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Modelle für die Landwirtschaft: Misch- kontra Monokultur

Die kapitalintensiven, hochtechnisierten Monokulturen des Westens eignen sich nicht generell als Muster für die Dritte Welt. Alternativen könnten arbeitsintensive Mischkulturen wie beim traditionellen Reisanbau sein.

In den Industrieländern herrschen feste Vorstellungen darüber, wie es mit der Landwirtschaft überall auf der Erde vorangehen sollte: im Rahmen technischen Fortschritts, der beispielsweise Ochsengespanne durch Traktoren und die hölzerne durch die stählerne Pflugschar ersetzt, sowie mit einem sozialen Wandel von kleinen Familienbetrieben, die sich hauptsächlich selbst versorgen, zu großen, ertragreichen Unternehmen, obgleich deren immer aufwendigere Maschinenparks die Arbeitskraft und das Geschick von mehr und mehr Menschen überflüssig machen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte dieses Konzept weltweit die landwirtschaftliche Modernisierung. So ist der für Nordwesteuropa über Jahrhunderte typische Bauernhof mit Äckern, Obstwiesen, Weiden und Wald, auf dem Nutztiere aller Art gehalten und viele der in gemäßigten Breiten gedeihenden Feldfrüchte angebaut werden, binnen weniger Jahrzehnte obsolet geworden.

Das erschien den Agrarökonomen und Agrarwissenschaftlern in internationalen Hilfsgremien, die meist aus den USA kamen oder dort ausgebildet worden waren, damals als völlig normal und unausweichlich. Sie arbeiteten eine ganze Kollektion technischer und wirtschaftlicher Maßnahmen aus, um auch die Landwirtschaft der ärmeren Nationen auf den neuesten Stand westlichen Musters zu bringen.

Doch mittlerweile hat ein Umdenken eingesetzt. Denn obwohl genug Nahrung produziert wird, konnte der Hunger nicht besiegt werden; die Armut in ländlichen Gebieten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas nimmt sogar zu.

Von traditionellen Mischkulturen in den Reisanbaugebieten lassen sich aber eventuell neue Modelle ableiten, die den jeweiligen Bedingungen weit besser angepaßt sind. Sie dürften auch die Biosphäre eher vor tiefgreifenden Störungen bewahren.


Die grüne Revolution

Allerdings brachten westliche Forschung und Technologie zunächst so eindrucksvolle Erfolge, daß alsbald von einer grünen Revolution gesprochen wurde. Im Zentrum standen sehr ertragreiche Sorten von Weizen, Mais und Reis.

Weil diese aber spezielle Bastarde sind, können die Bauern sie nicht selbst vermehren und müssen zudem Chemiedünger und Pestizide einsetzen. Die Versuchsstationen verglichen in der Regel, um die Vorteile zu demonstrieren, auch nur jeweils alte und neue Varietäten. Wie der indische Ökonom Vandana Shiva jedoch hervorhebt, reduziert dieses sogenannte Wundersaatgut die Vielfalt des gemischten Anbaus; der Gesamtgewinn fällt somit möglicherweise erheblich geringer aus als behauptet.

Das vorderste Ziel der grünen Revolution in den sechziger und siebziger Jahren war, genügend Nahrung für die wachsende Weltbevölkerung bereitzustellen. Statistisch gesehen ist das sogar gelungen: Die Produktion der wichtigsten Getreidesorten würde inzwischen mehr als ausreichen – gäbe es nicht das Problem der ungerechten Verteilung.

Das zweite Ziel war, den Bauern durch vermarktbare Überschüsse zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen und sie so am Wirtschaftswachstum teilhaben zu lassen. Es schien offensichtlich, daß die Anwendung von Forschungsergebnissen und der Einsatz von Kapital einen wirksameren und produktiveren Anbau bewirken würden. Nach den zu jener Zeit gängigen Theorien war zwar durchaus zu erwarten, daß die für die Modernisierung erforderlichen Investitionen anfangs reichere Landwirte bevorteilen würden; man unterstellte jedoch, daß die Gewinne bald der gesamten Bevölkerung zugute kämen.

