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Evolution: Madagaskar und die ersten Dinosaurier

Neue Fossilien von Madagaskar zeigen: Dinosaurier entstanden viel früher als bisher angenommen. Und auch die ersten Säuger lebten vielleicht gar nicht dort, wo Paläontologen sie bislang vermuteten.


Am Ende probierten wir unser Glück noch einmal im Südwesten dieser viertgrößten Insel der Welt. Die Begeisterung war groß, als wir im Touristenzentrum des Isalo-Nationalparks eine Stelle bezeichnet fanden, die den Namen "Ort der Tierknochen" trug. Sofort ließen wir uns dorthin fahren.

Unsere Enttäuschung war umso größer. An dem verheißungsvollen Ort gab ein Abhang tatsächlich ausgeblichene Skelettreste zuhauf frei. Doch die stammten von Hausvieh und anderen modernen Tieren. Dies mochte ein aufschlussreicher Fund für Archäologen sein, um die menschliche Besiedlung Madagaskars zu untersuchen. Wir als Paläontologen und Experten für landlebende Wirbeltiere des Erdmittelalters interessierten uns für die Evolution von Dinosauriern und frühen Säugetieren.

Als uns ein Einheimischer unbedingt zu einer zweiten Knochenstelle führen wollte, wo es angeblich von Fossilien wimmelte, gingen wir nur halbherzig mit. Umso aufgeregter war die Schar Kinder aus dem Dorf, die uns lärmend hinter-herlief. Als wir schließlich skeptisch das ausgewaschene Steilufer inspizierten, stieg auch unsere Aufregung schlagartig. Denn wir entdeckten zwei daumengroße Bruchstücke eines kleinen Kiefers, die uralt wirkten. Die Knochen stammten, wie wir dann feststellten, von einem Rhynchosaurier (übersetzt "Schnabelsaurier"). Dies sind Vettern der Dinosaurier, die einen an Papageien erinnernden Schnabel trugen, allerdings Zähne besaßen. Diese erste Exkursion unternahmen wir im Jahre 1996.

Seitdem haben wir Madagaskar (amtlich Malagasy genannt) fast jedes Jahr wieder aufgesucht. Die Insel erweist sich als wahre Fundgrube von landlebenden Wirbeltieren des frühen Erdmittelalters oder wissenschaftlich Mesozoikums. In jenem Abschnitt der Erdgeschichte, der vor 250 Millionen Jahren begann und vor 65 Millionen Jahren abrupt ein Ende fand, erschienen die Dinosaurier und – was viele nicht wissen – auch die Säugetiere.

Noch ist die Bedeutung der Landmassen der Südhalbkugel für die Evolution der Dinosaurier und der Säugetiere umstritten. Seit zwanzig Jahren suchen wir darum zu ergründen, wie sich die Landwirbeltiere auf den südlichen Kontinenten entwickelten. Von Südafrika, Brasilien, Indien und der Antarktis kennen Paläontologen hierzu schon länger reiche Fossillager. Madagaskar hatten sie bisher in dieser Hinsicht vernachlässigt – zu Unrecht: Im Westen der Insel, die fast doppelt so groß ist wie Deutschland, liegen ausgedehnte Sedimente aus dem frühen Mesozoikum. Zu dieser Zeit muss sich bei den Vorfahren der Dinosaurier und der Säugetiere Wesentliches ereignet haben.

Allerdings verteilen sich diese Gesteinsschichten in Madagaskar über ein Gebiet etwa so groß wie Kalifornien. Vor allem aber liegen sie gewöhnlich in abgelegenen Regionen, zu denen besten-falls ausgetretene Trampelpfade oder von Ochsenkarren ausgefahrene schmale Wege führen. Mit einem Geländewagen lassen sich viele dieser Gegenden erst gar nicht erreichen. Als wir 1996 mit einem Dutzend amerikanischer und madagassischer Wissenschaftler und Studenten unsere erste Expedition starteten, mussten wir zudem die meisten Lebensmittel aus der Hauptstadt Antananarivo mitnehmen. An manchen Tagen konnten wir nicht ins Gelände fahren, weil wir keinen Treibstoff bekamen. Und immer wieder störten Buschfeuer die Arbeit. So mussten wir unsere Pläne oft von einer Stunde zur anderen umwerfen.

