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Monogamie bei der Präriewühlmaus

Paarbildung ist typisch für diese nordamerikanische Feldmausart. Die Partner bleiben zeitlebens zusammen und versorgen den Nachwuchs gemeinsam. Zwei Hormone, die bislang für Funktionen im Stoffwechsel und bei der Fortpflanzung bekannt waren, scheinen das Sozialverhalten wesentlich mit zu beeinflussen.

Will man monogames Verhalten besser verstehen, so liegt es nicht gerade nahe, Paarungsgewohnheiten und Jungenaufzucht eines unscheinbaren braunen Nagetiers zu beobachten, das versteckt in Feldern und Grassteppen lebt. Schließlich kann einem wohl jede Frau und jeder Mann eine Menge darüber erzählen, wie verworren und vielfältig die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind.

Warum also unser Interesse für die Präriewühlmaus oder kurz Präriemaus (Microtus ochrogaster; Bild 1)? Dieser im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten häufige Schädling in Getreidefeldern bot sich für eine spannende wissenschaftliche Tour d’horizon an – von seiner ökologischen Stellung bis zu den hormonellen Grundlagen von sozialen Bindungen. Denn anders als bei den meisten Nagern halten die Paare dauerhaft zusammen, und die Eltern ziehen ihre Jungen gemeinsam auf. Wie wir herausgefunden haben, bewirken dies wesentlich die beiden Hormone Oxytocin und Vasopressin, die zwar schon länger bekannt sind, aber nur in ihren Funktionen bei der Fortpflanzung beziehungsweise der Regulation des physiologischen Wasserhaushalts.

Das entscheidende Kennzeichen von Monogamie ist, daß ein Männchen und ein Weibchen lebenslang zusammenbleiben. Außerdem sind die Geschlechter bei monogamen Arten in der Regel ziemlich gleich groß und sehen sich auch sonst ähnlich. Das Paar verteidigt Nest und Revier gegen Konkurrenten und versorgt partnerschaftlich den Nachwuchs.

Manche monogamen Säugetiere leben in komplex strukturierten Familienverbänden aus enger und weitläufiger verwandten Tieren sowie Nachkommen jeden Alters. Inzest wird aber vermieden; die herangewachsenen Jungen pflanzen sich gewöhnlich nicht fort, solange sie in der angestammten Gruppe bleiben. Allerdings ist Monogamie bei Säugern – anders als bei den Vögeln – recht selten: Wie Devra G. Kleiman vom Nationalen Zoologischen Garten der USA in der Bundeshauptstadt Washington in einer umfassenden Studie dargelegt hat, sind nur etwa 3 Prozent der Arten monogam.

Sexuelle Treue kann man dagegen nicht als Kriterium nehmen. Sowohl bei monogamen Säugetierarten wie bei Vögeln wurde nachgewiesen, daß selbst eine strikte soziale Bindung gelegentliche Paarungen mit anderen Partnern nicht ausschließt. Auch bei den Präriemäusen ist das begleitende Männchen nicht immer Vater der Jungen, und manchmal haben die Jungen eines Wurfes sogar mehrere Väter, wie genetische Tests – das sogenannte DNA-Fingerprinting – erwiesen haben.

Als ein Säugetier, das die grundlegenden Charakteristika von Monogamie aufweist, ist die Präriemaus eine äußerst geeignete Spezies, um die biologische Basis dieser Lebensform bei Tieren zu erforschen. Zudem sind diese Nager recht klein und lassen sich leicht in Gefangenschaft halten und vermehren. Besonders aufschlußreich sind Vergleichsmöglichkeiten, weil andere Wühlmäuse wie zum Beispiel die amerikanische Wiesenmaus (Microtus pennsylvanicus) und die Rocky-Mountains-Wühlmaus (M. montanus) nicht einmal ansatzweise monogames Verhalten zeigen. Höchst selten fängt man von ihnen mehrmals dasselbe Paar wiederr; sie bilden auch keine Familienverbände, und die Männchen kümmern sich gewöhnlich nicht um die Jungen (Bilder 3 und 5).

Biochemisch induzierte Paarungsbereitschaft

Eine der ersten Überraschungen war, daß die Fortpflanzungsphysiologie der Präriemaus über soziale Einflüsse gesteuert wird. Ein Weibchen wird nur paarungsbereit, wenn es ein Männchen riecht; es hat auch nicht den Zyklus wie die Weibchen vieler nicht-monogamer Säuger. Bei den anderen Wühlmausarten, für die Partnertreue typisch ist, muß ebenfalls das Männchen erst die Paarungsbereitschaft auslösen.

