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Epidemiologie: Mikrobenschleuder Saharastaub

Können Staubwolken Krankheitserreger über Ozeane hinweg verfrachten? Lange galt das als ausgeschlossen, doch immer mehr ­Befunde sprechen inzwischen dafür.


Am 11. Februar 2001 wirbelt ein gewaltiger Sandsturm in der nördlichen Sahara eine riesige Staubwolke auf und bläst sie Richtung Atlantik. Zwei Tage später hat der Wüstendreck England erreicht. Kurz darauf werden gleichzeitig aus verschiedenen Teilen der Insel Ausbrüche von Maul- und Klauenseuche gemeldet. Eugene Shinn vom U.S. Geological Survey (USGS) in St. Petersburg (Florida) sieht darin mehr als ein zufälliges Zusammentreffen.

Die Idee, dass Staubwolken Krankheitserreger über weite Strecken verfrachten, kursiert schon seit längerem, fand aber bisher wenig Anklang. Vor einigen Jahren versuchte Shinn Gesundheitsexperten der US-Regierung davon zu überzeugen. "Aber keiner wollte auf mich hören", erinnert er sich. Die Behördenvertreter mochten einfach nicht glauben, dass etwas so Diffuses und Unkontrollierbares wie eine Staubwolke Krankheit und vielleicht sogar Tod über Amerika bringen könne.

Ausgedörrte Böden voller Erreger aus Exkrementen

Aber neuerdings stößt die Theorie auf steigendes Interesse – zeigt sich doch, dass sie viele bislang rätselhafte Ausbrüche von Seuchen erklären könnte. Zwar hat sich aus den Trockenregionen der Erde seit jeher Staub in die Lüfte erhoben, doch seine Menge ist in jüngster Zeit deutlich gestiegen. Wissenschaftler schätzen sie heute auf eine Milliarde Tonnen pro Jahr. Außerdem hat sich der Staubgürtel der Erde verbreitert.

Teilweise hängt diese Entwicklung mit natürlichen Klimazyklen zusammen, die etwa für die nun schon 30 Jahre anhaltende Trockenheit in Nordafrika verantwortlich sind. Verstärkt wird sie jedoch durch menschengemachte Faktoren. Ein Beispiel ist die dramatische Verkleinerung des Aralsees durch übermäßige Nutzung der Zuflüsse für Bewässerungszwecke. Kurzsichtige Agrarpraktiken tragen zur permanenten Austrocknung fruchtbarer Gebiete bei und hinterlassen ausgedörrte Böden, durchtränkt mit Pestiziden und Krankheitserregern aus tierischen und menschlichen Exkrementen.

Auf die Idee eines möglichen Zusammenhangs zwischen Staub und Seuchen kamen Shinn und seine USGS-Kollegen durch ein seltsames untermeerisches Massensterben in der Karibik Anfang der 1980er Jahre. Ein Bodenpilz fing an, in großem Umfang Hornkorallen abzutöten. Das war umso erstaunlicher, als sich der Schädling, wie Garriet Smith von der Universität von South Carolina bewies, nicht in Salzwasser vermehren kann. Er brauchte also immer wieder externen Nachschub. Weil er auch im Umkreis von unbewohnten Inseln wütete, auf denen es keine nackte Erde oder landwirtschaftlich bedingte Bodenerosion gab, schien eine lokale menschengemachte Ursache somit unwahrscheinlich.

Als Smith den afrikanischen Staub analysierte, der in der Karibik niederging, entdeckte er darin den Bodenpilz Aspergillus sydowii. Und der konnte, so das Ergebnis entsprechender Versuche, gesunde Hornkorallen infizieren. Aber wie überstand er die lange Reise von Afrika über den Atlantik? Wie die USGS-Wissenschaftler nachwiesen, schützte die dichte Teilchenwolke den Pilz vor ultravioletter Strahlung und anderen schädlichen Einflüssen.

Auch Korallenseuchen wie die Weiß- und Schwarzbandkrankheit, die von Bakterien verursacht werden, könnten ihren Ursprung in der Sahara haben. Die USGS-Forscherin Ginger Garrison entdeckte eine Verbindung zwischen ihrem Auftreten und Sandstürmen in Afrika. Ähnliches gilt für Ausbrüche der Maul- und Klauenseuche in Südkorea letztes Jahr: Sie ereigneten sich regelmäßig, nachdem große Staubmengen aus der Mongolei und China herübergeweht waren.

Eine wahrhaft schmutzige Bombe

Inzwischen sind die USGS-Forscher nicht mehr allein. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa registriert und verfolgt die Staubwolken, die so groß wie ganz Spanien sein können, nun weltweit per Satellit. Außerdem hat die amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration unlängst eine Messstation in Kalifornien errichtet, die aus Asien heranwehenden Staub erfassen soll.

Befürchtungen, auch die tödliche Lungenseuche SARS könne sich auf diese Weise über die Ozeane hinweg ausbreiten, sind allerdings unbegründet. Nach Expertenmeinung würde der Krankheitserreger nicht so lange in der trockenen Luft überleben. Außerdem zeigen die epidemiologischen Daten, dass er nur durch direkten Kontakt mit einem Patienten übertragen wird.

Bioterrorismus mit anderen Krankheitserregern ist aber nicht auszuschließen. "Milzbrand überlebt die lange Reise", meint Shinn, der in einer Studie für die US-Regierung vor kurzem die Gefahr abgeschätzt hat, dass Terroristen sich einer Staubwolke bedienen. Der Begriff "schmutzige Bombe" bekäme dabei eine ganz neue Dimension.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2003, Seite 14
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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