Hingegen half unsere Partnerschaft mit der Universität in Antananarivo, der führenden Hochschule Madagaskars, viele bürokratische Hindernisse zu überwinden. Dies betraf besonders die erforderlichen Grabungs- und Ausfuhrgenehmigungen, ohne die jede paläontologische Feldkampagne sinnlos ist.

Das schwierigste Unterfangen in einem noch fast unerforschten Gebiet aber dürfte sein, überhaupt den ersten Fundort zu entdecken. Glücklicherweise konnten wir zumindest auf geologische Karten zurückgreifen, wie sie etwa Henri Besairie gezeichnet hatte, ein Geologe, der Mitte des 20. Jahrhunderts das madagassische Bergbauministerium geleitet hatte. Die Karten verzeichnen in weiten Teilen des relativ flachen Westens der Insel eine mächtige Sedimentschicht – Kandidat für uralte Fossillagerstätten.

Die dicken Ablagerungen verdanken wir einem günstigen Zusammentreffen geologischer Ereignisse. Zu Beginn des Mesozoikums, vor rund 250 Millionen Jahren, hätte man von Madagaskar aus trockenen Fußes fast alles Land dieser Welt erreichen können. Sämtliche großen Landmassen waren damals im Superkontinent Pangäa vereinigt, auch der südliche Großkontinent Gondwana. Mitten darin, aus heutiger Sicht zwischen der Westküste Indiens und der Ostküste Afrikas, lag das heutige Madagaskar.

Damals war es auf der Erde deutlich wärmer als heute – selbst die Pole trugen keine Eiskappen. In einer südlichen Region Gondwanas ergossen sich gewaltige Ströme in Tieflandbecken. Dort öffnete sich später zwischen Madagaskar und Afrika die heutige gut 400 Kilometer breite Meeresstraße von Mosambik.

Die ehemaligen gigantischen Tieflandbecken bilden die Ränder der geologischen Spalte, die sich auftat, als Madagaskar vor über 240 Millionen Jahren von Afrika wegzudriften begann. In solchen Grabenbrüchen oder Riftsystemen sammelten sich leicht Fossilien an: Die in sie abfließenden Wassermassen rissen neben Sand und Schlamm auch Kadaver und Skelettteile mit. Das wohl berühmteste Rift ist der ostafrikanische Grabenbruch mit seinen Zeugnissen von Vor- und Frühmenschen.

Spuren vom frühen Erdmittelalter


Je mehr der Boden des Grabens zwischen Afrika und Madagaskar gedehnt wurde und je mächtiger die Ablagerungen darauf drückten, umso tiefer sanken die Becken ab. Nach fast 100 Millionen Jahren wurden sie zum Zerreißen dünn. Nun stieg an Bruchstellen flüssiges Gestein aus dem heißen Erdinnern auf und bildete neue ozeanische Kruste.

Dass sich die Fossilien Madagaskars in den alten Sedimenten bis heute erhalten konnten, verdanken wir weiteren günstigen Umständen. Nach der Trennung von Afrika blieben die mit Sediment beladenen küstennahen Regionen weitgehend von Vulkanismus und anderen zerstörerischen Vorgängen verschont. Auch bilden die urzeitlichen Riftbecken heute die trockene Westseite der Insel, auf der nur Trockenwald, Grasfluren und Wüstenvegetation gedeihen. Wäre das Land so feucht wie der Osten Madagaskars, würde man die Fossilien unter den Pflanzen kaum finden – außerdem wären sie längst vermodert.