Dies kann aber bei den Präriemäusen nicht jedes beliebige Männchen sein. Anscheinend wird Inzucht vermieden, indem der Vater und die Brüder nicht erregend wirken; und beide Geschlechter werden erst gar nicht voll geschlechtsreif, solange sie in ihrer Herkunftsfamilie bleiben.

Daß ein Männchen zu ihm paßt, erkennt das Weibchen an einem Duftstoff. Dieses Pheromon gelangt beim Schnuppern zu einem speziellen Sinnesorgan oben im Gaumen und regt die hormonellen Prozesse an, wodurch die Eierstöcke aktiviert werden und die sexuelle Bereitschaft aufkommt.

Das vomeronasale oder Jacobsonsche Organ kommt, wie der dänische Anatom Ludwig Levin Jacobson (1783 bis 1843) herausfand, gelegentlich bei Menschen noch rudimentär vor. Mäuseweibchen, denen man es entfernt hat, geraten nicht in Hitze. Ähnlich sind die Auswirkungen, wenn der Riechlobus im Gehirn fehlt. Bei solchen Tieren ist dann nicht nur das sexuelle, sondern auch das soziale Verhalten gestört.

Einem Weibchen genügen, wie unsere Untersuchungen im Labor ergeben haben, wenige Minuten männlichen Geruchs für die hormonelle Reaktion. Im Gehirn werden dann der Neurotransmitter Noradrenalin und das Freisetzungshormon für Gonadotropine (die ihrerseits die Hormonausschüttung der Keimdrüsen steuern) abgegeben. Die Kaskade verläuft von einem speziellen Bereich des Riechbulbus, der mit dem Jacobsonschen Organ in Verbindung steht, über den Hypothalamus zur Hirnanhangdrüse, die nun einen Stoß Gonadotropine in den Blutkreislauf abgibt. In Verbindung mit anderen hormonellen Veränderungen löst dies eine Folge von chemischen und neuronalen Prozessen aus, an deren Ende die Eierstöcke Steroidhormone freisetzen; zu den wichtigsten gehören das Östrogen Östradiol und das Gestagen Progesteron (Bild 2).

Paarungsverhalten und Partnerwahl

Wir wollten wissen, ob diese beiden Hormone zum monogamen Verhalten der Präriemaus beitragen. Zusammen mit Janice M. Bahr von der Universität von Illinois in Urbana untersuchten wir die Sekretion bei brünstigen und nicht-brünstigen Weibchen und verglichen sie mit der nicht-monogamer Nagerarten.

Östradiol ist bei Nagetieren nötig, damit die Brunst einsetzt. Die weiblichen Präriemäuse hatten nur in Hitze einen erhöhten Blutspiegel; nach Ende der Paarungen (kleine Nager kopulieren während der Brunst viele Male) gingen die Werte wieder zurück. Ähnlich ist der Verlauf bei polygamen Nagern.

Die Progesteron-Befunde waren allerdings unerwartet. Bei Ratten (die nicht monogam sind) und bei der Rocky-Mountains-Wühlmaus wird dieses Hormon vermehrt kurz nach Beginn der geschlechtlichen Aktivität in die Blutbahn freigesetzt. Dadurch wird wahrscheinlich deren Dauer reguliert. Doch bei den Präriemäusen erhöhte sich der Progesteronspiegel erst viele Stunden nach Beginn des Paarungsverhaltens.

Damit erklärt sich eine frühere Beobachtung, daß nämlich Weibchen bei ihrer ersten Brunst besonders lange paarungsaktiv sind. Im Labor stellten wir fest, daß sie sich dann während 30 bis 40 Stunden immer wieder decken ließen. Wiesen- und Rocky-Mountains-Wühlmäuse geben sich hingegen höchstens einige Stunden miteinander ab; beim Syrischen Goldhamster, einem extremen Einzelgänger, sind die Weibchen sogar schon nach 45 Minuten nicht mehr rezeptiv.

Möglicherweise hilft bei der Präriemaus der lange andauernde Sexualkontakt, daß die Samenzellen in den Uterus und zu den Eizellen gelangen. Bei Rattenweibchen jedenfalls, so fand Norman T. Adler von der Universität von Pennsylvania in Philadelphia heraus, hilft das komplexe Paarungsverhalten über die Hormonsekretion, den Spermien den Weg zu bahnen.