Die neuen Hochertrag-Getreidesorten begünstigen freilich die Tendenz zu Monokulturen. Deshalb empfehlen die agrarwirtschaftlichen Institutionen, die technische Informationen, Saatgut und Kredite bereitstellen, meist auch den Anbau im großen Maßstab und die Zusammenlegung von Landbesitz, um so die Mechanisierung zu ermöglichen. Unter diesen Bedingungen sind Überschüsse und Gewinnspannen (wenngleich nicht notwendigerweise auch die Erträge) wie in Europa und den Vereinigten Staaten im allgemeinen proportional zur Größe des Betriebs, kleinere Höfe mithin nicht mehr lebensfähig. Zudem erhöhen sich die ökonomischen Risiken der Landwirte, weil Monokulturen empfindlicher gegen Schädlingsbefall sind und der finanzielle Ertrag der wenigen Produkte von Preisschwankungen auf dem Weltmarkt abhängt. Die Vielfalt der einheimischen Ernährung ist drastisch reduziert worden; ebenso schwanden die Chancen der lokalen Bevölkerung, in der Landwirtschaft Beschäftigung zu finden.

Die neue Agrartechnologie erfordert überdies immense Mengen an Kunstdünger, Pestiziden und fossilen Brennstoffen. Energetisch ist sie weniger effektiv als viele traditionellen Anbausysteme. Monokultur, mechanisierte Bodenbearbeitung, die Umwandlung von Waldgebieten und Weiden in Äcker sowie die Anwendung von Chemikalien beeinträchtigen die Umwelt durch Verlust der Sortenvielfalt, durch Erosion sowie Belastung von Böden und Wasser.

Insgesamt hatte das neue Konzept in vielen Regionen eine tiefgreifende wirtschaftliche Polarisierung zur Folge: Reiche Bauern vergrößern ihren Landbesitz, wohingegen arme aus der Selbständigkeit in Lohnarbeit gedrängt werden. Selbst diejenigen, die es sich noch leisten können, Landwirtschaft zu betreiben, werden zunehmend von den städtischen Märkten für Güter und Dienstleistungen abhängig. Die Beschäftigungseinbußen auf dem Lande kann die In-dustrie aber nicht ausgleichen, und so sammeln sich die Arbeitslosen in den Elendsvierteln der Großstädte, deren Slum-Gürtel wachsen.


Eine neue Orientierung

Die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung von 1992 in Rio de Janeiro markierte einen Wendepunkt auch für die Agronomie: Offizielle Stellen billigen nun neue, kritische Ansätze zur Lösung des weltweiten Ressourcenproblems. Die Schlüsselbegriffe sind nicht mehr Wachstum und Fortschritt, sondern vielmehr Bewahrung und Nachhaltigkeit. Das klassische Grundkonzept für Entwicklung der Landwirtschaft und der Wirtschaft allgemein, mehr sei immer und für alle besser, wird nun ernsthaft bezweifelt.

Die entscheidende Frage ist aber, ob eine Agrarpolitik, die auf Bewahrung und Nachhaltigkeit basiert, dringende Probleme der Dritten Welt wie Armut, Hunger und Krankheit lösen kann. Die Zahl der Benachteiligten nimmt nicht nur wegen des noch anhaltenden globalen Bevölkerungswachstums zu, sondern auch, weil städtische Dienstleistungs- und Industriebetriebe inzwischen wesentlich weniger Arbeitskräfte auffangen als früher.

Ein nachhaltiges landwirtschaftliches System muß darum die Ernährung der gesamten Population einer Region sichern und zudem Arbeitsplätze schaffen; es sollte flexibel und breitgefächert sein, vermarktbare Überschüsse abwerfen, dabei den internen Austausch von Waren und Dienstleistungen auf dem Lande unterstützen sowie die Abhängigkeit von externen Investitionen und Märkten verringern.