Nach der Trennung von Afrika blieb Madagaskar noch lange mit den Landmassen Gondwanas verbunden, die heute Indien, Australien, die Antarktis und Südamerika bilden. Von Indien löste es sich erst vor etwa 90 Millionen Jahren und wurde dann schließlich zur Insel. Seine eigenartige heutige Tierwelt mitsamt den einzigartigen Lemuren muss nach allen Erkenntnissen jüngeren Ursprungs sein. Die Herkunft dieser Tiergruppen ist immer noch ziemlich rätselhaft. Wie es aussieht, erschienen fast alle heute vertretenen größeren Wirbeltiergruppen auf der Insel irgendwann seit dem Ende des Erdmittelalters, also vor weniger als 65 Millionen Jahren. Unsere eigene Arbeit betrifft aber eine viel frühere Zeit: die Perioden Trias und Jura, die ersten beiden Abschnitte des Mesozoikums.

Derselbe Nachmittag unserer ersten Kampagne, an dem wir die Kieferfragmente des Rhynchosauriers fanden, bescherte uns eine zweite aufregende Entdeckung. Unser Teammitglied Léon Raza-fimanantsoa, damals Student der Universität von Antananarivo, stöberte einen etwa handgroßen Schädel auf. Wir konnten das Fossil gleich als das eines Cynodontiers, eines Hundszahnsauriers, identifizieren. Und zwar handelte es sich um einen Traversodontier (gewissermaßen einen "Querzahnsaurier"). Das waren merkwürdige Pflanzenfresser, nicht mehr ganz Reptil, aber auch noch nicht ganz Säugetier.

Was besagten die beiden Funde von derselben Stelle? Offenbar hatten diese Tiere aus zwei völlig verschiedenen Gruppen, welche einzeln auch von anderen Orten der Erde bekannt sind, im Gebiet des heutigen Madagaskar gleichzeitig gelebt und sich in manchem vielleicht sogar ähnlich verhalten. Beide waren bodenlebende Vierbeiner und Pflanzenfresser. Die Arten dieser Gruppen maßen, so weiß man durch andere Funde, zwischen einem und drei Meter Körperlänge. Ob sie sogar beim Fressen gemeinsam umherzogen, etwa in der Weise wie heute in Ostafrika Gnus und Zebras, darüber lässt sich nur spekulieren.

Hingegen helfen Funde bekannten Alters von diesen Tiergruppen, die erdgeschichtliche Zeit einzugrenzen, in welcher die madagassischen Vertreter lebten. Rhynchosaurier fanden Paläontologen an verschiedensten Stellen der Welt. Deren Fossilien stammen immer aus der Trias – der ersten Periode des Erdmittelalters, die vor 250 Millionen Jahren begann und vor 205 Millionen Jahren endete. Traversodontier wiederum traten in der ersten Hälfte der Trias weitaus häufiger und vielfältiger auf als in der zweiten Hälfte. Darum vermuteten wir, dass unsere Funde etwas älter als ungefähr 230 Millionen Jahre sein müssten.

Auf unserer zweiten Expedition im Jahre 1997 sorgte dann ein neuer Fund vorübergehend für einige Verwirrung, was diese zeitliche Schätzung betrifft. Bald nach unserer Rückkehr nach Südwest-Madagaskar zeigte uns Mena, einer unserer einheimischen Helfer, einige sehr alte Knochen, die er in der Nähe der früheren Fundstelle am gegenüberliegenden Flussufer aufgesammelt hatte. Sie sahen aus wie Dinosaurier-Knochen. Falls das stimmte und sie aus derselben Zeit stammten wie die Fossilien vom letzten Jahr, mussten wir unsere frühere Einschätzung überdenken – so dachten wir zunächst. Denn soweit damals bekannt, lebten vor 230 Millionen Jahren noch keine Dinosaurier.

