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Kunst und Wissenschaft: Mathematik im Surrealismus

Man Ray - Max Ernst - Dorothea Tanning
Jonas, Marburg 2002. 200 Seiten, € 25,–


Schön wie die unvermutete Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch." Dieser Satz des Comte de Lautréamont aus den "Gesängen des Maldoror" gilt gemeinhin als Leitmotiv des Surrealismus, auch wenn dessen Autor, der eigentlich Isidore Lucien Ducasse hieß und von 1846 bis 1870 lebte, zur Blütezeit dieser Kunstrichtung schon lange tot war.

Wo bei der ausgeprägten Neigung des Surrealismus zum Paradoxen, ja Absurden, ausgerechnet die Mathematik ihren Platz haben soll, leuchtet zunächst nicht ein. Aber die Aufmerksamkeit der Surrealisten fiel auf mathematische Modelle aus der Sammlung Martin Schilling – vormals L. Brill –, die um 1900 zu Unterrichtszwecken entstanden und in alle Welt vertrieben wurden. Max Ernst und in seinem Gefolge Man Ray entdeckten sie zufällig – wie es sich für richtige "objets trouvés" gehört – in einer verstaubten Vitrine des Pariser Institut Poincaré. Während Man Ray sie in kunstvoll arrangierte Fotografien ("Maquettes", um 1935) einbaute, verwendete Max Ernst sie als Bausteine in Collagen. Dem Mathematiker begegnen dabei bekannte Objekte wie die Enneper’sche Minimalfläche, die Boy’sche Fläche, Hyperboloide (welche als "hyperbolische Garnrollen" in Max Ernsts Collagen Einzug hielten), der Graph der p-Funktion und vieles mehr.

Darüber hinaus will uns die Autorin davon überzeugen, dass die Mathematik eine wesentliche Rolle für die Theorie der Surrealisten spielte. Hier beruft sie sich auf André Breton, der in "Die Krise des Objektes" (1936) der nichteuklidischen Revolution eine wichtige Rolle als Paradigma einer das Bewusstsein erweiternden, die Fantasie stärkenden Umwälzung zuweist. Der Mathematiker Henri Poincaré (1854-1912) mit seiner Betonung von Unbewusstem und Kreativität ist für sie eine Art Kronzeuge der Surrealisten bei ihrer Abgrenzung von der Betonmathematik à la Hilbert/Bourbaki. Die Belege für diese These sind allerdings eher indirekt: vage Parallelen und der Hinweis auf das intellektuelle Klima im Paris der 1910er und 20er Jahre.

Das Buch ist aus einer Dissertation hervorgegangen, was sich in Stil und Diktion deutlich bemerkbar macht. Der Leser findet sich unvermittelt wieder inmitten moderner diskurstheoretischer Erörterungen – für den nüchternen Mathematiker gewöhnungsbedürftig und nicht immer überzeugend. Auch der kunsthistorisch, literarisch oder ästhetisch interessierte Leser wird manches bislang Unbekannte antreffen: für beide Seiten also ein Ausflug in neues Terrain. Belohnt wird die Mühe allemal. Wie bemerkte schon Maldoror: "Arithmetik! Algebra! Geometrie! Grandiose Dreifaltigkeit, leuchtendes Dreieck! Wer euch nicht gekannt hat, ist ein armer Wicht!"

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2003, Seite 86
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 2003

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