Alle Agrarsysteme waren ursprünglich Mischkulturen, die viele Grundbedürfnisse zugleich erfüllten. Noch heute säen manche Bauern im Mittelmeerraum Weizen und Gerste um ihre Olivenbäume. In großen Teilen des sogenannten Weizengürtels Nordamerikas haben die Farmer früher außer dem Anbau verschiedener Getreidearten Milchwirtschaft betrieben. Ein attraktives, weil inhärent nachhaltiges Konzept ist es, Mais, Bohnen und Kürbis gemeinsam zu pflanzen – diese Arten ergänzen sich, statt einander Konkurrenz zu machen, denn ihre Wurzeln beziehen Nährstoffe und Feuchtigkeit aus verschiedenen Bodenschichten, und die der Bohnen fixieren zudem Stickstoff. In ganz Mittelamerika ist diese Form von Mischkultur, die dort vor mehr als zwei Jahrtausenden entwickelt wurde und das Entstehen von Hochkulturen wie die der Mayas ermöglichte, noch immer die Basis der Ernährung dicht besiedelter Gebiete.


Spezifische Entwicklung des westlichen Agrarsystems

Die Ideen der grünen Revolution wurzeln in der Entwicklung der Landwirtschaft in Nordwesteuropa und dem Weizengürtel Nordamerikas – also jener Regionen, die Nahrung für die städtischen Zentren der industriellen Revolution lieferten. Aber die Triebkräfte dieses historischen Prozesses, bei dem ein unzureichendes Potential an Arbeitskraft von Mensch und Tier durch technische Neuerungen kompensiert wurde, sind keineswegs überall wirksam; sie waren vielmehr für die dortigen Produktionsbedingungen spezifisch.

Das Europa nördlich der Alpen hat eine kurze Wachstumsperiode. Die wichtigsten Getreidearten – Weizen, Gerste und Roggen – tragen Ähren mit relativ wenigen Körnern, bestenfalls einigen Dutzend, während es 100 oder mehr in den Rispen von Reis oder Hirse sind. Bei optimaler Bestockung hat jede Pflanze nicht mehr als drei bis vier Halme. Im Prinzip könnte ein Samen zwar etwa 200 neue Körner produzieren – aber wie schon das biblische Gleichnis lehrt, gehen viele gar nicht auf; hinzu kommen Ernte- und Lagerverluste.

Im mittelalterlichen Europa mußten die Bauern denn auch bis zu einem Drittel des jährlichen Ertrags für die Aussaat im nächsten Jahr aufbewahren und einen weiteren großen Teil an Tiere auf dem Hof verfüttern. Da Mist der einzige vorhandene Dünger war, mußten Anbauflächen oft brachliegen und konnte nur alle zwei oder drei Jahre mit Getreide bestellt werden.

Als mit dem Aufblühen der Städte im Hochmittelalter auch ihr Bedarf an Nahrungsmitteln wuchs, brach das alte Feudalsystem allmählich zusammen. Großgrundbesitzer nutzten die Gelegenheit, weiter Land zu erwerben; sie ließen es von Tagelöhnern – meist Kleinbauern, die ihre überlieferten Rechte verloren hatten – bearbeiten und verpachteten einzelne Liegenschaften an bessergestellte Bauern, die sich eigenes Ackergerät sowie Vieh und Zugtiere leisten und so Überschüsse erwirtschaften konnten.

Auf diese Weise hatten sich kapitalistische Beziehungen im Agrarsystem vieler Regionen Nordwesteuropas schon bis zum Beginn der Neuzeit herausgebildet. Die Märkte für Landbesitz und Arbeitskräfte waren damals weit entwickelt, mithin die sozialen Strukturen für eine moderne, mechanisierte Landwirtschaft bereits vorhanden. Was fehlte, war das nötige technische Fachwissen.

Vor allem im 18. Jahrhundert wurden zahlreiche Verbesserungen eingeführt, die insbesondere große Höfe nutzen konnten. Dazu gehörten neue Getreide-sorten und Zuchttierrassen, wirksamere Pflüge und Bewässerungssysteme sowie ein Fruchtwechsel, der Getreideanbau mit Futterpflanzen wie Klee und Rüben kombinierte.

