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Diagnostik und Therapie im 21. Jahrhundert: Molekulare Medizin – Möglichkeiten und Grenzen

Moderne reproduktionsmedizinische Verfahren und die Entzifferung des menschlichen Bauplans bergen neue Chancen für die Diagnostik und Therapie komplexer Erkrankungen – und neue Risiken.


Das Human-Genomprojekt, mit dem das menschliche Erbgut entziffert wurde, hat in Fachkreisen und in der breiten Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit hervorgerufen wie kaum ein anderes wissenschaftliches Projekt zuvor. Warum?

In den letzten zehn Jahren hat sich die Biologie radikal gewandelt. Aus einer Disziplin, die im 19. Jahrhundert einzelne phänotypische Merkmale von Organismen beschrieb und diese Merkmale nach Erscheinen der Molekularbiologie schließlich in den 70er Jahren einzelnen Genen und Genmutationen zuzuordnen begann, ist eine echte Informationswissenschaft geworden. Die Entdeckung der Doppelhelix-Struktur des Erbmoleküls DNA durch James Watson und Francis Crick vor fast 50 Jahren war konzeptionell elegant und öffnete die Tür zu einem völlig neuen Wissenschaftszweig. Aus der molekularen Struktur – der Komplementarität der Stränge in der Helix – ergab sich folgerichtig das Prinzip der identischen Vermehrung (der Replikation) des genetischen Materials im Zellkern. Innerhalb weniger Jahre wurden das Prinzip des genetischen Codes und der Fluss der genetischen Information von der DNA über die Boten-RNA zum Protein aufgeklärt.

Aber die genetische Information der Zelle selbst blieb den molekular arbeitenden Biologen weiterhin verschlossen. Auch als Mitte der 70er Jahre die Techniken der Klonierung und der DNA-Sequenzierung entwickelt wurden und zum ersten Mal genetische Daten über extrachromosomale Elemente und von einfachen Viren gesammelt werden konnten, war es noch undenkbar, das Erbmaterial von Bakterien oder gar komplexer Organismen aufzuklären.

Es hat 50 Jahre gedauert, bis wir durch die Tür, die Watson und Crick aufgestoßen haben, hindurchgegangen sind. Wir haben gelernt, Projekte im Großformat über Dutzende Laboratorien und über Kontinente hinweg zu organisieren. Das Human-Genomprojekt ist ein gelungenes Beispiel internationaler Kooperation von mehreren tausend Wissenschaftlern. Wie die Physiker vor uns, so haben nun auch wir Biologen Politik gemacht und finanzielle Mittel in der Größenordnung von Milliarden Mark eingeworben. Biologie ist in "big science" mutiert – mit allen guten und schlechten Konsequenzen.

Auf dem Höhepunkt des Medienspektakels Anfang dieses Jahres wurde die Entzifferung des menschlichen Genoms mit der Mondlandung, der Erfindung des Rades oder der Kernspaltung verglichen. Einige Politiker, aber auch manche Wissenschaftler, sprachen pathetisch vom "Buch des Lebens".

Der Mensch ist indes weit mehr als die Summe seiner Gene oder genetischen Merkmale. Unabhängig davon, wie hochauflösend unsere Methoden eines Tages auch sein mögen: Die Komplexität einer lebenden Zelle – ganz zu schweigen von der eines vielzelligen Organismus – werden wir nicht adäquat beschreiben können. Die heutige Biologie mit ihren Unterdisziplinen Genetik, Molekularbiologie und funktionelle Genomforschung basiert fast vollständig auf reduktionistischen Konzepten. Das Geheimnis des Zusammenspiels zwischen molekularen Prozessen auf der einen und inneren sowie äußeren Umwelteinflüssen auf der anderen Seite wird sich so schnell nicht lüften lassen. Die Synthese dieser komplexen und völlig unterschiedlichen Datensätze wird nicht gelingen. Auch in Jahrhunderten wird es den gläsernen Menschen nicht geben. Und darüber sollten wir froh sein.

