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Standpunkt: Zu viel versprochen

Laut dem "Manifest der Hirnforschung" lassen sich geistige Prozesse auf neurobiolo­gische reduzieren. Der Psychologe Stephan Schleim hält dies für eine unseriöse Attitüde.
Zu viel versprochen
Zu viel versprochen | Zehn Jahre "Das Manifest der Hirnforschung": Die prophezeiten Erfolge in den Neurowissenschaften sind noch lange nicht in Sicht.

"In den letzten Jahren ist unser Verständnis des Gehirns dramatisch gewachsen. Trotzdem müssen wir noch viel lernen. Millionen Menschen leiden an neurodegenerati­ven Erkrankungen, an Schlaganfällen, Autismus und anderen Störungen. Diese Menschen und ihre Familien haben Grund zur Hoffnung: Fortschritte in der Genetik und bildgebenden Hirnforschung eröffnen Ärzten und Forschern immer bessere Einblicke."

Diese Sätze stammen nicht aus der Projektskizze eines aktuellen Forschungsantrags, sondern (leicht verkürzt) aus dem Mund von US-Präsident George Bush Senior, der damit im Jahr 1990 die "Dekade des Gehirns" ausrief. Wenige Jahre zuvor hatte Bushs Landsmann und Nobelpreisträger Roger Sperry, dessen Arbeiten zu Split-Brain-Patienten in die Geschichte eingingen, den Erklärungsanspruch der Hirnforschung noch viel weiter gefasst: Philosophie, Religion, Ethik und unser Menschenbild hingen allesamt von den Antworten der Neurowissenschaften ab – schließlich seien sie letztlich ein Produkt des Gehirns.

Gleichzeitig schrieb Sperry seinen Kollegen ins Stammbuch, sie sollten sich weniger den Grundsatz- und Methodenfragen ihrer Disziplinen widmen als vielmehr gesellschaftlich relevanten Problemen, um auf der politischen Agenda ganz oben zu bleiben.

Heute, im Jahr 2014, stehen die bildgebende Hirnforschung, die Neurodidaktik sowie die biologisch orientierte Psychiatrie oft in der Kritik. Unbeeindruckt davon bekräftigte die EU-Kommission sowie die US-Re­gierung mit zwei Paukenschlägen die besondere Rolle der Neurowissenschaften: Die Europäer riefen das milliardenschwere Human Brain Project (HBP) aus, und die Amerikaner konterten mit ihrer BRAIN Initiative. Beide wollen helfen, den Geheimnissen des Gehirns auf die Spur zu kommen (siehe GuG 1-2/2014, S. 36).

2004, auf halbem Wege zwischen der "Dekade des Gehirns" und den neuen Großforschungsprojekten, verfassten elf deutschsprachige Neurowissenschaftler ein "Manifest über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung" (GuG 6/2004, S. 30). Es fand in der Fachwelt sowie in der breiteren Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Ganz im Geiste der Proklamation Bushs lobten die Autoren die bereits erzielten Fortschritte und kündigten neue Durchbrüche an ...

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  • Literaturtipps

Schleim, S.: Die Neuroge­sellschaft. Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert. Heise, Hannover 2011
Eine Bestandsaufnahme des "Neuro-Hypes"

Northoff, G.: Minding the Brain. A Guide to Philosophy and Neuroscience. Palgrave, Houndmills 2014
Aktuelle Übersicht zur Neurophilosophie