Mit der industriellen Revolution und ihrem Fortschritt in den Ingenieur- und Naturwissenschaften hielten stählerne Ackergeräte, Dampfkraft und Chemikalien Einzug in die Landwirtschaft. Erste brauchbare Dreschmaschinen wurden in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts eingesetzt (und provozierten sogleich Unruhen von Landarbeitern, die ihren ohnehin unsicheren Lebensunterhalt gefährdet sahen). Von Pferden gezogene Drillmaschinen für die Reihensaat, Wendepflüge, Grubber und Roder, Mäh-, Wende- und Bindemaschinen folgten, und im 20. Jahrhundert wurde der Traktor mit seinen vielfältigen Funktionen das wichtigste landwirtschaftliche Gerät. Kunstdünger machte Fruchtfolgen unnötig und erleichterte Monokulturen. Herbizide und Pestizide verringerten den Bedarf an Arbeitskräften weiter.

In den dünn besiedelten Weiten der Vereinigten Staaten war der Druck zur extensiven, mechanisierten Landwirtschaft noch stärker. Zu Anfang des Jahrhunderts boten Farmen – durchschnittlich etwa 60 Hektar groß – bis zu 32 Millionen Menschen ihr Auskommen; bis 1980 hatte sich die durchschnittliche Farmgröße verdreifacht, die Zahl der dort Tätigen aber auf 7,5 Millionen verringert. Auf einen in der Landwirtschaft Beschäftigten kommen dort mittlerweile 137 Hektar.


Traditioneller Reisanbau

Über alternative Modelle begann ich 1976 nachzudenken, als ich die Auswirkungen der grünen Revolution im schönen, aber armen malaysischen Bundesstaat Kelantan studierte (Bild 1). Zuvor hatte ich mehrere Jahre die Geschichte des Reisanbaus in China erforscht und kam zu ähnlichen Schlußfolgerungen wie japanische Experten aufgrund der geschichtlichen Erfahrung in ihrem Land. Auch sie sahen in der Entwicklung der asiatischen Landwirtschaft ein dem westlichen entgegengesetztes, aber stimmiges Prinzip wirksam, nämlich Intensivierung. Sie waren ebenfalls der Ansicht, daß die Einführung des westlichen Agrarmodells oft einen katastrophalen Bruch mit der Vergangenheit zur Folge und das traditionelle japanische demgegenüber viele Vorteile habe.

In China, Japan, Vietnam und Korea hatte man jahrhundertelang die Nutzung des Bodens intensiviert, weil zunehmend gut ausgebildete Arbeitskräfte verfügbar wurden. Es gab kaum Anlaß, zur Massenproduktion Landbesitz zusammenzulegen, denn der Anbau vielfältiger Feldfrüchte und die Erzeugung tierischer Produkte konnte einer großen Bevölkerung den Lebensunterhalt sichern.

Wasser war der entscheidende Faktor. Zwar gedeihen die anspruchslosen Sorten des Bergreises bis in 2000 Meter Höhe und benötigen lediglich Regen; aber wirtschaftlich am wichtigsten wurde der in den Niederungen mit künstlicher Bewässerung (entweder auf Terassen oder überstauten Feldern) angepflanzte Sumpfreis, für dessen Anbau die Monsun-Niederschläge genutzt werden konnten. Der früheste Beleg von gezüchtetem Reis stammt bezeichnenderweise aus einem neolithischen chinesischen Dorf, das vor etwa 7000 Jahren beim heutigen Shanghai am Rande eines flachen Sumpfgebiets lag. Auch andere frühe Fundstätten im kontinentalen Südostasien sind natürliche Feuchtgebiete.

Die Anbauflächen sind nach westlichen Maßstäben eher klein: In China gilt ein Feld von 400 Quadratmetern schon als groß. Das vereinfacht aber die Regulation des Wasserstandes. Die jungen Keimlinge in den Saatbeeten brauchen feuchte Erde, würden aber bei zuviel Nässe verrotten. Sind die Setzlinge etwa 30 Zentimeter groß, müssen die bis zu einer Höhe von 150 Zentimetern heranwachsenden Pflanzen, die ein ausgeprägtes Faserwurzelwerk und zahlreiche Nebenhalme ausbilden, über die Blüte- bis zur Reifezeit mehrere Zentimeter tief im Wasser stehen, das dann einige Tage vor der Ernte abgelassen wird.