Folgenreiche Errungenschaft

Trotzdem: Aus meiner Sicht ist die Kenntnis des genetischen Bauplans des Menschen im Kontext mit den Bauplänen anderer Organismen eine einzigartige Errungenschaft – vielleicht sogar ohne Parallele in der Wissenschaftsgeschichte. Die Konsequenzen für die Wissenschaft, speziell für Biologie und Medizin, vor allem aber auch für die Gesellschaft sind vielfältig, schwer wiegend und zum jetzigen Zeitpunkt nicht überschaubar. Nichts wird unser Leben in Zukunft mehr verändern als die Konsequenzen dieses Wissens.

Wir haben nun das genetische Material des Menschen aus dem Kern der Zelle herausgeholt, transparent und somit lesbar gemacht und ins Internet gestellt. Biologie, Informatik und Internet gehen hiermit eine neue Symbiose ein. Dieser Prozess ist keineswegs abgeschlossen. Wir verfügen jetzt über eine einzigartige, schier unüberschaubare Datenbank aus vier verschiedenen Buchstaben: einen Text aus drei Milliarden As, Gs, Cs und Ts. Syntax und Grammatik sind noch weitgehend unbekannt.

Um einem weit verbreiteten Irrtum vorzubeugen: Dies ist noch keine uns verständliche genetische Information. Erst, wenn wir die Daten aufnehmen, verarbeiten und zu interpretieren beginnen, wandeln sie sich in Informationen um.

Analyse, Bewertung und Interpretation der genetischen Daten wird uns jahrzehntelang beschäftigen. Das Studium der Genome weiterer für die Forschung wichtiger Säugetiere wie Affen, Mäuse und Ratten wird uns helfen, die Daten besser zu verstehen. Neue, noch viel komplexere Datenbanken über die Vielfalt und Muster von zehntausenden RNA-Abschriften (Transkripten) und hunderttausenden Proteinen in mehr als 200 menschlichen Zelltypen in Abhängigkeit von Zeit und Raum beginnen zu entstehen. Wie reguliert die Zelle die Ausprägung der Gene? Wie entsteht aus den primären, rohen Abschriften die reife, lesefertige Boten-RNA? Und wie sieht die Welt der Proteine aus? Ihnen werden nach der Eiweißsynthese noch unzählige verschiedenartige Zuckerreste angehängt. Das ist eine bisher kaum verstandene Codierung, die es ermöglicht, Proteine an die eigentlichen Orte der Handlung im Zellinneren zu bringen – dort, wo die Moleküle chemische Reaktionen ausführen oder über Wechselwirkungen Signale von der äußeren Membran ins Zellinnere bis hin zum Kern weiterleiten. Das "Transkriptom" und das "Proteom" werden um Größenordnungen komplexer und komplizierter als das Genom sein.

Was ist nun das Bemerkenswerte am menschlichen Genom? Warum sollen drei Milliarden Buchstaben, deren Sinn wir noch nicht ganz verstehen, so wichtig sein? Dieser genetische Text ist nicht nur Beweis für die Reife der heutigen Biologie, er bildet vor allem das Fundament einer neuen, sich radikal verändernden Medizin.