Wahres Alter der Dinosaurier


Die neuen Fossilien waren merkwür-digerweise in feinkörnigem rötlichem Stein eingebettet, während die letztjährigen Stücke in grobkörnigem weißem Sandstein gelegen hatten. Der neue Fundort, zu dem Mena uns führte, lag etwa eine halbe Meile nördlich des alten am Boden einer tiefen Rinne. Wie wir begeistert erkannten, birgt dort eine knapp einen Meter dicke Schicht roten Schlammsteins reichlich Fossilien. Diese rote Schicht hatte sich im Überschwemmungsgebiet derselben Flüsse angereichert, die den weißen Sand abgelagert hatten, stammte also aus derselben Zeit.

Unser Team grub dort etwa zwei Dutzend Fossilien aus. Sie erwiesen sich tatsächlich als Skelettteile von Dinosauriern: Wir fanden Kiefer, Abschnitte der Wirbelsäule, Hüftknochen, Klauen, sogar einen Unterarm mit Ellbogengelenk und mitsamt einigen Handwurzelknochen. Wir hatten Überreste von zwei Arten der Prosauropoden entdeckt, einer noch nicht offiziell benannten Gruppe früher Dinosaurier. Die eine davon scheint einer Art aus Marokko zu ähneln, die den Gattungsnamen Azendohsaurus erhielt. Diese Prosauropoden tauchen typischerweise in 225 bis 190 Millionen Jahre altem Gestein auf. Sie sind kleinere Vorläufer der riesigen, langhalsigen Sauropoden oder Elefantenfuß-Dinosaurier, zu denen Giganten wie der über zwanzig Meter lange und zehn Meter hohe Brachiosaurus gehören. Aber wie alt sind die Prosauropoden, die wir entdeckt hatten? War unsere frühere Schätzung völlig falsch gewesen? Nirgendwo sonst haben Paläontologen bisher gefunden, dass Dinosaurier gemeinsam mit Rhynchosauriern und Traversodontiern lebten. Wo immer Gesteinsschichten bereits Dinosaurier-Fossilien tragen, ob in Afrika, in Südamerika oder an noch anderen Orten: Traversodontier sind von da an rar.

Rhynchosaurier treten zwar man-cherorts zusammen mit frühen Dinosauriern auf. Doch das sind offenkundig spätere Arten als Isalorhynchus, unser Fund von Madagaskar. Diese Form ist gut bekannt und scheint zu den um einiges früheren Vertretern der Gruppe zu gehören.

Außerdem fehlen von der madagassischen Fossilienstätte Überreste bestimmter jüngerer Reptiliengruppen, wie sie sonst zusammen mit frühen Dinosauriern anzutreffen sind. Dazu gehören die schwer gepanzerten, krokodilähnlichen Phytosaurier und die Aetosaurier, Panzerechsen mit krokodilähnlichem Körper und vogelähnlichem Kopf. Hieß dies alles, dass die madagassischen Prosauropoden mindestens so alt sind wie die ältesten bisher entdeckten Dinosaurier? Dies würde allerdings bedeuten, dass die Dinosaurier früher entstanden als bisher angenommen.

Nur von einer einzigen Fundschicht früher Dinosaurier konnten Geologen bisher das Alter direkt radiometrisch bestimmen. Die Fundstelle, deren Ablagerungen vulkanisch entstanden, liegt bei Ischigualasto in Argentinien und wurde auf rund 228 Millionen Jahre datiert. Alle anderen Fossillager mit ähnlichen Formen ordnen Paläontologen hiernach ein. Sie nehmen an, dass vergleichbare Fossilien nicht älter sein können als die argentinischen.

Weil die betreffenden madagassischen Schichten keine vulkanischen Bestandteile enthalten, können wir ihr Alter leider nicht direkt messen. Anhand der gesamten Fundsituation vermuten wir allerdings, dass die madagassischen Ablagerungen mit den Dinosaurier-Knochen noch etwas älter sind als die ar-gentinischen. Noch früher müsste der gemeinsame Vorfahr aller Dinosaurier gelebt haben. Denn die Prosauropoden bilden bereits einen der Hauptäste im Dinosaurier-Stammbaum. Folglich müsste die Wurzel dieser im Erdmittelalter so erfolgreichen Reptilien weiter zurückliegen – doch wie weit?