Regenwasser läßt sich zwar mit niedrigen Deichen leicht auf dem Feld stauen, kann aber verdunsten, bevor die Pflanzen voll ausgewachsen sind. In einigen Regionen wurden deshalb schon sehr früh Bewässerungssysteme eingeführt, gespeist von Regenwassertanks, umgeleiteten Bächen oder Kanälen zu größeren Flüssen. Wohl war deren Anlage mühevoll, doch die Unterhaltung relativ billig und leicht. Es überrascht darum nicht, daß Reisbauern es oft vorgezogen haben, den Anbau auf den vorhandenen Feldern zu intensivieren, anstatt weiteres Land urbar zu machen.

Anders als Getreide- werden Reisfelder durch die Art der Bestellung fruchtbarer. Wie auch immer die ursprüngliche Struktur und Zusammensetzung des Bodens war – nach mehreren Jahren bestehen die oberen Zentimeter aus einem feinen, grauen Schlamm von niedrigem Säuregehalt, während der Untergrund verhärtet, was für die Bewässerung günstig ist. Mikroorganismen, die Stickstoff fixieren, erhöhen die Erträge, wozu traditionell auch Kalk und organische Abfälle beitragen. Die Gründüngung mit Sojabohnen-Abfällen wurde in China und Japan schon im 17. Jahrhundert viel genutzt, wo bei zwei Aussaaten jährlich bis zu sechs Tonnen pro Hektar geerntet werden konnten.

Obgleich die Bewässerungsanlagen bis zu einem Fünftel der Kulturfläche ausmachen, tragen sie direkt zur Nahrungsmittelproduktion bei. Fische und Enten tummeln sich darin, schmale Deiche dienen zum Gemüseanbau (Bild 2), breite können mit Maulbeerbäumen für die Zucht von Seidenraupen bepflanzt werden, deren Kot wieder einen Dünger abgibt. Nach der Ernte lassen sich auf dem trockengefallenen Feld Gerste, Gemüse, Zuckerrohr oder Tabak anbauen.

Eine andere Möglichkeit ist der Fruchtwechsel zwischen Winterreis und Sommerweizen, wie er sich vor 1000 Jahren in den Yangtse-Niederungen Chinas ausbreitete. Die umsichtige Auswahl schnell reifender Sorten und das reichlich vorhandene Wasser ermöglichten den Bauern der Region um Kanton bereits im 17. Jahrhundert zwei oder drei Getreide- und noch einige Gemüseernten pro Jahr mit Erträgen bis zu sieben Tonnen pro Hektar. Entsprechend der geringen Feldgröße waren die Ackergeräte klein, leicht und billig. Für einen typischen Hof reichte ein einziger Wasserbüffel als Zugtier aus. War der Anbau sehr intensiv, brauchte der Bauer nicht einmal zu pflügen; hacken genügte.

Obwohl ein südchinesischer Gutsherr ebenso viel Grund besitzen mochte wie ein englischer, war sein eigener Landwirtschaftsbetrieb relativ klein. Der Rest wurde in kleinen Parzellen an viele Pächter abgegeben, die nicht nach ihrem Vermögen, sondern nach Geschicklichkeit und Erfahrung ausgesucht wurden. Dieses System polarisierte also die ländliche Gesellschaft nicht. Viele Menschen konnten als Kleinbauern tätig sein, selbst wenn der Preis ein ausbeuterisches Pachtverhältnis war.

Der Anbau von Sumpfreis verlangt zwar hohen Arbeitseinsatz, aber nicht das ganze Jahr über. Das gab im mittelalterlichen China und Japan Reisbauern gute Gelegenheit zur kommerziellen Produktion von Gemüse, Zucker, Seide und Tee sowie zur Heimarbeit, um Textilien, Branntwein, Tofu oder kunsthandwerkliche Erzeugnisse herzustellen. Reis diente mithin als Grundlage einer mannigfaltigen ländlichen Wirtschaft, die eine dichte Bevölkerung sowohl benötigte als auch aufnahm (Bild 4).

