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Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der Moderne

Aus dem Amerikanischen von Max Looser. Hanser, München 1996. 416 Seiten, DM 49,80.


Als zu Beginn der Französischen Revolution aristokratische Flüchtlinge nach Stuttgart kamen, war eine 20jährige Deutsche von ihrem Anblick so beeindruckt, daß sie sich neben ihrem eigenen Verhalten die Manieren einer französischen Dame zulegte. Fortan wechselten "französische" Zustände mit "deutschen" ab. Alles, was sie als "Französin" gesagt, getan und im Gedächtnis hatte, wußte sie als "Deutsche" nicht mehr und umgekehrt. Der Arzt, der 1791 diesen Fall von "umgetauschter Persönlichkeit" beschrieb, konnte sie mit einer Handbewegung leicht dazu bringen, von einer Persönlichkeit zur anderen überzuwechseln, ein Vorgang, der Jahrzehnte später in der amerikanischen Fachliteratur switching genannt wurde.

Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) gab in der 1980 erschienenen dritten Ausgabe ihres Handbuchs "Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders" (DSM III) folgende Definition für die "Multiple Persönlichkeitsstörung": "Das Hauptmerkmal ist die Existenz von zwei oder mehr verschiedenen Persönlichkeiten innerhalb eines Individuums, von denen jede zu einer bestimmten Zeit dominiert. Jede Persönlichkeit ist eine voll integrierte und komplexe Ganzheit mit einmaligen Erinnerungen, Verhaltensmustern und sozialen Beziehungen..."

In der 1994 erschienenen vierten Ausgabe, dem DSM IV, verschwand diese Klassifikationsmöglichkeit wieder. Gleichzeitig begannen amerikanische Psychiater das Störungsbild, das bis dahin mit deutlich wachsender Häufigkeit diagnostiziert worden war, zu ignorieren.

So erscheint das vorliegende Buch des amerikanischen Philosophen Ian Hacking gerade rechtzeitig zum Ausklang einer aufregenden Kontroverse. Hacking versteht "Multiple Persönlichkeit" als sozio-kulturelle Zeiterscheinung, als Widerspiegelung des Denkens einer seit 200 Jahren bestehenden Wissenschaftskultur. Zuvor sei die Seele jahrhundertelang als unstofflich und unerforschbar angesehen worden. Erst im vorigen Jahrhundert sei in Frankreich das Gedächtnis "erfunden" und der Seele damit eine physikalische Grundlage gegeben worden. Die Gleichsetzung von Seele mit Gedächtnis erlaube nun die Gleichsetzung von Gedächtnis und Materie. Wenn die Seele erst stofflich faßbar sei, erhalte das Wort "Trauma", ursprünglich ein medizinischer Terminus für Körperverletzung, eine neue Bedeutung. Gemeint sei nun ein schockierendes Erlebnis, das die Gedächtnismaterie so deformiere, daß sie bewußter Erinnerung nicht mehr zugänglich sei.

Dies alles nennt Hacking Gedächtniswissenschaften. Sie seien in dem Zeitabschnitt von 1874 bis 1886 "als Surrogatwissenschaft der Seele entstanden". Ihr Repräsentant sei der französische Philosoph Theodore Ribot (1839 bis 1916), welcher – moderner Befindlichkeit entsprechend – hervorgehoben habe, daß das Vergessene unseren Charakter, unsere Persönlichkeit, unsere Seele forme. Doch aus den Gedächtniswissenschaften, so Hacking weiter, resultierten fragwürdige Annahmen, insbesondere: Multiple Persönlichkeit sei die Verarbeitung eines frühen sexuellen Traumas. Diese These habe zur Entstehung der Multiplenbewegung geführt, einer Massenbewegung, die im Zusammenhang mit zunehmender Offenlegung von Kindesmißbrauch zum Sprachrohr radikaler Ansichten über patriarchale Gewalt in der Familie werde.

Mit Genugtuung schildert Hacking den Zusammenbruch der "Gedächtniskultur": In den Therapien würden nicht nur Berichte von sexuellen Übergriffen als Erinnerung akzeptiert. Zunehmend tauchten Schilderungen aus dem Gruselkabinett auf: kultische Rituale, Satanismus, Kannibalismus. Die Glaubwürdigkeit von Multiplen Persönlichkeiten in der Therapie sei zweifelhaft, die Zeit für eine Gegenbewegung reif. Seit 1992 beschuldige die "False Memory Syndrome Foundation" leichtgläubige Kliniker, in ihren Patientinnen und Patienten (überwiegend Frauen) Erinnerungen an einen Kindesmißbrauch zu produzieren, der nie stattgefunden habe (vergleiche "Falsche Erinnerungen" von Elizabeth F. Loftus, Spektrum der Wissenschaft, Januar 1998, Seite 62).

