weinheim 1981.

Crawford, Elisabeth, Lewin, Ruth und Mark Walter: A Nobel Tale of Postwar Injustice. In: Physics Today, Band 50, Heft 9, Seiten 26 bis 32, September 1997.

Perutz, Max F.: Lise Meitner und die Entdeckung der Kernspaltung. In: Naturwissenschaftliche Rundschau, Band 50, Heft 12, Seiten 463 bis 470, Dezember 1997

5 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998

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