In den letzten hundert Jahren hat es immer wieder besondere Wendepunkte in der Entwicklung der Medizin gegeben. Am Beginn des 20. Jahrhunderts markierte die Synthese der Acetylsalicylsäure und deren Markteinführung unter dem Namen Aspirin durch die Firma Bayer den Beginn der wissenschaftlichen und kommerziellen Entwicklung von Medikamenten. Sulfonamide und Penicilline veränderten dann die Therapie bakterieller Erkrankungen. In den 60er Jahren ermöglichten neue biologische Fortschritte die gezielte Entwicklung von Medikamenten wie H-2-Antagonisten, ACE-Inhibitoren und Beta-Blockern, die bestimmte Zellmoleküle hemmen. Ende der 70er Jahre erlaubte die Gentechnik die Herstellung menschlicher Proteine beispielsweise in Bakterien. Mehr als 35 solcher rekombinanter Proteinwirkstoffe und monoklonaler Antikörper sind – als direkte Folge dieser Technologieentwicklung – als Medikamente heute im Markt eingeführt, mit einem jährlichen Umsatz von 15 Milliarden US-Dollar. Darunter sind Wirkstoffe wie humanes Insulin, humanes Wachstumshormon, der Blutgerinnungsfaktor VIII, humanes Erythropoietin zur Stimulierung roter Blutzellen, beta-Interferon gegen Multiple Sklerose sowie Herceptin, ein Antikörper gegen eine spezielle Form von Brustkrebs, bei der die Tumorzellen zu viele Antennen für ein bestimmtes Wachstumssignal tragen.

Ängste vor der Gentechnik

Noch Ende der 80er Jahre konnten diese neuen Protein-Medikamente in Deutschland nicht hergestellt werden. Unkenntnis, irrationale Ängste vor der Gentechnik und ideologische Verbohrtheit mancher Politiker bewirkten hier zu Lande eine breite Ablehnung der Gentechnik. Der Firma Hoechst wurde der Betrieb fertiger Produktionsanlagen für humanes Insulin nicht genehmigt. Genforscher wurden sogar tätlich bedroht – selbst Attentate auf angesehene Forschungseinrichtungen gab es. In diesem Klima konnte eine junge, innovative und produktive Technologie in Deutschland nicht Fuß fassen – einem Land, das in der Geschichte für technische und wissenschaftliche Innovationen bekannt war. Während wir ein kompliziertes Gentechnikgesetz bekamen, das Wissenschaftler sogar mit Freiheitsstrafe bedrohte, gingen viele junge Leute in die USA oder nach Großbritannien, um frei von Vorurteilen und Behinderungen aller Art zu leben und zu forschen.

Diese unerfreuliche Zeit liegt nur fünfzehn Jahre zurück. Vieles hat sich seitdem geändert – zum Guten.

Die medizinische Anwendung der aus dem menschlichen Genom erwachsenden Kenntnisse wird die früheren gentechnischen Durchbrüche weit in den Schatten stellen. Die Medizin befindet sich gegenwärtig in einer Phase, die derjenigen der Elektronikindustrie in den späten 70er Jahren ähnelt. Die Fortschritte der nächsten zwanzig Jahre werden immens sein. Die Ausbeutung des menschlichen Genoms verspricht mehrere tausend neue Angriffspunkte für die Medikamentenentwicklung. Hunderte neue Proteinwirkstoffe und therapeutische Antikörper könnten daraus in den nächsten zehn Jahren entwickelt werden: nicht alte Hüte in neuen Verpackungen, sondern neue Medikamente mit effektiven Wirkweisen. Allein in der Krebsforschung rechne ich mit rund 200 bis 400 neuen molekularen Angriffspunkten, von denen bisher erst einige wenige entdeckt wurden.

Die neue Medizin wird nicht nur genbasiert sein, sie wird auch genetische Unterschiede zwischen Individuen und Gruppen berücksichtigen. Individualisierte Medizin? Wie ist das möglich? Wir wissen durch die Genomanalyse, dass im Mittel etwa alle tausend Buchstaben eine kleine Veränderung in der Abfolge auftreten kann. Je zwei Menschen unterscheiden sich also an etwa drei Millionen Stellen ihrer genetischen Baupläne. Nur etwa 150000 dieser Polymorphismen wirken sich direkt auf die Struktur und Aktivität von Proteinen aus. Das bedeutet, dass ungefähr 100000 genetisch fixierte Merkmale über die genetische Individualität eines Menschen entscheiden. Sie bestimmen unser Aussehen, aber auch alle unsere Veranlagungen und Neigungen zu Krankheiten. Diese Polymorphismen könnten aber auch das Tor zu genetischer Diskriminierung und Ausgrenzung öffnen.