Hacking ist beeindruckt von der epidemieähnlichen Ausbreitung der Phänomene Kindesmißbrauch und Multiple Persönlichkeit. Er untersucht dies zwar nicht empirisch, bietet aber Erklärungsmodelle an, etwa: Kindesmißbrauch sei eine soziale Konstruktion. Er kreiert Begriffe wie "semantische Ansteckung": Klassifizierende Beschreibung einer schlimmen Handlung (etwa Kindesmißbrauch) impliziere eine Art Legitimation und führe die Phantasie in die Richtung immer schlimmerer Handlungen.

Hacking versucht, diesen Gedanken eine philosophische Pointe zu geben, die er der Handlungstheorie der britischen Philosophin G. Elizabeth M. Anscombe entlehnt. Zu einer Absicht gehöre die Beschreibung dieser Absicht, behauptet sie in ihrem 1957 verfaßten Buch "Intention". (Eine gut kommentierte deutsche Ausgabe ist "Absicht", Karl Alber Verlag, Freiburg und München 1986.) In einem 1979 in der Zeitschrift "Noûs" erschienenen Artikel verwahrt sie sich gegen Vereinfachungen des philosophisch komplizierten Zusammenhangs von Absicht und Beschreibung.

Aber genau diesen Fehler begeht Hacking, indem er mit seiner Formel "Handeln unter einer Beschreibung" ihre Gedanken in unzulässiger Weise umkehrt. Jemand, der seine Absicht beschreibt, unterscheidet sich eben von jemandem, bei dem die Beschreibung einer Handlung eine Absicht bewirkt. Inflationär wendet Hacking seine Formel auf alles an, was mit Kindesmißbrauch und Multipler Persönlichkeitsstörung zu tun hat. Er verfällt damit – um mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) zu sprechen – einer Philosophen-Krankheit, hervorgerufen durch die einseitige Diät einer einzigen Art von Beispielen, die sein Denken ernährt.

"Rewriting the Soul", so der Originaltitel von Hackings Buch, thematisiert die Behauptung, daß jeder Mensch seine Lebensgeschichte als erinnerte Biographie aus narrativen Versatzstücken zu immer wieder neuen Erzählungen zusammenfüge und so die Vergangenheit verändere. Zugestanden – Hacking sieht mit einem Auge richtig: Erinnern ist keine Wiederbelebung toter Gedächtnisfragmente, sondern ein lebendiger Akt, eine Neukonstruktion, die sowohl den Eindrücken der Ersterfahrung als auch der gegenwärtigen Situation gerecht werden muß. Auf dem anderen Auge ist er jedoch blind dafür, daß sich diese Neukonstruktion häufig verbalisierbarer und bewußter Manipulation entzieht, wie eine Reihe kognitionspsychologischer Experimente sehr schön zeigt.

Hacking beschäftigt sich nicht mit den Multiplen selbst, sondern läßt andere über sie zu Wort kommen. Als multipler Philosoph macht er sich unterschiedliche Standpunkte zu eigen, wobei er die Positionen derer am wirkungsvollsten vertritt, die seiner eigenen – von ihm verschwiegenen – am nächsten sind. Dazu gehört die Auffassung, daß weder Kindesmißbrauch noch multiple Persönlichkeit Realität seien; oder allenfalls eine Realität, die angesichts der Armut mancher kinderreichen Familie in den Wohlstandsstaaten gering wiege.

So geht dieses brillant und spannend geschriebene, an interessanten psychiatriehistorischen Exkursen reiche Buch an der Wirklichkeit von Kinderschändung, Sex-Tourismus und Internet-Pornographie vorbei.

Hacking lenkt von den Tätern ab und dreht quasi den Spieß um, wenn er behauptet, Multiple Persönlichkeit sei ein falsches Bewußtsein, das als Folge moralischer Verfehlung dieser Persönlichkeit entstanden sei. Er belehrt uns schließlich darüber, worin diese moralische Verfehlung bestehe: Falsches Bewußtsein widerspreche einer Fähigkeit, die von den Philosophen Freiheit genannt werde.

Dieses Fazit zeigt, daß das Geschäft manches Philosophen und manch eines gelehrten Psychiaters nur darin besteht, Begriffe und Sätze nach festen Lehrbuchregeln so zu verbinden, daß in dieser geschlossenen Welt kein Raum mehr übrig bleibt für neue, unerwartete, nur der Intuition zugängliche Beobachtungen – insbesondere nicht für das Phänomen der Multiplen Personen.Dr. med. Walter MassingTagesklinik der Nervenklinik Langenhagen der Landeshauptstadt Hannover


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1998, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
9 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 9 / 1998

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