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Mühsame Kleinarbeit am „Megathema“ Bildungsreform

Zukunft gewinnen, Bildung erneuern – unter diesem Motto stand der „Deutsche Bildungskongreß“ am 13. April in Bonn. Die große Innovation brachte er zwar nicht, dafür aber Beispiele ermutigender Reformen im Detail.


Gewartet habe ich auf den neuen Humboldt, doch erschienen ist er nicht", klagte ein Universitätskanzler auf dem "Deutschen Bildungskongreß" in der Bonner Beethovenhalle – eine begreifliche Enttäuschung, hatte doch Bundespräsident Roman Herzog bereits zwei Jahre zuvor in seiner Rede im Berliner Hotel Adlon Bildung zum "Megathema" erhoben und einen "Ruck" durch die Gesellschaft verlangt. Doch nach jenem 26. April 1997 hielt sich die Aufbruchstimmung in Grenzen. Politiker und bildungspolitische Großorganisationen redeten zwar weiterhin von einer umfassenden Reform, realisierten aber wenig Greif- und Sichtbares. Ist unsere Gesellschaft unfähig, ein in die Zukunft weisendes Schul- und Hochschulwesen, ein lebenslanges Lernen zu organisieren?

Auch der vom Initiativkreis Bildung der Bertelsmann-Stiftung als Antwort auf die "Ruck"-Rede vorbereitete und veranstaltete Bildungskongreß und das dort dem Bundespräsidenten vorgestellte Memorandum trugen nur längst bekannte und diskutierte Schlagworte zusammen und machten sie übersichtlich, gefällig verpackt in einer Mischung aus Talk-Show, Ausstellung und einem für Bildungstagungen ungewöhnlich opulenten Buffet.

Im Laufe der Veranstaltung stellte sich indes heraus, daß die deutsche Bildungsmisere doch nicht so trist ist wie es den Anschein hatte. Herzogs Adlon-Rede vor zwei Jahren war nämlich nicht der Auslöser überfälliger Reformen – die hatten an vielen Stellen lange vorher begonnen und setzen sich bis heute fort, freilich nicht als eine bundesweite zweite Humboldtsche Reform, sondern in vielen kleinen Einzelaktionen. Der Bildungskongreß brach die Stille auf, die darüber gelastet hatte, lenkte die Diskussion vom Abstrakten zum Konkreten, Machbaren.

Hilfreich waren dabei drei Bereiche des Kongresses. Das Memorandum des Initiativkreises Bildung war von der Bertelsmann-Stiftung in fünf Roundtable-Gesprächen vorbereitet worden und faßt in Empfehlungen alles das übersichtlich zusammen, was notwendig und machbar erscheint: lebenslanges Lernen, Nutzung neuer Medien, praxisorientiertes Lernen, verbesserte Lehrerbildung, Selbständigkeit von Schulen und Hochschulen, Schul- und Hochschulprofile, regionale Bildungsallianzen, Wettbewerb zwischen Hochschulen, aufgaben- und leistungsbezogene Hochschulfinanzierung mit globalen Budgets, Verantwortung von Schulen und Hochschulen für gesicherte Qualität sowie durchlässige Ausbildungsstrukturen.

Mit diesen Begriffen läßt sich auch die Programmatik der unmittelbar zuständigen Politiker strukturieren. Sowohl die Vorschläge zur Hochschulreform, vorgetragen von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, als auch die sogenannte Perspektivrede des sächsischen Wissenschaftsministers Hans-Joachim Meyer wiederholten längst zum rhetorischen Allgemeingut gewordene Vorschläge. Unter diesen verdienen zwei Punkte besondere Beachtung:
‰ Nach den Vorstellungen des Bundes soll der Hochschulbau künftig mit Investitionsgutscheinen finanziert werden. Diese Bundesmittel könnten die Länder entsprechend der jeweiligen Studierendenzahl an die Hochschulen zur eigenverantwortlichen Verwendung weiterleiten.
‰ Meyer steht dem skeptisch gegenüber, stellt aber ausdrücklich den Kulturföderalismus als "erste und wichtigste Rahmenbedingung des Bildungswesens in Deutschland" heraus. Gesamtstaatlicher Rahmen, föderal agierende Länder, autonome Hochschulen werden die Punkte sein, auf die sich die bildungspolitische Auseinandersetzung konzentrieren dürfte.

Der dritte Bereich wurde von den Teilnehmern des Bildungskongresses am wenigsten wahrgenommen, stärkt aber die Zuversicht, daß das Reformvorhaben in Deutschland glücken kann. Eine Ausstellung von 20 Modellprojekten aus Schule und Hochschule wies nach, daß schon bisher private und staatliche Initiativen unterschiedlicher Partner gute Ideen in die Tat umgesetzt haben. Die Ergebnisse sind übertragbar.

Eltern, Firmen und soziale Einrichtungen bieten in einem Schulzentrum in Essen praxisorientierte "spezifische Lernorte" innerhalb und außerhalb der Schule an. Wissenschaftler der Universität Jena entwickeln an einer Versuchsschule didaktische und pädagogische Konzepte für Unterricht an kleinen Regelschulen, der nach Bildungsabschlüssen differenziert ist. Mehrere Schulen und Unternehmen im Raum Düsseldorf sind an einem Projekt beteiligt, das Lehrkräften und Schülern anbietet, vom Klassenzimmer aus online in die Arbeitswelt sehen zu können.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert einen Modellversuch "Triale Ausbildung" für den Bankberuf. Er kombiniert eine Berufsausbildung in einem Kreditinstitut und der Berufsschule mit einem Studium der Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Westküste in Heide. Der Abschluß – die Doppelqualifikation Bankkaufmann/-frau und Diplom-Kaufmann/-frau (FH) – wird schon nach fünf statt wie sonst nach sieben Jahren erreicht. Mehrere Unternehmen, Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern tragen und finanzieren ein Projekt "Kooperative Ingenieurausbildung", in dem die Ausbildung an der Hochschule Zittau/Görlitz mit einer Berufsausbildung zusammengeführt wird.