Spaltung der Gesellschaft

Neue Strategien in Therapie, Diagnostik und Prävention auf der Grundlage des genetischen Bauplans werden die Medizin radikal verändern. Aber auch die Gesellschaft wird von diesen Veränderungen betroffen sein. Wie werden wir, wie wird jeder Einzelne mit den Möglichkeiten genetischer Informationen umgehen? Wer wird die Wahrscheinlichkeitsaussagen, die von Gen- und Genomtests stammen, verstehen und interpretieren können? Schließlich beeinflussen meist viele innere und äußere Faktoren das Risiko einer Erkrankung. Wird der unterschiedliche Zugang zu Wissen und Bildung bei der Inanspruchnahme neuer medizinischer Leistungen unsere Gesellschaft in bestimmte Untergruppen teilen? Um dies zu vermeiden, ist sowohl die Ausbildung in Schule und Universität als auch die Weiterbildung breiter Bevölkerungsschichten neu zu durchdenken. Ferner muss die Ausbildung der Ärzte diesen Entwicklungen Rechnung tragen.

Wie werden wir den Zugang zu Gen- und Genomtests und zu den daraus gewonnenen Resultaten regeln? Werden wir auf lange Sicht verhindern können, dass individuelle genetische Informationen in die Hände von Arbeitgebern, Versicherern und des Staates fallen? Eine nicht hinzunehmende Diskriminierung wäre die Folge, wenn etwa Firmen die Einstellung von Arbeitsuchenden von deren genetischem Status abhängig machen würden.

Wie lassen sich aber bei Lebens- und Krankenversicherungen die berechtigten Interessen von Versicherern und Versicherten schützen? Bei bestimmten seltenen genetisch bedingten Erkrankungen mit hoher Durchschlagskraft und tödlichem Ausgang – wie etwa bei Huntington Chorea oder Mukoviszidose – könnten betroffene Personen vor Ausbruch der Erkrankung aus eigenem Antrieb einen Gentest durchführen, um Gewissheit über ihre persönliche Zukunft zu erhalten. Wenn diese Personen nun beabsichtigen, eine Risiko-Lebensversicherung mit hohen Policen abzuschließen, sollte geregelt sein, dass entweder Versicherer über das Ergebnis des Gentests informiert werden oder ein Zahlungsvorbehalt vereinbart wird. Für solche sehr seltenen Fälle wurden in Großbritannien kürzlich gesetzliche Regelungen eingeführt. Andere Länder werden zweifellos nachziehen.

Recht auf Nichtwissen

In den modernen Demokratien sind wir zwar alle vor dem Gesetz und dem Recht prinzipiell gleichgestellt, wir sind jedoch genetisch nicht identisch. Prinzipiell könnten Lebens- und Krankenversicherungen auf die Idee kommen, Menschen auf Grund ihrer genetischen Profile in unterschiedliche Risikogruppen einzuteilen. Bei vielen Versicherungen ist das eigentlich durch die Erhebung umfangreicher Familien-Krankengeschichten bereits jetzt der Fall. Die Erhebung genetischer Profile würde die bereits gängige Praxis nur ergänzen. Kosten von Kranken- und Lebensversicherungen könnten dann, wie einige bereits heute fordern, "gerechter" verteilt werden, was eine Abkehr vom bisherigen Solidarprinzip bedeuten würde. "Genetisch gesündere" Personen wälzten dann Kosten und Verantwortung auf "genetisch belastetere" Personen ab. Unsere Gesellschaft spaltete sich immer weiter auf. Wenn wir das vermeiden wollen, müssen wir uns jetzt mit diesen Fragen auseinander setzen.