Aber Gewähr der Befruchtung ist wohl nicht der einzige Grund für die ausgedehnte Brunst der Präriemäuse, denn der Eisprung erfolgt innerhalb von etwa zwölf Stunden nach der ersten Kopulation, und bald danach werden die Eier befruchtet. Das bedeutet, daß die Tiere noch stundenlang weiter kopulieren, obwohl die Voraussetzung zur Trächtigkeit längst gegeben ist. Wir meinen, daß dieses Paarungsverhalten auch der Bindung zwischen den Partnern dient, ähnlich wie es bei einigen Primatenarten und ja auch beim Menschen ist. Besonders für die jungen Weibchen könnte eine verlängerte Paarungsphase wichtig sein, damit die erste Partnerschaft lebenslang hält.

Sexuell erfahrene Weibchen, die bereits Junge gehabt haben, verhalten sich denn auch ganz anders. Insgesamt dauert ihre sexuelle Aktivität manchmal nur einige Minuten.

Gefestigt wird der Zusammenhalt vielleicht auch durch den Kontakt nach der Paarung. Bei nicht-monogamen Arten dulden sich die Geschlechter oft nur während der Brunst. Wiesenmäuse etwa trennen sich gleich danach wieder; und die Weibchen des Goldhamsters werden gegen das Männchen meist äußerst aggressiv – sie würden es wohl sogar töten, wenn es in Reichweite bliebe.

Dagegen sind Partner der monogamen Säugerarten auch außerhalb der Paarungszeiten miteinander sehr umgänglich. Präriemaus-Paare suchen oft die Nähe und haben viel Körperkontakt (Bild 4). Fremde Geschlechtsgenossen behandeln sie aber höchst unfreundlich: Sie verteidigen erbittert das Revier und den Partner.

Der Wandel im sozialen Gebaren sollte helfen, in Laborversuchen die physiologischen Vorgänge zu erforschen, die an der Paarbindung beteiligt sind. Wir vermuteten, das beim Kopulieren ausgelöste hormonelle Geschehen könnte bewirken, daß das Weibchen sich nach der Begattung so anders verhält als zuvor.

Zunächst prüften wir mit unseren Mitarbeitern, ob die Weibchen ein bestimmtes Männchen bevorzugen. An entgegengesetzten Seiten einer Testarena wurden zwei Männchen festgebunden, ein dem Weibchen vertrautes und ein ihm fremdes. Ein Versuch dauerte zehn Minuten (Bild 6). Zwar paarten die Weibchen sich mitunter auch mit dem fremden Männchen, wählten aber für andere Kontakte eher das vertraute. Dies paßt zu dem Befund, daß man Präriemäuse im Freiland häufig paarweise antrifft, Monogamie bei ihnen aber nicht mit unbedingter sexueller Treue gleichzusetzen ist.

In einem weiteren, ähnlich gestalteten Test blieb den Weibchen zur Wahl wenigstens drei Stunden Zeit; sie konnten sich aber auch in ein unbesetztes Kompartiment zurückziehen. Ungefähr eine halbe Stunde lang pflegten sie beide Männchen zu inspizieren und entschieden sich dann gewöhnlich für das schon vertraute (Bild 4).

Der Stoff sozialer Bindung

Wie weitere Tests ergaben, braucht ein Weibchen in der ersten Brunst wenigstens 24 Stunden Kontakt, um eine anhaltende Vorliebe für ein bestimmtes Männchen zu entwickeln. Nachdem beide aber einmal kopuliert hatten, genügten dafür schon sechs Stunden. Wenn bei sexueller Aktivität die Partnerbindung rascher zustande kommt, sollten also dadurch ausgelöste hormonelle oder neurochemische Reaktionen mitspielen.

Nun hatten andere Forscher berichtet, daß beispielsweise bei weiblichen Schafen und Ziegen Oxytocin freigesetzt wird, wenn sie die Bindung zu ihren Jungen aufbauen. (Dies geschieht bald nach der Geburt und wird durch den Geburtsvorgang und den Geruch des Jungtiers ausgelöst.) Schon länger war bekannt, daß die Produktion von Oxytocin durch den Saugreiz an den Zitzen angeregt wird und das Hormon den Milchfluß anregt. Es bewirkt nicht nur Kontraktionen von Zellen der Brustdrüse, sondern auch der Uterusmuskulatur (in der Humanmedizin wird es deshalb zur Geburtseinleitung und Wehenverstärkung verwendet). Oxytocin wird indes auch schon bei Stimulierung der Genitalien sezerniert, so bei der Paarung und unter der Geburt. Wie kürzlich nachgewiesen wurde, vollzieht sich die Mutter-Kind-Bindung bei Schafen tatsächlich schneller, wenn man ihnen Oxytocin infundiert oder die körpereigene Produktion durch vaginale Reizung anregt – schon leichtes Berühren kann dazu genügen.