Zwei der in Bonn vorgestellten zehn Universitätsprojekte dienen der "Strategieentwicklung". In Bremen sollen mit dem Projekt "Kontrakt- und Qualitätsmanagement in der Universität" Leitungsstrukturen und Entscheidungsprozesse verbessert werden. Es zählt zu dem Programm "Leistungsfähigkeit durch Eigenverantwortung" der Volkswagen-Stiftung, an dem sich insgesamt acht Universitäten beteiligen. An der Universität Kaiserslautern laufen drei Projekte zur Fachbereichsentwicklung durch Zielvereinbarungen, die das Land Rheinland-Pfalz und das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung finanzieren. Die Zentrale Evaluationsagentur der niedersächsischen Hochschulen hat einen landesweiten periodischen Evaluationszyklus zur Qualitätssicherung und ver-besserung in Lehre und Studium eingerichtet, der Pilotcharakter für andere Bundesländer haben könnte.

"Bildungswege in der Informationsgesellschaft" waren ein zentraler Punkt des Bildungskongresses. Im Rahmen dieses BIG genannten Projekts fördern Bertelsmann-Stiftung und Heinz-Nixdorf-Stiftung vielfältige Aktivitäten, darunter drei Universitätsprojekte:
‰ An der Universität-Gesamthochschule Paderborn wurde ein neues Lehrangebot der Lehrerbildung mit neuen Medien entwickelt. Damit können künftige, aber auch bereits berufstätige Lehrer medienpädagogische Kompetenz erwerben, sei es während des Studiums, in der Referendariatszeit oder in der Fortbildung.
‰ Im Projekt VIRTUS werden an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln Bausteine für ein neues zeit- und ortsunabhängiges Lernen mit neuen Medien an der Präsenz-Universität entwickelt. VIRTUS wird auch vom Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalen und dem Universitätsverbund Multimedia NRW gefördert.
‰ Eine virtuelle Lernwelt im World Wide Web für Wirtschaftsinformatik wird im Projekt WINFO-Line geschaffen. Daran sind die Wirtschaftsinformatik-Lehrstühle der Universitäten Saarbrücken, Göttingen, Kassel und Leipzig sowie der Fachbereich Psychologie der Universität Gießen beteiligt. (Eine ausführliche Darstellung des BIG-Projekts ist im Internet unter www.big-internet.de zu finden.)

Auch zwei schon seit längerer Zeit realisierte universitäre Reformvorhaben fanden sich in der Ausstellung des Bildungskongresses. Der modular aufgebaute und auslandsorientierte Studiengang für Ingenieurwissenschaften der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) ist tatsächlich ein "Vorreiter der Hochschulreform" geworden (wie in Spektrum der Wissenschaft, Juli 1995, S. 110, vorausgesagt): Deutsch- und englischsprachige Bachelor- und Master-Studiengänge, deren Aufbau dort das BMBF förderte, werden derzeit bundesweit eingeführt. Seit diesem Jahr ergänzt das Northern Institute of Technology, eine privat finanzierte GmbH auf dem Campus der TUHH, die Master-Studiengänge mit fachübergreifenden, projektorientierten Zusatzangeboten in Deutsch, Landeskunde, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften sowie Recht. Die Studiengebühren dafür werden von Investoren in der Wirtschaft getragen.

Schon seit zehn Jahren kooperieren in der Europäischen Konföderation der Oberrheinischen Universitäten (EUCOR) die Universitäten Basel, Freiburg, Karlsruhe, Mulhouse und Straßburg. Sie bilden ein europäisches Bildungs- und Wissenschaftszentrum mit Austausch von Dozenten und Studierenden, grenzüberschreitenden Studiengängen und Weiterbildungsangeboten.

Die Diskussionen des Kongresses fielen gegenüber diesen positiven Beispielen deutlich ab. Da wurde zum Beispiel den Universitäten pauschal vorgeworfen, sie seien sich der notwendigen Veränderungen nicht bewußt und benutzten die Komplexität der Vorgänge als Alibi, um gar nichts zu tun. Andererseits brüsteten sich die Präsidenten zweier Universitäten damit, daß sie doch schon seit vielen Jahren die fälligen Reformen verwirklicht hätten. Daraufhin die Frage des einzigen studierenden Podiumsteilnehmers: Wenn wir das doch schon so lange wissen – weshalb müssen wir uns dann noch hier treffen?

Man könnte weiter fragen: Wie wird es das von Bund und Ländern beabsichtigte "Forum Bildung" schaffen, "einen breiten nationalen Diskurs über Lehren und Lernen einzuleiten, um Bildungsziele und Strukturen im Bildungswesen so weiterzuentwickeln"?

Und wird die von der Hans-Böckler-Stiftung geforderte Neuauflage eines "Bildungsrates" tatsächlich die mühsame Kleinarbeit der Reform praktisch voranbringen


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1999, Seite 95
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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