Wie werden wir in der pränatalen Diagnostik mit den rasant zunehmenden Möglichkeiten von Gentests umgehen? Die Folge wären mehr Schwangerschaftsabbrüche, und zwar nicht nur bei schwerwiegenden genetisch bedingten Erkrankungen. Sollte werdenden Eltern künftig das Recht eingeräumt werden, sich auch bei erblich bedingten Seh- oder Hörstörungen für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden? Was ist, wenn wir eines Tages auch die Gene bei erblich bedingter Lese- und Rechtschreibschwäche identifiziert haben? Und wie sieht es aus, wenn wir in einigen Jahren die vielen verschiedenen Gene beziehungsweise Allele bei komplexen Erkrankungen identifizieren können? Diese Gene haben keine hohe Durchschlagskraft, tragen also zu einem Risiko nur in geringem Maße bei. Es geht dann um Wahrscheinlichkeitsaussagen wie etwa: Dieses Individuum hat ein fünffach erhöhtes Risiko, eine bestimmte Erkrankung zu bekommen.

Wozu das führen kann, hat die Hysterie im Zusammenhang mit erblich bedingtem Brustkrebs in den USA gezeigt. Als das Unternehmen Myriad Genetics Tests für die ersten beiden "Brustkrebs-Gene" – BrCa1 und BrCa2 – herausbrachte, ließen sich einige Frauen, in deren Familien die entsprechenden Genversionen vererbt wurden, vorsorglich die Brüste abnehmen. Wer wird entscheiden, was eine schwer wiegende genetisch bedingte Erkrankung ist und was nicht? Immer mehr Eltern werden bei rasant steigenden Gentestangeboten der Versuchung nicht widerstehen und ihren Nachwuchs genetisch verbessern wollen. Sollten die einzelnen europäischen Länder in dieser Frage ein unterschiedliches Rechtsempfinden haben, würde die Sache zusätzlich kompliziert.

Und wie sieht es prinzipiell mit dem Recht auf Nichtwissen aus? Werden wir auf lange Sicht die Großzügigkeit haben, schwangeren Frauen das Recht auf Nichtwissen einzuräumen? Werden wir in Deutschland, werden Krankenkassen und der Staat auf lange Sicht in der Lage sein, Familien mit genetisch behinderten Kindern besonders zu unterstützen, sodass deren Aufziehen nicht zu einer ökonomischen und sozialen Diskriminierung der betroffenen Familien führt? Manche Familien mit Kindern, die an genetisch bedingten Erkrankungen leiden, haben die Reaktionen von Nachbarn und Passanten nur allzu direkt erfahren. Schweigen, Unverständnis und versteckte Diskriminierung sind heute schon keineswegs selten.

Emotionen statt Argumenten

Und wie stehen wir, wie steht jeder Einzelne von uns zur Präimplantationsdiagnostik (PID)? Im Zuge der In-vitro-Fertilisation werden einer Frau mehrere Eizellen entnommen und im Reagenzglas künstlich befruchtet. Man wartet in der Regel mehrere Zellteilungen ab und reimplantiert dann einen oder mehrere dieser Keime in die Gebärmutter. Bis etwa zum 16-Zellstadium sind alle Zellen eines solchen Gebildes totipotent – das bedeutet, dass jede einzelne von ihnen sich zu einem vollständigen Embryo entwickeln könnte. Mit anderen Worten: Würde man eine oder mehrere Zellen aus dem frühen Keim herauslösen, bliebe dieser unbeschädigt und würde sich zu einem normalen Embryo weiterentwickeln. Aber auch die herausgelöste totipotente Zelle könnte sich weiter teilen und sich zu einem intakten Embryo entwickeln.

Betrachten wir ein typisches Beispiel. Angenommen, das erste Kind einer Familie leidet an einer schweren genetischen Erkrankung, für die es keine echte Therapie gibt, sodass es frühzeitig sterben wird. Die Mutter möchte nun ein zweites, aber gesundes Kind. Eine Schwangerschaft wurde bereits abgebrochen, weil die pränatale Diagnostik ergeben hatte, dass der Fetus die kranke Genversion trug. Die Eltern sind physisch und emotional stark belastet. Das Paar sieht nun in der In-vitro-Fertilisation in Kombination mit der PID die Möglichkeit, die künstlich befruchteten Eizellen zu testen, damit nur solche ohne die kranke Genversion reimplantiert und ausgetragen werden.

