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Hirnentwicklung: Musik für Frühchen

Dank des medizinischen Fortschritts haben Kinder, die extrem früh zur Welt kommen, heute eine vergleichsweise gute Überlebenschance. Oft leiden sie jedoch später an neuropsychologischen Störungen, da ihr Gehirn bei der Geburt noch nicht weit genug entwickelt war, um Reize, die außerhalb des Mutterleibs auf es einprasseln, zu verarbeiten. Der anschließende Aufenthalt auf der Intensivstation tut sein Übriges – durch akustische Stressreize auf der einen Seite und einen Mangel an stimulierenden, angenehmen Geräuschen auf der anderen.

Um die Hirnentwicklung von Frühchen anzukurbeln, spielten Forscher um Lara Lordier von der Universitätsklinik Genf deshalb 20 Kindern, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren worden waren, fünfmal pro Woche kurze, eigens für sie komponierte Musikstücke vor. Die Babys lauschten den Glöckchen, Harfen- und Flötenklängen, die laut einer Vorstudie beruhigend auf Frühchen wirken, beim Aufwachen, beim Einschlafen oder während aktiver Wachphasen.

Beim Verlassen der Frühchenstation oder am errechneten Geburtstermin untersuchten die Forscher das Gehirn der Kinder schließlich im Hirnscanner und verglichen die Ergebnisse mit denen von Babys, die termingerecht zur Welt gekommen waren, sowie mit einer Kontrollgruppe aus Frühchen, die keine Musik gehört hatten. Dabei hatten sie vor allem das so genannte Salienz-Netzwerk im Blick, das unter anderem dabei hilft, Umgebungsreize zu filtern und entsprechende Handlungen zu initiieren. Bei Frühchen ohne Musikintervention war es erwartungsgemäß schwächer ausgeprägt. Das Salienz-Netzwerk jener Frühchen, die regelmäßig mit Musik beschallt worden waren, glich dagegen stärker dem von Kindern, die nach der normalen Schwangerschaftsdauer auf die Welt gekommen waren.

Ob die Klänge auch nachhaltig wirken, ist allerdings noch unklar. Diese Frage will das Team im nächsten Schritt beantworten: Inzwischen sind die ersten Kinder aus der Studie sechs Jahre alt. Weitere Tests sollen jetzt offenbaren, wie sich die Frühgeborenen kognitiv und neurologisch entwickelt haben.

9/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 9/2019

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  • Quelle
PNAS 10.1073/pnas.1817536116, 2019