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Nachgehakt: Das zähe Leben der Kalten Fusion



Erinnern Sie sich noch? Vor über einem Jahrzehnt, im März 1989, trat der angesehene Elektrochemiker Martin Fleischmann mit seinem jüngeren Kollegen Stanley Pons an der Universität von Utah vor die Presse, um eine wissenschaftliche Sensation zu verkünden. In einem simplen Glasgefäß hatten die beiden bei Raumtemperatur angeblich Atomkerne des Wasserstoff-Isotops Deuterium verschmolzen – ein Prozess, den die Natur nur im Herzen der Sonne bei unvorstellbar hohen Drücken und Temperaturen zu Wege bringt.

Ähnliche Bedingungen in irdischen Fusionsreaktoren zu schaffen ist seit Jahrzehnten das Ziel aufwendiger internationaler Forschungsprojekte. Als ferner Lohn der gigantischen Mühe winkt eine Form der Energieerzeugung, deren Wirkungsgrad unsere Sonne tagtäglich vor Augen führt.

Doch Fleischmann und Pons zufolge genügte es, durch ein Glas mit "schwerem Wasser" – in dem Deuterium den üblichen Wasserstoff vertritt – mehrere Stunden lang elektrischen Strom zu leiten, um in einer Palladium-Elektrode Deuterium einzulagern und dort zur Fusion zu zwingen. Als Indiz für die Kernverschmelzung galt das plötzliche Auftreten zusätzlicher Wärme, die gelegentlich sogar das Palladium zum Schmelzen brachte. Zudem wurden schwache Gammastrahlen und geringe Mengen von Helium sowie des Wasserstoff-Isotops Tritium als Indiz für Fusionsvorgänge interpretiert.

Das Problem war – neben der physikalischen Unwahrscheinlichkeit – die Unbeständigkeit der Resultate. Manche Teams fanden beim Versuch, die vermeintliche Kalte Kernfusion zu replizieren, niemals Überschusswärme, andere nur hin und wieder. Auch die Gamma-, Helium- und Tritiumwerte waren uneindeutig. Die meisten Forscher wandten sich bald achselzuckend anderen Themen zu. Fleischmann und Pons verschwanden aus dem Rampenlicht der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Das Thema schien erledigt.

Wirklich? Genau genommen wurde die Kalte Fusion ebenso wenig bewiesen wie falsifiziert. Fleischmann und Pons ließen sich 1993 in Südfrankreich nieder, wo sie einige Zeit lang, gesponsert vom Autokonzern Toyota, an elektrochemischen Systemen zur Kernfusion weiterforschten. Mehrere Wissenschaftler erproben bis heute verschiedene Kombinationen von Palladium und schwerem Wasser in der Hoffnung, doch noch den Heiligen Gral der Fusion im Wasserglas zu erringen. Fleischmanns Glaube ist ungebrochen. Er sieht sich als Opfer einer Verschwörung des Schweigens, hinter der er einerseits die Erdölkonzerne vermutet, welche die Konkurrenz seiner alternativen Energiequelle fürchten, andererseits das Militär, das eine "Kernfusion für jedermann" verhindern will.

In der Tat ist die Kalte Fusion nicht passé, sondern führt ein Schattendasein in der Grauzone zwischen Militärforschung, Hobbywissenschaft und Spinnerei. Auf kleiner Flamme finanzierte die US-Marine zehn Jahre lang mehrere Projekte zur Energiegewinnung mittels Kalter Fusion. Das Space and Naval Warfare Systems Center der US-Navy in San Diego veröffentlichte im Vorjahr eine umfangreiche Studie, die einräumt, dass in vielen Fällen auf ungeklärtem Wege Überschussenergie erzeugt worden sei (New Scientist, 29. März 2003).

Allerdings hat die Navy-Studie eher den Charakter eines Nachrufs. Einzelne Wissenschaftler – meist Chemiker – zweigen dennoch mit Duldung ihrer Institutionen Forschungsmittel für Palladium-Deuterium-Experimente ab oder forschen im privaten Kellerlabor. Sie veranstalten Kongresse und publizieren hin und wieder in Fachzeitschriften für Elektrochemie – oder in Infinite Energy.

Die Zeitschrift Infinite Energy, großenteils finanziert vom Sciencefiction-Autor Arthur C. Clarke ("2001 – Odyssee im Weltraum"), hat mit normaler Wissenschaft wenig am Hut. Sie ist offen für die abstrusesten Spekulationen – vom Anzapfen der quantenphysikalischen Vakuumenergie über Alchemie bis eben zur Kernfusion im Wasserglas.

Fast alles spricht dafür, dass die Kalte Fusion eine Schimäre ist, die am Rande der normalen Wissenschaft umhergeistert und dabei – wenn auch erstaunlich langsam – verblasst. Doch auf der Suche nach diesem Gespenst und bei den Versuchen, es zu vertreiben, sind einige Phänomene beobachtet worden, die bis heute der Erklärung harren. Höchstwahrscheinlich steckt dahinter keine "neue Physik", sondern ein anekdotisches Zusammentreffen jeweils besonderer Umstände: winzige Verunreinigungen der benutzten Palladium-Elektrode und die Eigenart ihrer Kristallstruktur nahe der Oberfläche, Spuren von natürlichem Tritium und anderen ra­dioaktiven Substanzen. Solche "Schmutzeffekte" übergeht die normale Wissenschaft nonchalant, selbst wenn sie sie nicht umfassend zu erklären vermag.

Mitunter erweist sich ja ein vermeintlicher Schmutzeffekt als Keim einer wissenschaftlichen Revolution. Das geschieht selten, aber es kommt vor – sonst würden wir noch heute auf dem geozentrischen System beharren und die Bewegungen der Himmelskörper mit immer neuen Epizykeln erklären. Das lange Leben der Kalten Kernfusion erinnert daran, dass solche Revolutionen nicht aus dem Herzen der normalen Wissenschaft kommen, sondern von ihren verachteten Rändern.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2003, Seite 94
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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