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Winters' Nachschlag: Mal schau'n, wer hinschaut!

Ein Hobby-Sozialforscher zwischen Zivilcourage und Blamage.
Mit der Zivilcourage der Deutschen ist das so eine Sache: Zwischen Wollen und Tun, so lesen wir im Artikel ab S. 46, klaffen oft große Lücken. Doch viele wissenschaftliche Fragen sind ja noch gänzlich ungeklärt. Wie ist es etwa um die Hilfsbereitschaft der Mitbürger meiner Heimatstadt bestellt? Als ehrenamtlichen Verhaltensforscher drängte es mich natürlich, das in einem selbst entwickelten Experiment herauszufinden. Also legte ich mein Notizbuch bereit und rekrutierte kurzfristig meinen wackeren Mitstreiter Kaldenbach als Assistenten.

Am nächsten Morgen enterte ich pünktlich um 7.03 Uhr die U2 Richtung Hamburger Innenstadt und nahm auf einem leeren Vierersitz Platz. "Hallo Uli", begrüßte mich Kaldenbach freudestrahlend, als er wie geplant am nächsten Halt einstieg. "Und guck mich nicht so an, sonst gibt’s richtig Ärger", setzte er mit schlecht gespieltem Ernst hinzu. "Mein Gott, Kaldenbach!", zischte ich. "Du sollst so tun, als ob wir uns nicht kennen, verdammt! Und das Anpöbeln muss viel realistischer kommen!" An der nächsten Station stiegen wir aus, um das Experiment zu wiederholen. Kaldenbach musste zur nächsten Station joggen, ich gab ihm ein paar Minuten Vorsprung und stieg in die nächste Bahn.

Als mein Mitstreiter erneut zustieg, gelang es ihm, seine Verbalattacke täuschend echt vorzutragen, fast so, als wäre er tatsächlich wütend. Schon drehten sich die ersten Köpfe zu uns um, andere Fahrgäste blickten betreten zu Boden – die heiße Phase des Experiments begann! –, als eine ältere Frau laut zu applaudieren begann. "Bravo! Diesmal hat der junge Mann seine Rolle doch schon viel besser gespielt, nicht wahr?" Kaldenbach und ich schauten uns verdattert an. Offenbar war die Dame aus purer Neugier mit mir aus- und wieder eingestiegen.

Doch nur Anfänger lassen sich von solchen Kinderkrankheiten eines Feldversuchs abschrecken, also wiederholten wir das Experiment gleich noch einmal. Mein Assistent ließ sich von seiner neuen Bewunderin Frau Schnutge dazu überreden, gemeinsam mit der nächsten Bahn ein paar Stationen vorauszufahren und dort auf mich zu warten. Allerdings stiegen die beiden weder an der vereinbarten noch an irgendeiner der folgenden Haltestellen zu. Gerade wollte ich die Bahn entnervt verlassen, um in die Gegenrichtung nach Hause zu fahren, als mir eine Truppe breitschultriger, finsterer Gestalten den Weg versperrte.

Mein Puls begann zu rasen. Offenbar würde ich nun tragischerweise in der Realität zum Ziel eines brutalen Überfalls werden. Aber als Wissenschaftler muss man bereit sein, Opfer zu bringen. Wenigstens konnte ich nun beobachten, ob andere Fahrgäste für mich einstehen würden, wenn ich nur laut genug um Hilfe schrie. "Ihren Fahrschein bitte", sagte der Rädelsführer.

"Ich bin soeben überfallen worden!", hörte ich mich sagen. "Mein Portmonee samt Fahrkarte, alles weg! Gut, dass Sie kommen …" Der Kontrolleur musterte mich kritisch. "Gibt es dafür Zeugen?" "Zeugen? Sie sind gut, natürlich haben alle weggeschaut! Sie wissen doch, wie die Leute sind", setzte ich mit anklagendem Unterton hinzu. Im weitesten Sinne hielt ich mich damit ja sogar an wissenschaftliche Fakten. Und wahrscheinlich wäre ich mit meiner Geschichte sogar um eine Strafe herumgekommen, wäre nicht genau im falschen Moment Kaldenbach in Begleitung seiner neuen Bekanntschaft wieder zugestiegen. "Guck mich nicht so an, sonst gibt’s Ärger!", schrie mein fehlbesetzter Assistent theatralisch und schlug mit einer zusammengerollten Boulevardzeitung auf mich ein. "Die beiden Herren sind Wissenschaftler!", wandte sich Frau Schnutge voller Bewunderung an die Fahrkartenkontrolleure.

Etwas später – die drei "erhöhten Beförderungsentgelte" in Höhe von je 60 Euro für Kaldenbach, Frau Schnutge und mich hatte ich brav berappt – notierte ich die vorläufigen Ergebnisse der Studie in mein Notizbuch:
1) Schwarzfahren ist teuer.
2) Kaldenbach ist und bleibt ein Trottel.
3) Frau Schnutge ist wirklich ganz nett.

Wie so oft hatte die Studie ganz andere Erkenntnisse zu Tage gefördert als ursprünglich beabsichtigt. Aber gerade das macht das Leben eines Wissenschaftlers ja so aufregend.

September 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist September 2010

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