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Modellierung ökonomischer Wirkungen von umweltpolitischen Maßnahmen

Konsens besteht – zumindest in Deutschland – darüber, daß politische Maßnahmen zum Umweltschutz dringender denn je vonnöten sind. Umstritten sind aber noch immer deren ökonomische Wirkungen: Wird das Wirtschaftswachstum dadurch über Nachfragesteigerungen gefördert oder aufgrund von Kostenerhöhungen gebremst? Einer Studie der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Bielefeld zufolge helfen ökonometrische Modelle, Mutmaßungen durch Analysedaten zu ersetzen.

Die beiden wichtigsten ökonomischen Aktivitäten – Produktion und Verbrauch – verändern fast immer unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Nur in den seltensten Fällen aber müssen die Verursacher Umweltbelastungen und ihre Folgen automatisch selbst tragen. Umweltschutz bedarf deshalb im Regelfall wirtschaftspolitischer Eingriffe – entweder nach dem Verursacher- oder dem Gemeinlastprinzip, also durch regulierende Auflagen, Verbote und Genehmigungen oder zum Beispiel durch Aufwendungen aus dem allgemeinen Steueraufkommen.

Solche Maßnahmen berühren fast immer – direkt oder indirekt – eine Vielzahl unterschiedlicher ökonomischer Bereiche. Eine Verordnung zur Verbesserung der Luftqualität etwa, die Emissionen von Kraftwerken einschränken soll, zwingt zur Umrüstung der technischen Anlagen. Deren Betrieb erfordert in aller Regel auch die Beschäftigung zusätzlicher Arbeitskräfte und mehr Sachmittel; somit erhöht sich der Preis der Energie, und im Normalfall verringert sich die Nachfrage. Außerdem können Investitionen für den Umweltschutz produktive Investitionen entweder – bei begrenztem Finanzierungsspielraum – verdrängen oder auch anregen.

Um die ökonomische Gesamtwirkung umweltpolitischer Maßnahmen abzuschätzen, muß man vor allem deren Folgewirkungen erfassen, die zeitlich verzögert in nicht unmittelbar betroffenen Bereichen auftreten. Wird beispielsweise die Produktion von Investitionsgütern durch höhere Investitionen für den Umweltschutz beeinflußt, wird sich das auch auf den Bedarf an Vorleistungen (Zulieferungen) und deren Preise, die Produktionsfaktoren (Arbeitskraft, Maschinenleistung) und damit auf die Einkommen auswirken. Dadurch verändert sich wiederum die Nachfrage nach Verbrauchs- und Investitionsgütern. Außerdem können Preisveränderungen Anlaß für Substitutionen bei Vorleistungen sein, so daß teurere durch billigere verdrängt werden, was sich ebenfalls auf Produktion, Preise, Einkommen und Nachfrage auswirkt. Längerfristig sind schließlich Innovationseffekte wie die Entwicklung neuer Produkte oder Produktionsverfahren möglich.

Ein ökonometrisches Modell als Analyse-Instrument

Will man also ein einigermaßen vollständiges Bild der ökonomischen Effekte umweltpolitischer Maßnahmen gewinnen, muß man ein sehr kompliziertes Geflecht von Ursache-Wirkungs-Beziehungen verfolgen. Aus dem Gesagten dürfte deutlich geworden sein, wie schwierig es ist, in einem Modell die Vielzahl nebeneinander auftretender, aufeinander aufbauender, sich ergänzender oder kompensierender Effekte umweltpolitischer Maßnahmen vollständig zu erfassen.

Frühere Arbeiten für den Bereich der Bundesrepublik Deutschland haben sich daher zumeist entweder nur mit einzelnen Ursache-Wirkungs-Beziehungen befaßt, auf eine Branchenuntergliederung verzichtet oder sich nur auf einen bestimmten Zeitpunkt bezogen; die abgeleiteten Effekte blieben mithin unvollständig.

In unserer Studie haben wir dagegen in enger Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt Berlin und dem Statistischen Bundesamt Wiesbaden untersucht, ob ein nach Wirtschaftsbereichen gegliedertes dynamisches ökonometrisches Modell geeignet ist, die im Zeitablauf auftretenden Nettoeffekte umweltpolitischer Maßnahmen gesamtwirtschaftlich und in Teilbereichen annähernd sichtbar zu machen. Ein solches Modell besteht aus einer Vielzahl von Gleichungen, in denen jeweils eine zu bestimmende ökonomische Variable auf der Grundlage ökonomischer Theorie und empirischer Beobachtungen auf erklärende Größen zurückgeführt wird. Beispielsweise läßt sich in einer Funktion zur Ermittlung bestimmter Verbrauchsausgaben deren Größe über das verfügbare Einkommen der Konsumenten, die Preise für Verbrauchsgüter, Zinssätze und ähnliche Variablen erklären.