Vielerorts haben Paläontologen über 245 Millionen Jahre altes Gestein untersucht, doch Dinosaurier-Fossilien fanden sie darin nie. Das engt die Suche nach den Anfängen auf eine zunehmend schmalere Zeitspanne der mittleren Trias ein, nämlich auf die relativ schlecht bekannte Phase vor ungefähr 240 und 230 Millionen Jahren.

Spektakulär sind von Madagaskar nicht nur die Dinosaurier-Funde. Auch zur Geschichte der Säugetiere sind auf der Insel Fossilien aufgetaucht, die einige offene Fragen zur Entstehung dieser großen Tierklasse klären helfen könnten. Fast zur gleichen Zeit, als auf der Erde die Dinosaurier erschienen, die im Erdmittelalter die Tierwelt dominierten, tauchten auch bereits die ersten Säugetiere auf. Nur waren sie anfangs allesamt höchstens ungefähr rattengroß, oft sogar sehr viel kleiner, und sie wirkten entsprechend wenig spektakulär. Mit Ausnahme des sehr späten Mesozoikums gibt es bisher von ihnen auch nicht besonders viele Funde. Neben den Dinosauriern führten sie ein eher unscheinbares Dasein. Madagassische Fossilien erhellen nun zwei bisher rätselhafte Abschnitte ihrer Evolutionsgeschichte. Der eine betrifft die unmittelbaren Vorfahren der Säugetiere, der andere den Ast, der zu den heutigen Säugern führt.

Erste Säugetiere und ihre Ahnen


Die Traversodontier gehören wie alle Cynodontier (Hundszahnsaurier) zu den säugetierähnlichen Reptilien, von denen die Säugetiere abstammen. Die Cynodontier stehen den Säugern besonders nah, denn zu ihnen gehören die unmittelbaren Vorfahren der Säugetiere. Die madagassischen Traversodontier-Fossilien vom Isalo-Nationalpark – die ersten, die auf der Insel gefunden wurden – sind so wertvoll, weil dazu einige der besterhaltenen frühen Cynodontier überhaupt gehören. Von einigen Exemplaren fanden wir sowohl den Schädel als auch das Skelett. Paläontologen erfahren hieraus viele neue Details über Körperbau – und zugleich Lebensweise – von Zwischenformen von den großen, kaltblütigen Kriechtieren des späten Erdaltertums zu den viel kleineren Warmblütern. Die Evolution der Säugetiere bedeutete eine beträchtliche anatomische Umgestaltung. Die Beine standen nicht mehr seitlich vom Rumpf ab, sondern befanden sich unter dem Körper: Der Watschelgang verschwand. Anstelle der Schuppen entwickelte sich ein wärmendes Fell.

Das Leben als Warmblüter erforderte eine effektivere Ernährung, also auch einen anderen Beiß- und Kauapparat. Unter anderem besaßen die Cynodontier aus Madagaskar bereits einen Unterkiefer, der im Wesentlichen nur noch aus einem Knochen bestand.

Im südwestlichen Madagaskar fanden wir gleich zwei fossile Gruppen, die innerhalb der Cynodontier besonders eng mit den Säugetieren verwandt sind. Bei der einen handelt es sich um die erwähnten, von vielen Orten der Welt bekannten Traversodontier, von denen wir vier neue Arten entdeckten. Die andere Gruppe sind die viel selteneren Chiniquodontier (auch Probainognathier genannt). Welchen von beiden könnten die ersten Säugetiere mehr geähnelt haben?

