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Winters' Nachschlag: Meine parasozialen Freunde

Auch positive TV-Vorbilder können Kindern und Eltern das Leben zur Hölle machen.
"Mit der großen, scharfen Scher' geht es über Papi her!" Diese geplapperten Worte waren das Letzte, was mein Vater hörte, bevor ich mit meiner Bastelschere sein bestes Sakko aus feinstem englischem Tuch zerfledderte. Das Motiv für diese Tat gab meinen Eltern zunächst Rätsel auf. Durch hartnäckiges Nachfragen kam meine Mutter jedoch bald auf die richtige Spur: Klein Uli hatte kurz vor dem Attentat im Fernsehen "Pan Tau" in seinem eleganten Anzug bestaunt – und wollte dem Papa, wenn der schon nicht zaubern konnte, wenigstens zu einem modisch geschnittenen Jackett verhelfen.

Ich bezweifle, dass jener Vorfall bei der Autorin des Artikels "Gute Vorbilder, schlechte Vorbilder" ab S. 44 als positives Beispiel von TV-Identifikation durchgehen würde. Und diese Episode stellte nur den Auftakt zu meiner medial unterstützten Persönlichkeitsentfaltung dar. Denn Idole gab es genug!

Mein Versuch, es Dick und Doof gleichzutun, indem ich einen zehn Zentimeter langen Nagel aufrecht auf einen Stuhl im Esszimmer platzierte, sorgte für den nächsten Eklat im Hause Winters. Doch das gehörige Ausschimpfen tat meinen Eltern am nächsten Morgen leid – als sie mein Bett kalt und leer vorfanden.

Dabei hatte ich keineswegs aus Protest die Familie verlassen. Trotz des feuchten Schmuddelwetters hatte ich die Nacht über auf einem benachbarten Bauernhof biwakiert, um der freien und naturverbundenen Lebensweise meines Fernsehlieblings "Arpad, der Zigeuner" nachzueifern. Peinlich nur, dass ich mir in der Dunkelheit einen Schlafplatz am Rand der alten Güllegrube aussuchte. Als ich pünktlich zur Frühstückszeit wieder in der Tür stand, war meine Mutter so froh, mich zu sehen, dass sie nicht mal den desolaten Zustand meines Schlafanzugs und Bettzeugs kritisierte.

Auch die Orientierung an noblen TV-Helden kann also nach hinten losgehen. Nie musste ich das schmerzhafter erfahren als in meiner Kwai-Chang-Phase. Den Peinigungen meines bösartigen Mitschülers Jochen Teppeler begegnete ich nämlich genau so, wie es der Meister der Selbstverteidigung und Held der Serie "Kung Fu" getan hätte: Backpfeifen und andere Quälereien nahm ich mit unbewegter Miene und innerer Größe hin. Das Problem war nur, dass ich die wichtige zweite Phase der Kwai-Chang-Strategie – das unbarmherzige Zurückschlagen, sobald das erträgliche Maß an Provokation überschritten ist – in Ermangelung ausreichender Kampfsporttechnik stets ausfallen ließ. Und durch meine scheinbar unerschöpflichen Nehmerqualitäten fühlte sich Teppeler zu immer gewalttätigeren Übergriffen ermuntert.

Dieser grausamen Realität konnte ich nur entkommen, indem ich mich meinen Tagträumen hingab, in denen immer öfter die "bezaubernde Jeannie" eine Rolle spielte. Die im Artikel erwähnte Monique Ward, die untersuchte, wie sexualisierte TV-Inhalte – in den Siebzigern zählte dazu durchaus auch ein albernes Bauchtanzkostüm – auf Teenager wirken, würde sich vielleicht für Details dieser Fantasien interessieren. Ihnen erspare ich sie jedoch lieber.

Das vorläufige Ende meiner Flimmerkisten-Sozialisation markierte jener Vorfall, der sich kurz nach meiner Führerscheinprüfung ereignete und in Familienkreisen bis heute als der "Wildunfall" bekannt ist. In der offiziellen Version setzte ich den nagelneuen Opel Ascona meines Vaters nämlich bei dem Versuch, einem unschuldigen Reh auszuweichen, in den Graben. Dass unmittelbar vor der Unfallfahrt meine geliebte Actionserie "Starsky und Hutch" im Fernsehen lief, in der viele waghalsige "Handbremsenwenden" vorkommen – tja, das wissen außer mir nur eine Hand voll guter Freunde. Und jetzt auch Sie.
Januar/Februar 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist Januar/Februar 2011

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