Von vornherein war klar, daß sich bestimmte Elemente der Ursache-Wirkungs-Beziehungen in unserem Modell nicht nachbilden lassen. Dies gilt vor allem für die Umsetzung von gesetzlichen Maßnahmen in die eigentlichen ökonomischen Variablen (Umweltschutzinvestitionen, -ausgaben, -abschreibungen). Deshalb arbeiteten wir mit der Hypothese, daß die unmittelbaren ökonomischen Anstöße solcher Rechtsvorschriften durch Experten bereits ermittelt worden seien.

Konzeption des Modells und Simulationsexperimente

Das ökonometrische Modell setzt sich aus vier eng miteinander verbundenen Teilmodellen zusammen:

– demjenigen für die Bestimmung von Verbrauchs-, Investitions- und Exportnachfragen,

– dem nach 15 Wirtschaftssektoren (Landwirtschaft, Energiewirtschaft, chemische Industrie und so weiter) untergliederten Produktionsmodell, das die Beziehungen zwischen den Produkten und den für ihre Herstellung erforderlichen Faktoren erklärt,

– jenem, das die Produktpreise aufgrund von Kosten-Kalkulationsansätzen bestimmt, und

– jenem zur Ermittlung der Beschäftigung in den einzelnen Wirtschaftssektoren und der Einkommensgrößen.

Insgesamt besteht das Modell aus 315 zu schätzenden Gleichungen sowie einer großen Zahl von Definitionsgleichungen. Deren endgültige Spezifikation, die Auswahl der erklärenden Variablen und die Schätzung ihrer Koeffizienten basieren auf empirischen Daten aus dem Zeitraum 1970 bis 1983 (teilweise bis 1985).

Eine Vielzahl von Tests hat gezeigt, daß die Modellergebnisse mit den tatsächlich beobachteten Wirtschaftsdaten sehr gut übereinstimmen.

Um die quantitativen Effekte umweltpolitischer Maßnahmen näherungsweise zu ermitteln, führten wir Simulationsexperimente durch. Dabei gaben wir bestimmte umweltpolitische Maßnahmen vor (zum Beispiel zusätzliche Umweltschutzinvestitionen bei Unternehmen oder Gebietskörperschaften, die umweltpolitisch bedingt erhöhte Nachfrage nach bestimmten Vorleistungen und Arbeit oder eine durch Umweltpolitik bewirkte Ressourceneinsparung). Die Auswirkungen lassen sich dann an Größen wie Beschäftigung, Produktion, Preisen und Investitionsvolumen ablesen.

Da sich das Modell auf die Jahre von 1970 bis 1983 bezieht, also die damals herrschenden wirtschaftlichen Gegebenheiten abbildet, führten wir auch die Simulationsexperimente für diesen Zeitraum durch. Auf diese Weise wurden Fehler vermieden, wie sie bei echten Zukunftsprognosen regelmäßig auftreten – etwa weil Verhaltensänderungen nicht berücksichtigt oder außerhalb des Modells bestimmte Variablen fehlerhaft vorausgesagt werden.

Ergebnisse

Von der großen Anzahl bisher gelaufener Simulationen seien hier beispielhaft die Ergebnisse von vier Experimenten angeführt, die sich auf Veränderungen bei Investitionen und laufenden Ausgaben für den Umweltschutz beziehen:

– In Experiment a wurden die privaten Umweltschutzinvestitionen (in der für 1980 ermittelten gütermäßigen Zusammensetzung) um 2,8 Milliarden DM pro Jahr erhöht; die Zusatzkosten wurden vollständig auf die Produktpreise umgelegt.

– Experiment b entspricht a bis auf die Annahme, daß die Unternehmen zusätzlich 840 Millionen DM pro Jahr für den Betrieb von Umweltschutzeinrichtungen aufwenden.

– Bei Experiment c gingen wir von einer Erhöhung der allgemeinen staatlichen Sachleistungen in Höhe von 2,8 Milliarden DM pro Jahr aus, die über eine entsprechende Gebührenerhöhung finanziert werden.