Dies würde eine pränatale Diagnostik mit einem möglichen Schwangerschaftsabbruch zu einem viel späteren Zeitpunkt und den dann unvermeidlichen physischen und seelischen Belastungen für die Mutter vermeiden. Für die PID müsste jedoch eine einzelne totipotente Zelle aus dem Verband herausgelöst und untersucht werden. Diese eine Zelle würde durch den Gentest verbraucht. Das Keimbläschen selbst bliebe aber intakt und könnte sich später zu einem normalen Embryo entwickeln. Doch da der Verbrauch einer einzelnen totipotenten Zelle nach dem in Deutschland seit 1990 gültigen Embryonenschutzgesetz verboten ist, kann der Frau nicht geholfen werden. Sie muss entweder ein Kind adoptieren, ganz auf ein Kind verzichten oder den Weg über Schwangerschaft "auf Probe" und pränatale Diagnostik gehen, immer mit dem Risiko eines späteren Abbruchs.

Dies ist aus meiner Sicht einer Frau beziehungsweise einer Familie in einer solch speziellen Situation nicht zuzumuten. In Großbritannien könnte diesem Paar geholfen werden, da dort bis zum 14. Tag nach der Befruchtung auch die PID erlaubt ist. Und während in Deutschland das Gesetz einem Zellhaufen im frühen Embryonalstadium Würde und Unverletzlichkeit garantiert, dürfen Millionen von Embryonen in einem späteren Stadium der Schwangerschaft durch Anwenden von Nidationshemmern wie etwa der Spirale abgetötet werden. Warum wird in Deutschland befruchteten Zellen im Reagenzglas eine höhere Schutzbedürftigkeit eingeräumt als solchen in vivo, die sich, vom Eileiter kommend, in der Gebärmutter einnisten wollen? Warum können wir hier nicht Abhilfe schaffen und die Dinge pragmatischer – zu Gunsten der betroffenen Frauen – entscheiden?

In diesem Zusammenhang scheint die öffentliche Diskussion über die PID zuweilen außer Kontrolle zu geraten. Gewiss ist zu begrüßen, dass anstelle einer Diskussion unter Spezialisten nunmehr ein offener Diskurs – man könnte auch sagen Schlagabtausch – in der Gesellschaft geführt wird. An dieser Debatte beteiligen sich aber oft nicht ausreichend informierte Laien, für die nicht Argumente, sondern Emotionen oder gar ideologische Kalküle zählen. Quer durch die Parteien versuchen sich Politiker im Streit über die PID zu profilieren. In diesem Zusammenhang ist es wenig dienlich, wenn Politiker, Amtsträger der Kirche und selbst ernannte Ethiker in der Öffentlichkeit davon reden, dass PID zu einer Selektion von Embryonen führe, dass letztlich Leben vernichtet werde. Einige Kritiker der PID haben diese Situation sogar mit der Selektion Mengeles an der Rampe in Auschwitz verglichen. Welche Arroganz und Unverschämtheit es doch ist, einer Frau, die mit Hilfe von In-vitro-Fertilisation und PID ein gesundes Kind bekommen möchte, Selektion und Tötung von Leben vorzuwerfen und sie auf die pränatale Diagnostik und eventuelle Abtreibung des Fetus zu verweisen.

