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Moleküle der Gefühle. Körper, Geist und Emotionen.

Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999. 527 Seiten, DM 45,–.


Auf den ersten Blick sieht das Buch sehr esoterisch aus. Die Empfehlung auf der Rückseite stammt von dem Physiker und New-Age-Vertreter Fritjof Capra, der umstrittene amerikanische Heiler und Hollywood-Guru Deepak Chopra schrieb das Vorwort, und der Klappentext klingt auch ziemlich abgedreht. Fast könnte man übersehen, daß das Buch solide Theorie enthält.

Warum fühlen wir, was wir fühlen? Was sind Gefühle überhaupt? Entstehen sie im Kopf oder im Körper? Machen negative Gefühle krank; können positive Emotionen Krankheiten vorbeugen oder Heilungsprozesse begünstigen? Candace Pert, Medizin-Professorin an der Georgetown-Universität in der Bundeshauptstadt Washington, führt den Leser auf dem Umweg über ihr privates und wissenschaftliches Leben zu ihren Antworten.

Pert begann ihre Karriere 1973 an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Als Doktorandin war sie wesentlich an der Entdeckung der Opiatrezeptoren beteiligt, der Stellen auf manchen Gehirnzellen, an denen Morphium-, Opium- und Heroinmoleküle ihre Wirkung entfalten. Lebhaft schildert sie ihre Begeisterung für die Forschungsarbeit, die durchwachten Nächte im Labor und ihren anfänglichen Ekel davor, Tiere zu sezieren. Der Leser kann mit ihr fühlen: die Verzweiflung, als ein Experiment nach dem anderen fehlschlägt und das ganze Projekt zu kippen droht; die Freude der jungen Frau, als völlig überraschend doch noch der Durchbruch gelingt; ihre Unsicherheit und das Lampenfieber, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Vortrag vor Fachpublikum hält.

Im Jahre 1975 bekam sie eine Stelle als Laborchefin an den National Institutes of Health (NIH), wo sie bis 1987 blieb. Doch nicht ihre erfolgreiche Forschungstätigkeit machte sie berühmt, sondern ein Skandal. Als 1978 ihr ehemaliger Chef Solomon Snyder und zwei weitere Männer die prestigeträchtige Lasker-Auszeichnung für die Entdeckung des Opiatrezeptors erhielten, wandte sich Pert empört darüber, daß sie übergangen wurde, an die Presse und weigerte sich darüber hinaus, die Nobelpreisnominierung des Forscher-Trios zu befürworten – eine Aktion, die ihren Ruf arg beschädigte und sie für gut zehn Jahre an den Rand der scientific community drängte.

Es ist verständlich, daß sie die NIH als einen von rivalisierenden, aggressi-ven "Alpha-Männchen" regierten Palast schildert, in dem Frauen höchstens als Labor-Assistentinnen eine Chance haben. Pert selbst definiert sich in dieser Palastwelt einerseits als tapfere Kämpferin für die Rechte der Frauen, andererseits als harte Wissenschaftlerin, die mit "männlichen" Spielregeln um Auszeichnungen und Veröffentlichungen kämpft.

Sie selbst fühlt sich unterschätzt – und erweckt zugleich den Eindruck, daß sie sich bisweilen maßlos überschätzt. Ausgerechnet ihre Forschungsarbeit sei "zur Grundlage der neu entstehenden Disziplin der Psychoneuroimmunologie (PNI)" geworden (S. 261); ausgerechnet sie habe eine wirksame, vielversprechende Therapie gegen AIDS gefunden, die weitere Entwicklung werde jedoch von ihren Vorgesetzten, Kollegen und der Pharmaindustrie boykottiert.

