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Mathematiker auf der Flucht vor Hitler. Quellen und Studien zur Emigration einer Wissenschaft.

Vieweg, Braunschweig 1998. 368 Seiten, DM 98,–.


Reinhard Siegmund-Schultze beschreibt im vorliegenden Buch die Emigration etlicher, zumeist bekannter deutscher Mathematiker in die USA zur Zeit des Nationalsozialismus und die Rolle, die Richard Courant (1888–1972) aus Göttingen, Schüler von David Hilbert und Felix Klein und selbst nach New York emigriert, bei der Eingliederung seiner Kollegen spielte. Dabei stützt er sich vor allem auf amerikanische Quellen, in der Hauptsache Courants Nachlaß.

Neben Courant waren es Albert Einstein, Theodore von Kármán, Oswald Veblen, Hermann Weyl und andere, die schnell Aufnahme und gute Posten in den USA fanden und ihren in Deutschland bedrohten Kollegen Arbeitsmöglichkeiten und eine sichere Zuflucht zu vermitteln suchten. Besonders die älteren oder weniger prominenten Flüchtlinge waren weitgehend auf sich selbst gestellt, da amerikanische Stellen nur wenig Interesse an ihnen zeigten. Die meisten mußten zufrieden sein, überhaupt einreisen zu dürfen und schlechtbezahlte Stellen an Schulen oder in der Industrie zu finden. Renommierte Forschungsstätten boten insgesamt nur wenigen deutschsprachigen Emigranten Zuflucht und Arbeit. In einigen Fällen fanden die Verfolgten keine rettende Aufnahme; der Aachener Mathematiker Otto Blumenthal und viele andere wurden von den Nazis ermordet.

Die Emigranten gaben vorrangig der angewandten Mathematik neue Impulse, was sich positiv auf die amerikanische Rüstungsforschung auswirkte. Jüdische Mathematiker wurden nicht nur aus Hilfsbereitschaft in die USA aufgenommen und dort nicht selten mit einem latenten oder offenen Antisemitismus konfrontiert, zum Beispiel in der Person des führenden Mathematikers George D. Birkhoff.

Darüber hinaus beschreibt Siegmund-Schultze die zumeist wissenschaftlichen oder ökonomischen Motive derjenigen Mathematiker, die Deutschland bereits vor 1933 verließen, sowie das Schicksal der in das Nachkriegsdeutschland zurückgekehrten Mathematiker. Diese stießen auf noch im Amt befindliche Kollegen, die aktive Nationalsozialisten gewesen waren, und eine bundesrepublikanische Bürokratie, die, teilweise auf der Grundlage der Nazigesetzgebung, den weniger prominenten Emigranten die Erfüllung berechtigter Ansprüche verweigerte – ein bislang nur selten beachtetes Kapitel der Emigrationsgeschichte.

Nach den ersten Kapiteln, in denen zu ausführlich die theoretische Eingrenzung des Emigrationsbegriffs betrieben wird, überzeugt das Buch durch seinen ungewöhnlichen Aufbau. Die Darstellung ist mit kurzen biographischen Skizzen und Originalzitaten aufgelockert, was die Aussagen des Autors unterstützt und veranschaulicht. Indem es die Betroffenen selber zu Wort kommen läßt, hebt es persönliche Schicksale aus dem anonymen Vorgang der "Emigration" heraus.

Das Werk bringt keine wesentlich neuen Erkenntnisse. Insgesamt erfüllt es jedoch den Anspruch des Autors: das Bewußtsein von uns Heutigen für die damaligen Verhältnisse zu wecken. Dank der gelungenen Auswahl der Quellen spricht es auch und besonders den Laien an; für diesen Leserkreis wären allerdings reichhaltigere biographischen Angaben hilfreich gewesen. Bei der äußeren Gestaltung hat man sich von den vielfältigen Möglichkeiten der modernen Textverarbeitung und -gestaltung hinreißen lassen; weniger wäre in einigen Punkten mehr gewesen.

Über das Schicksal der aus politischen und "rassischen" Gründen vertriebenen Assistenten, Schullehrer oder über die in der Industrie tätigen Mathematiker findet man nur wenig, mit Ausnahme einiger prominenter Exilanten.

Auch die sogenannten Deutschen Mathematiker, die sich aktiv an der Vertreibung ihrer ‚nichtarischen‘ und politisch unliebsamen Kollegen beteiligten, kommen nur am Rande vor, was dem Autor jedoch angesichts der Themenstellung nicht vorzuwerfen ist. Von dieser Gruppe erwähnt Siegmund-Schultze nur die prominenten Vertreter – so den Berliner Ordinarius Ludwig Bieberbach –, nicht jedoch die vielen Mathematiker, die nach 1933 angesichts des Unrechts wegschauten und teilweise von den Entlassungen ihrer Kollegen profitierten. Nur wenige Autoren, etwa der Braunschweiger Historiker Hans Mehrtens, haben sich bislang mit diesem Thema beschäftigt.

Es bleibt zu wünschen, daß die Forschung sich in Zukunft auch den viel zahlreicheren weniger prominenten Opfern und Tätern zuwendet, damit diese nicht vergessen werden. Die prominenten Fachvertreter, die im allgemeinen im Blickpunkt der Forschung stehen, sind nur ein kleiner Teil der über 3000 deutschen Wissenschaftler, die damals emigrieren mußten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2000, Seite 105
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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