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Archäologie: Mythos Troia

Die Wanderausstellung "Troia – Traum und Wirklichkeit" reflektiert den Mythos der antiken Königsstadt durch die Jahrhunderte und stellt die neuesten Forschungsergebnisse eines internationalen Wissenschaftlerteams vor.


Die Entdeckung eines konvexen Bronzesiegels 1995 in Troia erwies sich für Archäologen und Historiker als Sensation. Denn das unscheinbare Objekt mit einem Durchmesser von nur zwei Zentimetern trägt luwische Hieroglyphen, also Zeichen derjenigen Schrift, die im riesigen Reich der Hethiter (etwa 1570–1200 v. Chr.) neben der Keilschrift weit verbreitet war. In der mehr als hundertjährigen Geschichte der Troia-Archäologie war dies das erste schriftliche Zeugnis, das die Ausgräber zu Tage förderten.

Das auf Ende des 12. Jh. v. Chr. (Troia VIIb) datierte Siegel wirft zahlreiche Fragen auf. Vor allem: Ist es ein Indiz für politische, soziale und wirtschaftliche Kontakte zwischen der Troas – dem Gebiet um Troia – und den Großkönigen der Hethiter? Wenn ja, wie sahen diese Beziehungen aus?

Der modernen Troia-Forschung geht es in erster Linie darum, die Kultur der einstigen Königsstadt in ihren vielfältigen Beziehungen zu den angrenzenden Staaten der Hethiter, des Balkangebietes, aber auch des östlichen Mittelmeerraumes zu erforschen. Die immensen Erkenntnisse, die bei den neuen Grabungskampagnen seit 1988 über die Troas gewonnen werden konnten, stehen den Entdeckungen Heinrich Schliemanns aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dabei in nichts nach.

Im Gegenteil: Die Arbeiten des internationalen Projekts unter der Leitung von Manfred Korfmann von der Universität Tübingen in und um Troia ergeben eine immer differenziertere Sicht auf den antiken Ort. Dem über viele Jahrhunderte lang gültigen romantischen Traum aus den Schriften Homers erwächst mit der Fülle der neuen Fakten eine komplexe Wirklichkeit. So sind auf dem durch die Grabungen von Schliemann berühmt gewordenen Hisarlik-Hügel heute beispielsweise insgesamt zehn Siedlungsperioden chronologisch zu unterscheiden (Troia I–X) – Untergliederungen noch nicht einmal mitgezählt (allein für Troia I wurden 14 Bauphasen festgestellt).

Auch die im Jahr 1988 aufgefundene Außensiedlung des 17. bis 13. Jh. v. Chr. (Troia VI/VIIa), deren Bebauung zunächst aus Holzhäusern, später dann aus hohen Steingebäuden bestand, lässt erkennen, dass die Stadt schon im 2. Jahrtausend v. Chr. weitaus größer war als bisher angenommen. Rund 270000 Quadratmeter muss das Siedlungsgebiet in jener Zeit umfasst haben. Troia I/II – also die so genannte Maritime Troia-Kultur (etwa 3000 –2200 v. Chr.) – schätzen die Archäologen inklusive der Unterstadt auf rund 90000 Quadratmeter. Heute besteht kein Zweifel mehr daran, dass die Stadt über viele Jahrhunderte hinweg ein Wirtschafts-, Handels-, Produktions- und Verkehrszentrum von überregionaler Bedeutung war.

Lässt sich auch der von Homer überlieferte Troianische Krieg historisch nachweisen? Korfmann gibt sich diesbezüglich optimistisch, wenn er die Übereinstimmungen der Grabungsergebnisse mit den entsprechenden Beschreibungen in Homers "Ilias" als "überraschend" charakterisiert. Mit den Ergebnissen der letzten Jahre dürfte zumindest eine Basis dafür geschaffen sein, um der Lösung dieser Frage einen Schritt näher zu kommen.

Wichtiger aber für die moderne Archäologie ist die Frage nach der Einbindung Troias in den anatolischen Kulturkreis. Noch bis vor kurzem galt die Königsstadt als "griechisch". Der Engländer John Davis Hawkins und der Deutsche Frank Starke konnten 1996 unabhängig voneinander nachweisen, dass der Ort Wilusa, der in zahlreichen hethitischen Staatsdokumenten belegt ist, mit Homers Ort Ilios (im Griechischen ursprünglich Wilios genannt) identisch ist. Seitdem erscheinen die Reste der einstigen Bebauung des heute noch 15 Meter hohen Hisarlik an der Meerenge in völlig neuem Licht.

Zahlreiche weitere Ergebnisse der neuesten Grabungen – etwa die Datierung einer im Jahre 1997 untersuchten heiligen Quellhöhle im Bereich der ehemaligen Unterstadt – führen fast zwingend zu dem Schluss, dass Troia um 2200–1700 v. Chr. (Troia IV/V) als eine Kultur von Anatolien – genauer: als Vasallenstaat der Hethiter – verstanden werden muss. Die über Jahre hin gültige Sicht einer Zugehörigkeit der Troas zum griechischen Kulturkreis erfährt damit eine wesentliche Erweiterung (siehe Spektrum der Wissenschaft 7/2000, S. 66).

Selbst mit Ägypten könnten die Troianer Beziehungen gepflegt haben. Darauf weist ein 1998 in Troia gefundener Keulenkopf aus hellgrüner bis weißer Fayence hin, der wohl aus der Zeit von 2300–2200 v. Chr. stammt. Immerhin war Fayence als Werkstoff im Land der Pharaonen häufiger anzutreffen als anderswo. Das besagte Stück könnte die Zeremonialwaffe einer bedeutenden Persönlichkeit gewesen sein.

Wie sich Architektur und Bebauung der von Schliemann und seinen beiden Nachfolgern Wilhelm Dörpfeld und Carl Blegen in den Jahren 1893/94 beziehungsweise 1932/38 untersuchten Akropolis von Troia über die Zeitläufte veränderten, dies kann man inzwischen anhand dreidimensionaler Computermodelle, die den aktuellen Wissensstand widerspiegeln, fast lückenlos nachvollziehen. Die Ausstellung "Troia – Traum und Wirklichkeit" gibt hierzu reichlich Gelegenheit.

Die Faszination von Troia, das seit Dezember 1998 als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco steht, währt seit über 3000 Jahren. Nicht nur die Römer, sondern auch fast alle europäischen Länder des Mittelalters suchten ihre Anfänge durch eine bis auf Troia und seine Helden zurückreichende fiktive Genealogie zu legitimieren. Die Ausstellung mit ihren rund 600 Exponaten widmet sich auch diesem Aspekt der legendenumwobenen Stadt.



Die Ausstellung "Troia – Traum und Wirklichkeit" ist noch bis 17. Juni im Forum der Landesbank Baden-Württemberg in Stuttgart zu sehen. Geöffnet montags 14–18 Uhr, dienstags und mittwochs 10–18 Uhr, donnerstags bis sonntags 10–21 Uhr. Weitere Stationen: Braunschweigisches Landesmuseum und Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig (14.7.–14.10.2001) sowie Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Bonn (16.11.2001–17.2.2002).

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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