Die Traversodontier waren fast mit Sicherheit Pflanzenfresser. Dafür sprechen ihre breiten Backenzähne, die sich sicherlich gut zum Zermahlen von Pflanzennahrung eigneten. Eine der neuen Arten wies außerdem große, kräftige, nach vorn stehende Schneidezähne auf, mit denen sich Pflanzenteile ergreifen und abreißen ließen. Dagegen müssen die Chiniquodontier mit ihren scharfen, zugespitzten Zähnen zweifellos Fleischfresser gewesen sein.

Nach Ansicht der meisten unserer Kollegen stehen manche Chiniquodontier den Säugetieren etwas näher als die Traversodontier. Wir haben von diesen mutmaßlichen Fleischfressern auf Madagaskar sowohl Schädel als auch Skelette gefunden. Von solchen Fossilien versprechen wir uns mehr Aufschluss darüber, wie die Evolution von einem frühen Hundszahnsaurier zum ersten echten Säugetier vor sich ging.

Madagaskars Cynodontier stammen aus einem wenig erforschten Abschnitt der Trias. In Madagaskar gibt es aber auch geologische Aufschlüsse aus dem Jura, der zweiten Periode des Erdmittelalters, die vor rund 205 Millionen Jahren begann und vor rund 140 Millionen Jahren von der Kreide abgelöst wurde – der dritten und letzten Periode, an deren Ende vor rund 65 Millionen Jahren die Dinosaurier untergingen.

Im Jura lebten auf der Nordhalbkugel der Erde schon echte urzeitliche Säugetiere. Südlich des Äquators hatten Paläontologen bis dahin noch nie welche aus dieser Zeit gefunden. Trotzdem unternahmen wir schon 1996 gleich zu Anfang einen Abstecher nach Nordwest-Madagaskar, wo 165 Millionen Jahre alte Gesteine aus dem mittleren Jura freiliegen.

Wir hatten gehört, dass dort bei dem Dorf Ambondromahabo viele große Knochen von Lapperentosaurus, einem Sauropoden oder Elefantenfuß-Dinosaurier, zu finden seien. Nach aller Erfahrung liegen an solchen Stellen oft auch Fossilien kleinerer Tiere – nur sind die sehr viel mühsamer zu entdecken. In bewährter Manier krochen wir im Umkreis der Fundstelle über den Boden, um auch nicht das winzigste Bruchstück eines alten Knochens oder Zahns zu übersehen. Schließlich fanden wir auch ein paar nicht besonders aufregende Zähne von ganz kleinen Dinosauriern, einige Fischschuppen und ein paar winzige Knochenstücke. Die Teile hatten sich an der Oberfläche einer kleinen Erhebung aus Sediment angesammelt.

Spektakulärer Säugetierfund


Weil wir hofften, dass die Stelle mehr und wichtigere Fossilien barg, füllten wir rund hundert Kilogramm von dem Sediment in Säcke ab. Diese nahmen wir nach Antananarivo mit, wo wir auf Grabungsgenehmigungen für den Süden der Insel warten mussten. Uns blieb genügend Zeit, das Material grob zu sieben. Dazu spülten wir den Sand durch die Gaze unserer Moskito-Hüte. Den Rest, also die gröberen Bestandteile, nahmen wir später mit nach Amerika.

Die langwierige Arbeit, diesen Aufschluss teelöffelweise unter dem Binokular durchzumustern, übernahmen dankenswerterweise freie Mitarbeiter des Field Museum von Chicago. Dennis Kinzig, Ross Chisholm und Warren Valsa opferten dafür manches Wochenende. Wir selbst dachten kaum noch an die Sedimente, als 1998 eines Montags Kinzig erschien und erzählte, sie hätten ein Kieferstück eines kleinen Säugetiers entdeckt, in dem noch drei hintere Zähne saßen. Überraschte uns schon der Fund an sich, so staunten wir noch mehr über die bereits bemerkenswert hoch entwickelten Backenzähne dieses Tiers.