Wirtschaftshistoriker haben dieses System oft als involutiv – im Wortsinn rückschrittlich – beschrieben, weil der einzelne immer härter für stetig abnehmende Gewinne arbeiten müsse. Diese Charakterisierung ist aber nur dann richtig, wenn man als Maßstab den Reisertrag einer Monokultur nimmt. Werden jedoch alle anderen produzierten Güter einbezogen, fällt der Vergleich wesentlich günstiger aus. Die Expansionskapazitäten der auf Reis basierenden Mischkultur waren sogar beträchtlich: Sie trug über mehrere Jahrhunderte das Bevölkerungswachstum Chinas; erst nach 1800 begann infolge zahlreicher Kriege ein drastischer Verfall des Lebensstandards in ländlichen Regionen.


Die Krise des Reisanbaus im modernen Japan

Ein ähnlicher Prozeß fand in Japan statt und bot die Grundlage für den Aufbau des heutigen Industriestaates. Diese Leistung ist einer der Gründe dafür, daß japanische Agrarwissenschaftler in ihrem System ein Exportmodell sehen.

Nach der Abschottung des Landes im 17. Jahrhundert expandierte die ländliche Wirtschaft, weil die Städte wuchsen, der interne Handel sich verstärkte und die Reisanbautechniken verbessert wurden. Trotz Rückschlägen reichte die Produktivität aus, daß die Meiji-Regierung (1868 bis 1912) nach der erzwungenen Öffnung Japans eine Generalreform der Gesellschaft und die Technisierung einleiten konnte. Finanziert wurde dieser Erneuerungsschub, durch den Japan schon vor dem Ersten Weltkrieg zur Vormacht in Ostasien aufstieg, zum großen Teil durch Erhöhung der Landwirtschaftssteuern. Doch dabei verarmten die Pächter fast völlig. Der Staat fühlte sich gleichwohl bis Ende des Zweiten Weltkriegs nicht zur Hilfe verpflichtet.

Die nach der neuen Verfassung von 1947 gebildeten Regierungen setzten sich zum Ziel, die Selbstversorgung mit Reis zu garantieren und die Armut auf dem Land zu bekämpfen. Sie betrieben deshalb eine stark protektionistische Agrarpolitik (der Import von Reis war bis in jüngste Zeit sogar verboten) und Landreformen; schon gleich nach der Kapitulation waren das Pachtsystem abgeschafft, der Großgrundbesitz unter kleine Bauern aufgeteilt und dem Landkauf enge Grenzen gesetzt worden. Dadurch sollten die Familienhöfe unabhängig bleiben sowie die rurale und urbane Entwicklung integriert und balanciert verlaufen.

Dennoch befindet sich die japanische Landwirtschaft nun in einer Krise. So wird eher zuviel Reis unter verschwenderischen Bedingungen produziert. Die Bauern nutzten die hohen staatlichen Subventionen und drastischen Preisstützungsaktionen seit den sechziger Jahren zu intensiver Mechanisierung (Bild 5) und unmäßigem Einsatz von Düngemitteln (1110 Kilogramm pro Hektar gegenüber 160 in den USA und 48 in Thailand). Bereits 1977 rechnete der Wirtschaftswissenschaftler Taketoshi Udagawa vor, daß die im Anbau aufgewandte Energie das Dreifache der im Reis enthaltenen Nahrungsenergie ausmachte. In Japan kostet die Produktion eines Kilogramms Reis fünfzehnmal so viel wie in Thailand und elfmal so viel wie in den USA (Bild 3).

Niemand würde diese Politik nachhaltig oder bewahrend nennen. Zwar schützen die Kanäle und bewässerten Felder noch immer Japans enge Flußtäler vor Überschwemmungen, doch sind sie wie der Boden mit Chemikalien gesättigt; Fische und Lurche sind darin kaum mehr zu finden. Und obwohl Mitte der achtziger Jahre immer noch 23 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande lebten, waren lediglich 4 Prozent dort beschäftigt.