Aufgrund all dieser Befunde nahmen wir an, daß bei den Präriemaus-Weibchen ebenfalls die sexuelle Stimulation und vielleicht sogar – wenn auch in geringerem Maße – der Körperkontakt des Partners die Sekretion von Oxytocin auslösen könnte. Das Hormon würde dann die Festigung der sozialen Bindung beschleunigen.

Bislang sprechen die Ergebnisse unserer Gruppe und anderer Teams für diese These. Die Weibchen werden gegenüber Männchen verträglicher und sind weniger kampfmotiviert, wenn man ihnen Oxytocin ins Gehirn infundiert (in der peripheren Blutbahn hat es nicht diesen Effekt). Ähnliches fand man inzwischen bei anderen Arten, so bei Ratten und Totenkopfaffen.

Den Einfluß des Hormons auf die Paarbindung haben wir dann direkter im Partnerwahl-Test geprüft. Weibchen, die sechs Stunden lang unter seiner Wirkung standen, legten sich sehr rasch auf eines der Männchen fest, nicht jedoch, wenn die Oxytocin-Rezeptoren im Gehirn mit einem Antagonisten blockiert wurden. Das Hormon dürfte demnach wirklich zu den physiologischen Mechanismen bei monogamem Verhalten beitragen.

Die Verteilung der zuständigen Rezeptoren ist ein weiteres Indiz. Sie kommen zwar bei Säugern praktisch überall im Gehirn vor, bei den Präriemäusen ist das Muster aber, wie sich zeigte, besonders im limbischen System ein anderes. Gerade dieses entwicklungsgeschichtlich alte Steuerzentrum regelt unter anderem Emotionen und Affekte sowie auch sexuelles und soziales Verhalten. Andere Wissenschaftler fanden dann, daß die Anordnung der Oxytocin-Rezeptoren bei der Prärie- und der ebenfalls monogamen amerikanischen Kiefernwühlmaus von der bei den polygamen Arten Wiesen- und Rocky-Mountains-Wühlmaus abweicht.

Hormon für Familiensinn?

Für monogame Paare jeglicher Art ist typisch, daß die Partner Konkurrenten abwehren und das gemeinsame Revier verteidigen. Sexuell unerfahrene Präriemäuse pflegen kaum zu kämpfen; nach der Kopulation aber können sie fremden Artgenossen ungemein aggressiv begegnen. Weil sich dabei die Männchen hervortun, erwogen wir zunächst eine Beteiligung des hauptsächlich in den Hoden produzierten Sexualhormons Testosteron, wie sie von verschiedenen Arten bekannt ist. Erstaunlicherweise wirkten sich aber weder eine Kastration noch die Zufuhr von Testosteron auf die Aggressivität der Präriemaus-Böcke aus.

Was sonst könnte diese Verhaltenskomponente regulieren? Etliche Beobachtungen anderer Forschergruppen wiesen auf das Hormon Vasopressin hin; so scheint es die Bereitschaft zu Kampf und Territorialverteidigung von Hamstern zu steigern. Außerdem ähnelt es molekular dem Oxytocin: Nur zwei von neun Aminosäuren sind verschieden. Die beiden Hormone werden auch unter ähnlichen Bedingungen freigesetzt, insbesondere während sexueller und anderer sozialer Aktivitäten. Gleichwohl wirken sie sowohl biochemisch in der Zelle als auch in ihren Effekten auf das Verhalten eher wie Gegenspieler.

Deshalb war unsere Vermutung: Wenn Oxytocin die soziale Toleranz von Präriemaus-Weibchen fördert, könnte Vasopressin die Männchen zum vehementen Verteidigen der Weibchen und des Reviers veranlassen. Dem gingen wir in einer gemeinschaftlichen Studie mit Kollegen vom Nationalen Institut für geistige Gesundheit der USA in Bethesda (Maryland) nach.