In ihrem Selbstbild ist sie eine "notorische Unruhestifterin", die unermüdlich ungewöhnliche Ideen entwickelt und öffentlich vertritt – aller Skepsis und allem Spott ihrer größtenteils männlichen Kollegen zum Trotz. So auch 1985, als sie zum ersten Mal ihre Idee vorstellt, Peptide und deren Rezeptoren könnten "das biochemische Substrat des Gefühls" sein. Bereits zu Beginn der achtziger Jahre hatten andere Forscher entdeckt, daß dieselben Peptide, die im Gehirn Stimmungen und Gefühle kontrollieren, auch von den Immunzellen hergestellt, gespeichert und abgesondert werden können. Pert selbst hatte daraufhin Rezeptoren für diese Peptide auf den durch den ganzen Körper wandernden Immunzellen gefunden. Sie und ihre Kollegen vermuteten daraufhin, daß Gehirn, Drüsen und Immunsystem ein Kommunikationsnetz bilden. Der Informationsaustausch zwischen den Zellen und Organen – auch über Peptide – sei das physische Substrat des Geistes, sprich der Gedanken, der Gefühle und der Intelligenz. Geist und Körper seien nicht zu trennen; folglich könnten sich auch die Gefühle auf die Gesundheit auswirken.

Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis hat sich Pert zahlreicher negativer Gefühle aus ihrer bisherigen Lebenserfahrung entledigt und einen "Weg zu einem positiveren und damit gesünderen Lebensstil" gefunden. Sie wird berühmte Vortragsreisende in Sachen ganzheitliche alternative Heilmethoden und Wellness, entdeckt zufällig die Botschaft des Christentums und anschließend die Botschaft ihrer eigenen Träume. Über erste Meditationserlebnisse gelangt sie zu den östlichen Heilslehren und erwirbt sich ei-nen Ruf als "Körper-Geist-Wissenschaftlerin". Am Ende ihres "mystischen Umwandlungsprozesses" steht die Erkenntnis, daß die Wissenschaft im Kern weiblicher Natur und in ihrem Innersten eine spirituelle Betätigung sei.

Kaum zu glauben, aber wir sind immer noch im selben Buch! Beruhigend, daß auch die Autorin ihren plötzlichen Wandel nicht ganz selbstverständlich sieht: "Allerdings mußte ich meinen wissenschaftlichen Verstand schon gewaltig anstrengen …, doch irgendwie gelang mir dieser Spagat zwischen beiden Welten" (S. 379).

Ein wirklich anstrengender Spagat! Nach Pert kann das von Peptiden zusammengehaltene System aus Körper und Geist nur reibungslos funktionieren, wenn die Gefühle "heil" sind. Sobald sie verdrängt oder unterdrückt werden oder das natürliche Gleichgewicht durch Medikamente, vor allem Psychopharmaka, gestört wird, drohen seelische und körperliche Erkrankungen. Zwar betont Pert als Forscherin den Sinn von Arzneimitteln und sieht ein, daß nicht "Zärtlichkeit allein alle unsere schwersten Krankheiten heilen kann" (S. 417), doch als "Körper-Geist-Wissenschaftlerin" plädiert sie vor allem für alternative Methoden zur Freisetzung von blockierten Gefühlen. Ob ihr Acht-Punkte-Programm aus Binsenweisheiten einerseits und nicht nachvollziehbarem Gewölk andererseits dazu beiträgt, wage ich zu bezweifeln.

Candace Pert hat kein Sachbuch geschrieben; da hilft auch das sehr willkürlich wirkende Glossar nichts. Sondern sie erzählt ihre persönliche Geschichte. Dabei gelingt es ihr durch ihre offene, ehrliche Erzählweise, den Leser bei der Stange zu halten und ihm einen spannenden Einblick in ihr Leben zu geben. Aber sie scheitert bei dem Versuch, ihren Spagat zwischen Wissenschaft und Esoterik glaubwürdig zu vermitteln. Es kostet Ausdauer und Überwindung, die letzten Kapitel zu lesen. Schade, daß das Buch so enden mußte.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2000, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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