Reproduktives …

Und was ist mit dem Klonen von Menschen? Dieses Verfahren hat zwar primär nichts mit Gentechnik zu tun, stellt aber eine weitere moderne Methode der molekularen Medizin dar. Zweifellos wäre die Herstellung identischer Kopien von Menschen nach der "Dolly-Methode" technisch möglich. Allerdings ging aus fast dreihundert manipulierten Eizellen nur ein gesundes Lamm hervor: das Klon-Schaf Dolly. Schwere Missbildungen und Anomalien sind – wie man inzwischen weiß – häufig. Das ist darauf zurückzuführen, dass bei der Dolly-Methode versucht wird, Zellkerne aus "erwachsenen" Körperzellen in den embryonalen Zustand zurück zu versetzen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Genom im Zellkern, also die DNA, schon sehr stark chemisch verändert. Die Zelle bringt nämlich Millionen von Methylgruppen an der Erbsubstanz an, um bestimmte Gene und Chromosomenbereiche abzuschalten. Zudem lassen unzählige Schäden – Brüche von ganzen Chromosomen und einzelne chemische Veränderungen an den Basen – das genetische Programm nicht mehr makellos funktionieren.

Diese unausgereifte Technologie auf Menschen anzuwenden, wäre in meinen Augen ethisch untragbar. Wenn manche Reproduktionsmediziner in privaten Kliniken davon sprechen, auf diesem Weg kinderlosen Paaren zu Wunschkindern verhelfen zu wollen, dann ist das in erster Linie eine geschmacklose PR-Kampagne. Im Laufe der Zeit wird es sicherlich Verbesserungen bei dieser Technologie geben. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sie vollständig perfektioniert werden kann, sodass ihr Einsatz nicht in Frage kommt.

Aber lassen wir einmal die technische Machbarkeit in der Zukunft beiseite. Wollen wir denn ernsthaft die Erzeugung identischer Kopien von Menschen – also das reproduktionsmedizinische Klonen – freigeben? Wollen wir in der Zukunft Nachwuchs nicht mehr durch Kreuzung der Erbanlagen auf natürlichem Weg zeugen, oder im Einzelfall auch im Reagenzglas durch künstliche Befruchtung? Wollen wir stattdessen Schritt für Schritt identische Kopien von uns selbst herstellen? Was wird aus dem menschlichen Genpool, wenn reiche oder bedeutende Persönlichkeiten plötzlich dem Wahn verfallen, genetisch unsterblich werden zu wollen und beginnen, sich selbst zu klonen? Gewiss wird es dafür in demokratischen Ländern keine Mehrheiten geben.

… und therapeutisches Klonen

Aber wie steht es mit dem therapeutischen Klonen? Mit diesem Verfahren sollen Klon-Embryonen nur zu einem Zweck hergestellt werden: zur Gewinnung embryonaler Stammzellen. Diese Zellen wären genetisch mit dem Spender identisch und würden somit nicht von seinem Immunsystem abgestoßen, was für die Therapie unschätzbare Vorteile brächte. Die prinzipiellen Probleme der Dolly-Methode bestehen aber hier nicht, da aus den embryonalen Stammzellen nur köpereigene Zellen und Gewebe zum Zwecke der Therapie hergestellt werden und nicht komplette menschliche Lebewesen. Im Moment steht die Forschung auf diesem Gebiet erst ganz am Anfang. Bedeutende medizinische Durchbrüche sind in zehn, zwanzig oder gar erst dreißig Jahren zu erwarten.

Viele Millionen Menschen leiden heute an schweren Erkrankungen wie etwa Multiple Sklerose oder Parkinson, bei denen bestimmte Gewebe geschädigt und abgebaut werden. Durch die Forschung an adulten und embryonalen Stammzellen, in Verbindung mit dem therapeutischen Klonen könnte diesen Menschen sehr wahrscheinlich eines Tages geholfen werden. Vielleicht sind neue, innovative Medikamente, deren Entwicklung durch die Kenntnis des menschlichen Genoms ermöglicht wurde, in Kombination mit Zell- und Gewebetherapien in wenigen Jahren so selbstverständlich, wie es humanes Insulin und der Blutgerinnungsfaktor VIII heute sind – also Medikamente der Gentechnik, die noch vor fünfzehn Jahren in Deutschland verteufelt wurden. Im Interesse der Menschen und Patienten ist zu hoffen, dass in Deutschland eine Diskussion ohne ideologische Scheuklappen geführt wird.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2001, Seite 84
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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