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Mechanisierung und Maschinisierung 1600 bis 1840


Diese Darstellung der proto- und frühindustriellen Technik ist das Mittelstück eines fünfbändigen Sammelwerkes: der ersten großangelegten Weltgeschichte der Technik in deutscher Sprache. Deren Herausgeber Wolfgang König entwirft ein „ambitioniertes Programm“: Gegenstand sei nicht nur die Technik selbst, sondern auch ihr „Wirkungszusammenhang mit Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft“; es gehe nicht nur um Technikproduktion, sondern auch um Verwendung von Technik und um ein historisches Fundament für Technikbewertung. Er erteilt der alten technizistischen Fortschrittsidee eine Absage: „Technik ist kein linearer Fortschritt, sondern ein Tasten und Suchen mit ungewissem Ausgang.“

Erfahrungsgemäß ist es nicht ganz einfach, diese schon oft geforderte neue Art der Technikgeschichtsschreibung in großem Stil zu verwirklichen, vor allem dann, wenn man nach wie vor dem Ideal der kontinuierlichen Erzählung folgt: Denn ohne das Leitseil des technischen Fortschritts und ohne die Erfinder-Pioniere, dafür in eine Vielzahl von Außenbeziehungen verwickelt, wird die Technikgeschichte zunächst einmal unübersichtlicher und verliert die große Linie – jedenfalls die, die man gewohnt war.

Das vorliegende Opus hat jedoch mit der Tradition nicht radikal gebrochen. Zwischen den Zeilen ist der Fortschritt als Maßstab noch durchaus präsent, und im großen und ganzen ist es, wie Wolfgang König zugibt, eine „Geschichte der Sieger“: eine Geschichte der am Ende erfolgreichen Technik. Dennoch enthält sie eine Fülle von Neuem; in vielen Einzelheiten zeigt sie die Spuren der Technikdiskussionen der letzten zwei Jahrzehnte und die Annäherung der Technikhistorie an die Hauptströme der Geschichtswissenschaft.

„1600 bis 1840“: Was ist das für eine Epoche? Im Gegensatz zur Tradition ziehen die Autoren nicht die Erfindung des Buchdrucks und die der Dampfmaschine als abgrenzende Markierungen heran, sondern eher die Konzepte der Protoindustrialisierung und des Aufstiegs großtechnischer Netzwerke. Über den Titel „Mechanisierung und Maschinisierung“ läßt sich streiten. Liefen die Innovationen jener Zeit nicht ganz überwiegend auf bessere Nutzung der Kraft von Mensch und Tier statt auf die Ersetzung von Lebewesen durch Maschinen hinaus? Wenn man die technischen Neuerungen in ihrer ganzen Breite überblickt, erkennt man, daß Dampfmaschine und Spinning Jenny – das in England entwickelte automatische Spinnrad – längst nicht so repräsentativ für die Technik ihrer Zeit waren, wie sie in herkömmlichen Geschichtsbüchern erscheinen. Gerade Akos Paulinyi, aus Budapest stammender Professor für Technik- und Wirtschaftsgeschichte an der Technischen Hochschule Darmstadt und Verfasser des zweiten Teils, hat die übliche Heroisierung der Dampfmaschine temperamentvoll attackiert.

Sein Koautor, der Hamburger Sozial- und Wirtschaftshistoriker Ulrich Troitzsch, wendet sich gegen die traditionelle Vorstellung, daß in der Technik vom 16. bis zum 18. Jahrhundert – oder, an Personen festgemacht, zwischen Georg Agricola (1494 bis 1555), dem Humanisten und Begründer der Gesteins- und Bergbaukunde, und James Watt (1736 bis 1819), dem Erfinder der Dampfmaschine – Stagnation geherrscht habe: „Die Abkehr vom dogmatischen Fortschrittsparadigma mit seiner Fixierung auf die spektakulären Ereignisse in der Technikgeschichte kann... den Blick auf den ,stillen‘, den allmählichen, für das 17. und 18. Jahrhundert so typischen technologischen Wandel öffnen“ (Seite 20). Da seine Darstellung allerdings „mehr von der Großtechnik sowie von den produzierenden Gewerben und weniger von der Alltagstechnik“ handelt, ist sie nur bedingt geeignet, diesen unscheinbaren Wandel sichtbar zu machen. Aber sie bringt doch eine Menge Bewegung in die frühneuzeitliche Technikgeschichte.

Zwar gab es Wind- und Wassermühlen seit langer Zeit; aber ihre rapide Zunahme im 17. und 18. Jahrhundert schuf eine neue Qualität der Mechanisierung und paßt zu dem Konzept der „Protoindustrialisierung“ mit seiner Verlagerung der ökonomischen Dynamik von der Stadt aufs Land. Mechanische Uhren waren seit dem Mittelalter bekannt, aber wirklich brauchbar für die Zeitmessung wurden sie erst im 17. Jahrhundert (Seite 208): eine höchst bedeutsame Wende. Den Buchdruck gab es seit dem 15. Jahrhundert; aber erst der technische Wandel in der Papiermacherei des 17. und 18. Jahrhunderts ermöglichte jene frühe Massenproduktion von Büchern, welche die Ideen der Aufklärung (aber auch der Gegenaufklärungen) popularisierten.

Während Troitzsch die vorindustrielle Bedeutung des technischen Wandels herausstreicht, kämpft Paulinyi eher gegen übertriebene Vorstellungen von dem Faktor Technik in der industriellen Revolution, insbesondere gegen jeglichen Glauben an einen technologischen Determinismus. Von einer „generellen Überlegenheit britischer Technik“ im 18. Jahrhundert könne keine Rede sein. Deutschland war damals bei aller Armut nicht wirklich ein Entwicklungsland; daher konnte es im 19. Jahrhundert in der Technik so rasch aufholen. Paulinyi wendet sich auch gegen überzogene Auffassungen von der „Verwissenschaftlichung der Technik“: Die moderne chemische Industrie entstand keineswegs als Kind der Wissenschaft (Seiten 427 und folgende). Auch heute ist Technik nicht bloß angewandte Naturwissenschaft.

Wie Paulinyi zeigt, beginnt die öffentliche Wahrnehmung neuer technischer Risiken nicht erst mit den frühen Eisenbahnkatastrophen, sondern schon vorher mit den ersten Gasanstalten (Seite 426). Ein Argwohn der Öffentlichkeit begleitete die Industrialisierung von Anfang an, und – wie Paulinyi zeigt – nicht ohne Grund; denn mit den rasanten kommerziellen Erfolgen entwickelte sich eine „endlose Risikobereitschaft der Techniker und Unternehmer“ (Seite 495).

Das ist eine deutliche Absage an die lange in Industrie und Technik gehegte Ideologie, daß die technische Sicherheit allein Sache der Experten sei. Manche immer noch fortlebenden Formen von Technik- und Expertengläubigkeit würden sich bei besserer Kenntnis der Technikgeschichte von selbst erledigen. Auch dies mag man diesem neuen Standardwerk entnehmen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1993, Seite 126
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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