Als den Versuchstieren vor der Paarung die Vasopressin-Rezeptoren blockiert wurden, verhielten sie sich nachher nicht wie sonst verstärkt feindselig gegen fremde Artgenossen. Anscheinend war aber nicht die Aggressivität an sich unterbunden, denn Männchen, die den Hemmstoff erst nach dem Kopulieren erhielten, waren wütig wie gewöhnlich. Bekamen Männchen dagegen, während sie mit einem Weibchen zusammen waren, zusätzliches Vasopressin, attackierten sie männliche Eindringlinge noch heftiger als sonst.

Dieses Hormon könnte die Männchen sogar mit anregen, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Zumindest gibt es eine Korrelation zwischen dem Vasopressinspiegel und solchem Verhalten.

Demnach hätten beide Wirkstoffe im Organismus wesentlich komplexere Effekte, als man früher annahm. Vasopressin sorgt nicht nur für das physiologische Gleichgewicht, sondern könnte allgemeiner als Neuropeptid zur Selbstbehauptung und zum Schutz der Familienmitglieder anregen; und Oxytocin hätte außer seinen wichtigen Funktionen bei der Fortpflanzung die, als Gegenspieler des Vasopressins sozialpositive Verhaltensweisen zu fördern. Die monogame Lebensform wäre nach diesem Modell eine eigentümliche Manifestation von Sozialität, bei der sich die Wechselwirkungen zwischen beiden Hormonen besonders deutlich ausprägen.

Stress-Hormone und Individualentwicklung

Wie aber soll man bei diesem Zusammenhang zwischen Physiologie und Verhalten erklären, daß Säugetierarten aus verschiedensten systematischen Gruppen monogam sind, zum Beispiel Wildhunde und Krallenaffen? Eventuell hängt das mit der Funktion der Nebennierenrinde zusammen, genauer mit dem Einfluß der von ihr produzierten Steroidhormone auf die frühe Individualentwicklung, eventuell schon vor der Geburt.

Einige von diesen Glucocorticoiden werden besonders bei Stress sezerniert, hauptsächlich Corticosteron und Cortisol (Spektrum der Wissenschaft, Mai 1993, Seite 92). Nur sind die Blutspiegel dieser Hormone bei ausgewachsenen Präriemäusen und Krallenaffen auch dann ungewöhnlich hoch, wenn die Tiere gar nicht unter Stress stehen. Wir vermuten aufgrund unserer Befunde an den Nagern, daß irgendwelche Wechselwirkungen zwischen Nebennieren- und Keimdrüsenhormonen in frühen Lebensstadien für einige Muster des späteren monogamen Verhaltens verantwortlich sind.

Bei Ratten wurde nämlich ein ähnlicher Effekt bereits nachgewiesen. Stress um den Zeitraum der Geburt – bei vielen kleinen Säugern eine wichtige Phase der sexuellen Differenzierung – wirkt sich bei ihnen deutlich auf die spätere Geschlechtsentwicklung aus. Rattenmännchen erscheinen dann in vielem etwas femininer, sogar in der Anatomie der Genitalien. Anscheinend wirkt starker Stress in dieser entscheidenden frühen Phase der Maskulinisierung durch männliche Hormone – Androgene – entgegen, entweder indem er deren Sekretion oder deren Effekt einschränkt. Solche Männchen kümmern sich im allgemeinen auch mehr um ihren Nachwuchs.

Was bei Ratten als Aberration anzusehen ist, könnte für monogame Säugetiere aber durchaus zum Normalbild gehören – auch für Präriemäuse. Ihr Nebennierenrinden-System spricht nach der Geburt ungewöhnlich empfindlich auf Störungsreize an: Schon wenn man die Mutter nur für wenige Minuten entfernt, steigt bei den Jungtieren der Glucocorticoid-Spiegel. Rocky-Mountains-Wühlmäuse und Ratten reagieren so erst auf viel massivere Eingriffe.

Daß ausgewachsene Präriemäuse in beiden Geschlechtern im Habitus gleich aussehen und daß die Männchen sich an der Brutpflege beteiligen, mag unter anderem auch mit dieser übersteigerten Stress-Empfindlichkeit, die vielleicht sogar schon vor der Geburt besteht, zusammenhängen. Vorläufigen Untersuchungen zufolge kümmern die Männchen sich weniger um die Jungen, wenn sie als Neugeborene zusätzlich Androgene erhalten haben. Die Effekte von Wechselwirkungen zwischen Nebennieren- und Gonadenhormonen bei der Ausprägung anderer Charakteristika von Monogamie untersuchen wir gerade.

Zahlt sich Monogamie aus?