Es handelte sich um einen Tribospheniden – das konnten wir an den Zähnen mit den charakteristischen "tribosphenischen", im Dreieck stehenden, Haupthöckern eindeutig erkennen. Von diesem Typ stammen, abgesehen vom Eier legenden Schnabeltier und Ameisenigel, wahrscheinlich alle übrigen heutigen Säugetiere ab.

Sensationell an dem Fund war sein Alter. Dieses Fossil war mehr als 25 Millionen Jahre älter als die frühesten bisher gefundenen Tribospheniden. Nach dem Fundort nannten wir die neue Art Ambondro mahabo.

Erstmals erhaschen wir einen Blick auf die Evolution der frühen Säugetiere auf einem südlichen Kontinent. Dass die neue Art in der zweiten Hälfte des Juras lebte, könnte bedeuten, dieser wichtige Säugetierast entstand auf der Südhalbkugel und nicht, wie bisher angenommen, im Norden. Es ist noch zu früh, diese Frage zu entscheiden (siehe Kasten Seite 30/31). Dazu benötigen wir vor allem noch mehr Funde. Dieser eine zeigt zumindest: Wir dürfen auch die bisherige Auffassung nicht einfach übernehmen. Dass bis heute alle Fossilien dieser Tiergruppe von der Nordhalbkugel stammten, ist historisch erklärbar.

Bisher haben Paläontologen die südliche Tierwelt der Landwirbeltiere im Erdmittelalter viel weniger erforscht als die der Nordkontinente. Die bekannte Artenzahl von Australien, Afrika, Südamerika und der Antarktis dürfte noch um eine Größenordnung kleiner sein als die der nördlichen Hemisphäre. Madagaskar zählt heute zu den aussichtsreichsten Gebieten, um zu erforschen, welche Tiere Gondwana durchstreiften.

Unsere Expeditionen zeigen, wie wichtig neue Fossilfunde oft für bedeutende neue Hypothesen zur Evolution der Lebewesen sind. Die madagassischen Fossilien erlauben gleich zwei neue Thesen: Erstens könnten die Dinosaurier früher entstanden sein als bisher angenommen; zweitens stammen die tribosphenischen Säugetiere, die Stammeltern praktisch aller heutigen Gruppen, möglicherweise von der südlichen Hemisphäre. Ob das zutrifft oder nicht, können am besten weitere Funde klären.

Deswegen möchten wir auf Madagaskar auch in Zukunft nach Fossilien suchen. Wir wollen dabei nicht nur an den schon entdeckten Fundplätze graben, sondern uns auch nach neuen Stellen umsehen. Auf äußerliche Hindernisse müssen wir dabei jederzeit gefasst sein, und wenn das Straßensperrungen sind. Während unserer ersten drei Expeditionen verschwendeten wir keine Gedanken an die vielen Kiesel, die im Südwesten der Insel auf dem Triasgestein liegen. Wir ahnten nicht, dass diese Kiesel Saphire enthalten. Als wir 1999 ankamen, wimmelte die Landschaft von Edelsteinsuchern. Schon im Jahr darauf gehörten unsere sämtlichen triassischen Fundstätten zu Claims. Niemand darf diese Gebiete mehr unerlaubt betreten. Paläontologen brauchen besondere Genehmigungen der Regierung und des Besitzers.

Auch ohne solche Schwierigkeiten könnte man die auf der Insel freiliegenden alten Gesteine selbst in Generationen nicht erschließen. Dennoch hoffen wir, auf Madagaskar noch manchen paläontologischen Schatz zu finden.

Literaturhinweise


A Triassic Fauna from Madagascar. Including Early Dinosaurs. Von John J. Flynn et al. in: Science, Bd. 286, S.763, 22.Okt. 1999.

A Middle Jutassic Mammal from Madagascar. Von John J. Flynn et al. in: Nature, Bd. 401. S.57, 2. Sept 1999.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2002, Seite 26
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