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Montanarchäologie in Europa


Der vorliegende Band enthält, zurückgehend auf ein internationales Kolloquium des interdisziplinären Forschungsverbandes zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends in Südwestdeutschland, unterstützt von der Volkswagenstiftung, an die vierzig Beiträge über "Frühe Erzgewinnung und Verhüttung in Europa".

Der Rahmen reicht zeitlich von der Bronzezeit über das späte Mittelalter bis in die Neuzeit. Räumlich verteilen sich die Untersuchungsgebiete mit einem Schwerpunkt in Deutschland (Harz, Schwarzwald, Erzgebirge, Schwäbische Alb) von Spanien und den Britischen Inseln über das Elsaß bis nach Böhmen, Polen, Serbien und der Slowakei. Die Forschungsansätze sind äußerst unterschiedlich. Untersucht werden der Untertagebau, oberirdische Schlackenrückstände, Ofen- und Waschanlagen und vieles andere. Die Folgen des Erzabbaus, Erosion und Schwermetallbelastung der Böden, sind berücksichtigt, topographische Untersuchungen zu Siedlung und Abbauzonen ebenso einbeschlossen wie der konventionelle Zugang über die schriftlichen Quellen.

Die bislang gewonnenen, punktuellen Erkenntnisse beziehen sich wesentlich auf technische Zustandsbeschreibungen über Erzgewinnung und Verhüttung. Die rechtliche Ordnung wie auch das soziale und religiöse Leben können aus derartigen Quellen nicht erschlossen werden; die naturwissenschaftliche Seite dominiert – die Analysen von Mineralogen und Chemikern. Auch bei den metallurgischen Problemen besteht noch ein Forschungsdefizit. Die Verhüttungsprozesse sind im einzelnen noch nicht geklärt. Die Analyse der Schlackenzusammensetzungen wirft Probleme auf.

Desgleichen ist die Frage nach dem Wert der Metalle in historischer Zeit schwierig zu beantworten. Bronze wurde nicht kontinuierlich verwendet, Silber schon früh abgebaut, nördlich der Alpen in den beiden Jahrhunderten vor Christus und dann in der Zeit der Karolinger mit ihrer Silberwährung. Die Eisengewinnung begann in der späten Bronzezeit, doch der Gebrauch setzte erst später ein. Auch die gewonnenen Mengen lassen sich schwer abschätzen, weil dafür ein ganzes Revier erfaßt werden müßte, was wegen der hohen Kosten der Ausgrabungen kaum möglich ist. Für den Schwarzwald läßt sich im Spätmittelalter eine Silberproduktion von 1000 Kilogramm im Jahr errechnen; in den serbischen Revieren waren es in der Antike angeblich 15000, im Mittelalter nur um die 1000 Kilogramm. Für Schweden wird ein beträchtliches Produktionsvolumen an Eisen angenommen.

Eine Geschichte der europäischen Metallgewinnung läßt sich mit dem bisherigen Material noch nicht erfassen. Doch liegt hier eine Bestandsaufnahme vor, die festhält, wie im einzelnen der methodische Zugriff erfolgt, welche Erkenntnisse vorliegen, wo auch Defizite der Forschung bestehen. Immerhin lassen sich die punktuellen Ergebnisse zu übergreifenden Befunden zusammenfassen, so etwa, daß die Menschen immer wieder in verschiedenen Zeiten auf gleiche Abbaupätze zurückkamen und wie die Siedlungsstrukturen sich wandelten: von Grubenhäusern der frühen Phase bis hin zu Bergbaustädten mit entsprechenden Grundstücksgrößen und Haustypen samt technischer Infrastruktur. Unterschiedliche Abbauzonen mit differenzierten Abbau- und Verarbeitungstechniken treten deutlich hervor. Karten, Skizzen und eine ausführliche Bebilderung begleiten hilfreich die Texte.

Der Band zeigt, mit wie vielfältigen Methoden den Fragen nachgegangen werden kann, wie sehr auch gerade hier ein interdisziplinärer Ansatz zur Lösung der Probleme nötig ist. Die Montanarchäologie liefert nicht nur einen Beitrag zum Erzabbau und zur Metallgewinnung, sondern wesentliche Erkenntnisse zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Denn die gewonnenen Metalle vom Eisen bis zum Silber fließen in den Wirtschaftskreislauf ein. Zunehmender Eisengebrauch in der Landwirtschaft trägt zur höheren Arbeitsintensität und damit zu höheren Erträgen bei. Silberbergbau begünstigt den Herrscher, auf dessen Gebiet die ertragreichen Gruben liegen, sichert ihm ein Münz- und Machtmonopol. Diese Beiträge führen über die Münzgeschichte zur Wirtschafts- und endlich zur politischen Geschichte. Unter solchen Fragestellungen zeigt sich die grundlegende Bedeutung dieser Arbeiten, die nach einem solch guten Anfang fortgesetzt werden sollten.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1995, Seite 109
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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