Einige organische Besonderheiten im Zusammenhang mit der Monogamie der Präriewühlmaus sind also zu erkennen, doch die Gründe für ihre Evolution bei dieser Art sind noch unklar. Mithin ist zu fragen, welchen Vorteil die Tiere davon überhaupt haben.

Theoretisch sollte der Nachwuchs von zwei Elterntieren besser versorgt werden als von einem; anscheinend trifft dies für Präriemäuse aber nicht zu. Wir haben im Laufe der Jahre mehr als 700 Familien im Feld gefangen und gefunden, daß alleinstehende Weibchen ihre Jungen genauso gut großziehen wie Paare.

Man braucht auch eine evolutive Erklärung dafür, wieso sexuelle Treue trotz enger Partnerbindung bei diesen Nagern nicht so wichtig ist. Immerhin bedeutet Jungenfürsorge einen erheblichen Aufwand an Energie und Zeit (Spektrum der Wissenschaft, April 1993, Seite 62). Gewöhnlich stellt man diesen Kosten den Nutzen eines größeren Fortpflanzungserfolgs gegenüber. Vielleicht sticht für den Fall, daß Seitensprünge toleriert werden, das Argument, daß ein monogames, brutpflegendes Männchen durchaus mehr eigenen Nachwuchs durchzubringen vermag als sonst, auch wenn es gleichzeitig mit für einige fremde Junge sorgt.

Eine Regel läßt sich daraus aber noch nicht ableiten. Die von uns untersuchten Tiere leben in Illinois in einer Umwelt, die reichlich Nahrung, Wasser und andere Grundressourcen bietet. Unseres Erachtens müßte sich ihre monogame Lebensform entwickelt haben, als Futter knapper war. Unter solchen Verhältnissen bringt sie nämlich vermutlich Vorteile, die sich jetzt nicht mehr messen lassen. Um diese Hypothese zu prüfen, untersuchen wir jetzt Artgenossen, die in dem viel kargeren Kansas leben.

Viele mögen fragen, ob solche Forschungen an einer Wühlmaus auch nur das Geringste zum Verständnis menschlichen Verhaltens beitragen. Sicherlich stellt sich Monogamie bei den höheren Primaten in vielem anders dar als bei diesen Nagetieren. Doch es gibt einige Parallelen. So können manche Frau und mancher Mann das bei der Heirat gegebene Treueversprechen nicht halten; offenbar wählen auch wir Menschen den Lebensgefährten umsichtiger als unsere Sexualpartner.

Unsere Beobachtungen helfen außerdem zu verstehen, welchen Stellenwert soziale Zuwendungen und Bindungen für das Individuum haben – und dies gilt für den Menschen wie für Tiere. Der Verlust der Eltern, eines Kindes, des Ehepartners oder eines Freundes wirkt sich oft gravierend auf die geistige und körperliche Verfassung aus; nur wissen wir erst wenig über die biologischen Grundlagen der starken Empfindung, daß wir an einem anderen Menschen hängen. Was geht in unserem Körper vor, daß sie überhaupt zustande kommt?

Man ist versucht zu spekulieren, daß die Hormone Oxytocin und Vasopressin auch unser Verhalten beeinflussen. Aber Vorsicht ist angeraten. Sogar im Tierversuch sind solche Zusammenhänge äußerst schwierig zu analysieren und viele naheliegende Fragen gar nicht zu beantworten. Beim Menschen muß man sich, weil sich Experimente verbieten, praktisch mit dem Bestimmen von Korrelationen zwischen Verhalten und Hormonspiegel zufriedengeben.

Gleichwohl haben unsere Forschungen auch eine Konsequenz in dieser Hinsicht: Gerade weil man über die Zusammenhänge beim Menschen so wenig weiß, sollten bestimmte Hormonbehandlungen neu überdacht werden. Oxytocin zum Beispiel wird, wie bereits erwähnt, in der Geburtshilfe verwendet, Vasopressin mitunter Kindern gegen Bettnässen verschrieben. Möglicherweise beeinflußt man den Oxytocinspiegel bei Mutter und Kind manchmal auch unabsichtlich, etwa durch die Entscheidung für den Kaiserschnitt oder das Füttern mit der Flasche.

Bisher ging es beim Einsatz dieser Hormone nur um ihre physiologische Wirkung auf Körperorgane. In Zukunft wird man ihre Effekte im Zentralnervensystem mit beachten müssen – das heißt, auf unter Umständen prägende Modifikationen des Verhaltens.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1993, Seite 62
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 1993

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