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Kunst: M. C. Escher’s Legacy - A Centennial Celebration

Springer, Berlin 2003. 474 Seiten, mit CD-Rom, 90,90 €


Die Kunstkritiker mögen ihn nicht, das Publikum dafür umso mehr: den niederländischen Künstler Maurits C. Escher (1898-1972). Seine Rollwürmer, die auf dem Möbiusband kriechenden Ameisen und die dicht an dicht die Fläche füllenden Eidechsen und Vögel sind weltberühmt geworden. Die Mathematiker haben einen besonderen Anlass, ihn zu mögen, denn so kunstvoll wie in den Holzschnitten seiner Serie "Kreislimit" ist die hyperbolische (nichteuklidische) Ebene noch nie gepflastert worden. Escher hat in seinen Werken Anregungen der namhaften Mathematiker Roger Penrose und H. S. M. Coxeter aufgegriffen.

Das vorliegende Buch vereinigt reichlich vierzig Beiträge zu einer Gedächtniskonferenz aus Anlass seines hundertsten Geburtstages 1998. Es ist wenig verwunderlich, dass die Autoren Künstler, Mathematiker oder beides zugleich sind. Der Chemiker István Hargittai hat sich durch seine Bücher über Symmetrie zum Ehrenmathematiker qualifiziert, und Douglas R. Hofstadter, der Kurt Gödel, Johann Sebastian Bach und den Jubilar zu Helden seines Kultbuches gemacht hat, ist sowieso eine Klasse für sich.

Man kennt sich, tauscht Erinnerungen aus, zum Beispiel von der Vorgängertagung 1985 am selben Ort zum selben Thema oder von persönlichen Begegnungen mit Escher, wie auf einem netten Familientreffen. Interessanter wird das Buch, wenn man diesen Teil hinter sich gelassen hat. Mehrere Künstler haben Eschers Ideen aufgegriffen und weiterentwickelt, mit zum Teil bemerkenswerten Ergebnissen. Häufig sind die ohnehin nach mathematischen Prinzipien konstruierten Bilder mit Computerhilfe hergestellt; da ist die beiliegende CD-Rom ein geeignetes Transportmittel für die Grafiken, die in dieser Menge nie in ein (bezahlbares) gedrucktes Buch gepasst hätten. Rinus Roelofs hat aus regelmäßigen Parkettierungen, die schon Escher zu seinen regelmatige vlakverdelingen inspirierten, Bilder von Stangenkonstruktionen gemacht, die das räumliche Vorstellungsvermögen des Betrachters bis an seine Grenzen fordern – und gelegentlich darüber hinaus, denn manche Bilder bestehen aus lauter "unmöglichen Figuren": Im Kleinen ist alles plausibel, aber insgesamt passt es nicht zusammen.

Valentin Vulihman und Richard A. Termes bedecken statt der Ebene die Oberfläche einer Kugel mit Escherartigen Mustern. Douglas Dunham produziert neue "Kreislimits", indem er die hyperbolische Ebene mit etwas anders geformten Fischen bepflastert. Robert Fathauer und Peter Raedschelders verbinden die Kunst der Escher’schen Flächenaufteilung mit der fraktalen Geometrie.

Das sind alles sehr interessante Ansätze. Aber dann ist in dem Buch ein echter Escher neben den neuen Werken zu sehen, und mein Kunstbanausen-Auge sagt auf der Stelle: "Der Alte konnte es doch besser!" Ist es reine Gewohnheit, dass mir die viel gesehenen Werke besser gefallen als die nachgemachten?

Einige Beiträge des Buches bringen neue Gedanken zu der Frage, warum das allgemeine Publikum (mich eingeschlossen) und die offizielle Kunstkritik in ihrer Bewertung Eschers so auseinander liegen. Eschers Werke sind erregungslos bis zur Betulichkeit und ordentlich bis zur Pedanterie. Ein Reptil entsteigt seinem Flächenaufteilungs-Käfig, kriecht auf ein Buch, pafft ein Rauchwölkchen in die Luft und schleicht sich an einen anderen Platz im selben Käfig zurück – das war schon das höchste der Gefühle. Leidenschaft, Schmerz, "Zerrissenheit des modernen Menschen" und so weiter kommen einfach nicht vor. Die Figuren sitzen an dem Platz, den der sorgsam ausgearbeitete Plan des Bildes ihnen vorgibt, oder wandeln gemessenen Schrittes im Kreise, die einen ständig bergauf, die anderen ständig bergab

Seelenruhe, geordnete Verhältnisse, die von starken Gefühlen unbehelligte Wachheit des Geistes: Das ist es, was Eschers Werke ausstrahlen und zugleich vom Betrachter einfordern, wenn man den vielen Wechseln der Perspektive, der Interpretation oder von Vorder- und Hintergrund folgen will. Offensichtlich gefällt mir das, und vielen anderen Leuten auch.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2003, Seite 102
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2003

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