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Dezsö Varju:: Mit den Ohren sehen und den Beinen hören.Die spektakulären Sinne der Tiere.

C. H. Beck, München 1998. 288 Seiten, DM 44,–.


Der Schalk, der auf der Umschlagklappe aus den Augen des Autors blitzt, begegnet uns auf den 264 Seiten anspruchsvollen und dennoch unterhaltsamen Textes immer wieder, sehr zum Vorteil des neugierigen Lesers. Dezsö Varju sieht und liebt Analogien seiner Themen zu Begebenheiten des Alltags und der Kulturgeschichte und würzt damit die unbestechliche Logik seines Stoffes. Zur Einstimmung führt er uns zum Nachmittagskaffee in seinen schwäbischen Garten und stellt uns Fragen zur Zoologie des Kaffeetisches, die wir beantworten möchten, aber nicht können. Wo kommen zum Beispiel plötzlich die Wespen und die Ameisen her? Und schon zieht er uns in wenigen Sätzen in seine Gedankenwelt der biologischen Sensorik und Kybernetik hinein, man liest Seite für Seite und kommt von den Problemen und ihren Lösungen kaum mehr los.

Das Buch fesselt deshalb auf so intensive Weise, weil der emeritierte Tübinger Biokybernetiker Varju der lebendigen und geistreichen Darstellung nicht den unbestechlichen Blick des Physikers und Mathematikers opfert. Kapitel für Kapitel breitet er die begeisternde Kreativität der Evolution aus, die bei aller "Flickschusterei" (wie der französische Molekularbiologe und Nobelpreisträger François Jacob sie qualifizierte) sich nur mit Lösungen höchster Präzision und Sensitivität zufriedengibt.

Varjus Erzählkunst führt uns durch die Orientierungswelt der Tiere. Er erklärt uns zum Beispiel, wie Tausendfüßer aufgezwungene Kursänderungen präzise korrigieren und wie Eulen mit der raffinierten neuronalen Zeitmeß- und Differentialtechnik ihres Gehörs eine Maus im Laub selbst in tiefster Nacht präzise lokalisieren. Er zeigt uns, wie Ameisen das uns verborgene Polarisationsmuster des Himmelslichts nutzen, um auf dem kürzesten Weg nach Hause zu finden, wie Zugvögel nach vielen Monaten und Tausenden von Reisekilometern fast punktgenau wieder dort landen, wo sie im vergangenen Frühjahr ihr Nest gebaut hatten, und vieles mehr.

Varju entläßt seine Leser keinen Augenblick aus dem Mitdenken und erspart ihnen nichts an Gedankenschärfe. Aber man geht diesen Weg von der Problemdarstellung zu den sinnesphysiologischen und kybernetischen, komplexen Lösungen bereitwillig mit, weil der Autor uns mit der Schilderung geistreicher und überraschender Experimente zum Ziel führt und den Stoff dadurch lebendig und spannend vor unseren Augen aufbaut. Varju belohnt seine Leser für solche Aufstiege in wissenschaftliche Höhen mit kleinen Anekdoten aus den Wissenschaften, die unsere Denkfalten erholend in Lachfalten verwandeln.

Die hier vorgelegte Entdeckungsreise durch die Orientierungsleistungen der uns täglich begegnenden Tierwelt ist ein Meisterwerk erzählerischer und dennoch exakter, anspruchsvoller Naturwissenschaft. Das Buch wird den Ingenieur ebenso fesseln wie den Feldornithologen. Es eignet sich bestens als Motivationsanschub zu Beginn eines Biologiestudiums. Es sollte zur Pflichtlektüre eines jeden Molekularbiologen und Genetikers werden, damit diese Molekülzauberer wieder lernen, wozu ihre Genaktivatoren, ihre Proteinkinasen und Ionenkanalproteine eigentlich gut sind: um in einer undurchschaubar komplexen, sich ständig wandelnden Welt auf höchst intelligente Weise zu überleben.

Nichts ist vollkommen. Ich hätte mir gewünscht, daß der Verlag mehr Sorgfalt auf die Abbildungen verwendet hätte; viele können mit der Qualität des Textes nicht mithalten. Am meisten vermisse ich ein Literaturverzeichnis für weiterführende Suchgänge in die Wunder der Natur. Gerade dieses zum Mitdenken verführende Buch wird in vielen Lesern den Wunsch nach Vertiefung wecken. Doch das sind kleine Unebenheiten. Das Buch ist beste populärwissenschaftliche Literatur.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1998, Seite 114
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 1998

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