– Im Experiment d schließlich nehmen die staatlichen Dienstleistungen im Umweltschutz um 2,8 Milliarden DM pro Jahr zu, vor allem durch die Neueinstellung von Personal; finanziert wird das durch direkte Steuern.

Die Ergebnisse fallen zwar je nach dem gewählten Szenarium unterschiedlich aus, in allen Experimenten resultiert aber aus den Investitionen für den Umweltschutz ein – wenn auch geringes – Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung zwischen etwa 0,1 und 0,5 Prozent (wobei 0,1 Prozent einer Zunahme der Zahl der Beschäftigten um rund 26000 entsprechen; Bild). Dieser Effekt geht fast immer mit einer Steigerung der Produktion einher. Steigende Kosten und damit verbundene Preiserhöhungen werden also mehr als ausgeglichen.

Dabei hängen die Folgewirkungen stark von der gütermäßigen Zusammensetzung der zusätzlichen Umweltschutz-Investitionen ab. Werden sie beispielsweise anders als in Simulation a ausschließlich in Bauten getätigt, so ist die Wirkung auf die gesamtwirtschaftliche Produktion und Beschäftigten zwar immer noch positiv, aber deutlich geringer.

Die höchste Steigerung der Zahl der Beschäftigten ergibt sich erwartungsgemäß bei Simulation d. Allerdings tritt dann, wenn der Staat selbst zusätzliches Personal für Umweltschutzmaßnahmen einstellt und das über direkte Steuern finanziert, auf den gesamten Zeitraum bezogen ein deutlich geringeres Produktionswachstum ein als bei Investitionen privater Unternehmen.

Den typischen Verlauf der Gesamtbeschäftigung aufgrund eines umweltpolitischen Anstoßes zeigt die Abbildung, die auf Experiment a beruht.

Die bei allen vier Simulationen durchgängig positiven gesamtwirtschaftlichen Ergebnisse ändern sich allerdings dann, wenn mit den umweltpolitischen Maßnahmen ein sehr spürbarer Rückgang der Exporte verbunden ist oder gravierende Strukturveränderungen im Vorleistungsbereich auftreten.

Auf der Ebene der einzelnen Wirtschaftssektoren sind die Ergebnisse sehr differenziert; es gibt regelmäßig Verlierer und Gewinner. So kommt es beispielsweise im Fall von Simulation a durchgängig zu deutlichen Produktions- und Beschäftigungssteigerungen in den Sektoren Kunststoff/Gummi, Maschinenbau/Fahrzeuge, Bauleistungen und elektrotechnische/feinmechanische Erzeugnisse. Gegen Ende des Simulationszeitraums treten dagegen Produktionsrückgänge in den Bereichen Bergbau, Mineralölerzeugnisse sowie Eisen und Stahl auf.

Entsprechende branchenspezifische Entwicklungen sind auch bei den Preisen festzustellen: Während sie im Dienstleistungsbereich fast gleich bleiben, sind in den Sparten Energie, Chemie sowie Eisen/Stahl Preiserhöhungen zu beobachten. Auch bei den übrigen Experimenten ergeben sich deutliche branchenspezifische Unterschiede.

Fazit und Ausblick

Die Ergebnisse zeigen trotz aller im Modell selbst begründeten Unsicherheiten und des Vergangenheitsbezugs, daß eine solche ökonometrische Modellanalyse wichtige Erkenntnisse über die in der Gesamtwirtschaft und in Teilbereichen auftretenden Nettoeffekte umweltpolitischer Maßnahmen liefern kann. Insbesondere trifft das zu, wenn auch die verzögerten mittelbaren Folgen mit erfaßt werden sollen.

Gegenwärtig simulieren wir mit dem Modell konkrete umweltpolitische Maßnahmen zur Energieeinsparung sowie zur Ermittlung der Effekte einer Umstellung von Einweg- auf Mehrweg-Getränkeflaschen.

Eine abschließende Bemerkung ist angebracht: Bei der Analyse ökonomischer Effekte umweltpolitischer Maßnahmen darf nicht übersehen werden, daß diese Maßnahmen zuallererst mit dem Ziel der Verbesserung der Umwelt ergriffen werden. Ihr primärer Erfolg läßt sich nur daran messen. Ökonomische Auswirkungen sind lediglich Nebeneffekte; sie können allein nicht als Begründung für oder gegen eine umweltpolitische Maßnahme ausreichen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993, Seite 11
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993

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