Als Ausweg aus der Krise sollen Reformen in Taiwan, China und auch Japan neue Formen der Bodennutzung und der ökonomischen Diversifikation auf der Basis des Reisanbaus initiieren, um das Gleichgewicht zwischen Agrar- und Industrieentwicklung wiederherzustellen. Die Einkommen der bäuerlichen Haushalte Japans holten wohl aus diesem Grunde gegenüber denen von Industriearbeitern wieder auf: Das Verhältnis verbesserte sich von 69 Prozent im Jahre 1960 über 92 Prozent 1970 auf 115 Prozent 1980; im Jahre 1988 (neuere Daten liegen nicht vor) betrug es 113 Prozent.


Möglichkeiten der Verallgemeinerung

Nachhaltiges Wirtschaften und eine die allgemeine Entwicklung stützende Nahrungsproduktion sind nicht nur für Nationen mit einer großen und verarmten Landbevölkerung wie Mexiko oder Indien dringliche Aufgaben, sondern auch für wohlhabende wie Frankreich, die weitere Landflucht vermeiden wollen. Der Trend zur Monokultur ist nicht unumkehrbar. Aber in der ökonomisch vernetzten Welt erfordert Diversifikation der Landwirtschaft gesamtgesellschaftliche Unterstützung, also entsprechende Strukturhilfen und angemessene Preise für Agrarerzeugnisse.

In Japan, wo Konsumenten bereitwillig viel Geld für Viktualien zahlen, ließen sich zahlreiche Reisbauern dazu anregen, Teile ihres Landes in Obst- und Gemüsegärten umzuwandeln. In China gab der Staat Ende der siebziger Jahre die maoistische Politik nach dem Grundsatz "zuerst das Getreide" auf; gleichzeitig wurden die Preise für die bald vielfältigeren landwirtschaftlichen Produkte dem Erzeugungsaufwand angeglichen. Innerhalb kurzer Zeit lieferten die Bauern nicht allein Nahrung, sondern auch Rohmaterialien für eine ländliche Kleinindustrie. Sie nahmen bald genug ein, um sich mehr und mehr auch Konsum- und Investitionsgüter leisten zu können. Die seitherigen spektakulären Wachstumsraten Chinas sind nur im Zusammenhang mit dieser enormen Wiederbelebung der ländlichen Wirtschaft zu verstehen.

Am Beispiel des traditionellen Reisanbaus läßt sich somit belegen, daß eine intensive Mischkultur, weil sie nicht von hohen Investitionen abbhängt, den Lebensunterhalt ärmerer Bauern sichern, breiten Zugang zur Bodennutzung bieten und Arbeitsplätze schaffen kann. Im Idealfalle sollte sie nicht nur die lokale Wirtschaftsstruktur beleben und bereichern, sondern auch die Abhängigkeit von großindustriellen Erzeugnissen verringern.

Ein Landwirt muß nicht unbedingt auf dem Niveau eines mittelalterlichen Hintersassen wirtschaften, wenn er etwa versucht, ohne teuren Kunstdünger, Pestizide und Herbizide auszukommen. Der gleichzeitige Anbau von Mais und stickstoffbindenden Bohnen in Mittelamerika ist nur ein Beispiel. In Kalifornien entwickeln ökologisch bewußte Bauern und Winzer Mischkulturen aus Rebstöcken, verschiedenen Gemüsen und Kräutern, die Schädlinge fernhalten; sie gewinnen so mehr Produkte, stellen mehr Arbeiter ein, kaufen weniger Chemikalien – und verdienen dabei ausgezeichnet. Solche Konzepte sollten dazu stimulieren, auch anderwärts auf der Welt nach Alternativen zum westlichen agrarwirtschaftlichen System zu suchen.

Literaturhinweise

- Japanese Agriculture: Patterns of Rural Development. Von Richard H. Moore. Westview Press, 1990.

– The Violence of the Green Revolu-tion: Third World Agriculture, Ecology and Politics. Von Vandana Shiva. Zed Books and Third World Network, 1991.

– Japanese and American Agriculture: Tradition and Progress in Conflict. Von Luther Tweeten, Cynthia L. Dishon, Wen S. Chern, Naraomi Imamura und Masaru Morishima. Westview Press, 1993.

– The Rice Economies: Technology and Development in Asian Societies. Von Francesca Bray. University of California Press, 1994.




Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1995, Seite 74
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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