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Nachgehakt: Kein KO-Sieg für Knockout-Ferkel

Schweine als Organspender für den Menschen? Trotz der jüngsten Erfolgsmeldung ist der Weg dahin noch weit.


Rund einmal in der Woche macht ein Thema aus dem Bereich der Biotechnologie (im weitesten Sinne) Schlagzeilen, und der erste Hit dieses Jahres waren die genmanipulierten Ferkel mit den menschenfreundlichen Organen – frisch aus dem Stall des inzwischen von Arthrose geplagten Genschafs Dolly. Mancher spürte im Geiste schon ein Schweineherz in seiner Brust schlagen. Doch so weit sind wir noch lange nicht. Es stimmt, dass die Möglichkeit der Transplantation von schweinischen Organen auf menschliche Empfänger das langfristige Ziel dieser Forschungsarbeiten ist. Doch auf dem Weg dahin wurde jetzt nur das allererste von sehr vielen Hindernissen ein bisschen zur Seite geschoben – nicht einmal ganz ausgeräumt.

Es handelt sich um ein Enzym, das eine bestimmte Art von Zuckermolekül an die Membranproteine des Schweins anklebt. Die süßen Anhängsel ragen dann wie Wimpel aus der Oberfläche der Zelle heraus. Beim Versuch, ein normales Schweine-Organ zu transplantieren, würde das menschliche Immunsystem alle Schweinezellen anhand dieses Zuckers sofort als fremd erkennen und systematisch bekämpfen. Innerhalb von Minuten wäre das Transplantat abgetötet.

Die Forscher bei der Firma PPL Therapeutics in Edinburgh und eine amerikanische Arbeitsgruppe haben nun unabhängig voneinander Ferkel geschaffen, denen eine Ausfertigung des Gens fehlt, das für die Präsentation dieses Zuckers notwendig ist. Da die Chromosomen der Schweine jedoch ebenso wie unsere paarweise auftreten, verbleibt den Schweinchen noch die zweite Version.

Im nächsten Schritt müssen die Forscher also den zu Weihnachten geworfenen weiblichen Ferkeln zu ebenso inaktivierten männlichen Spielgefährten verhelfen. Wenn beide sich dann ganz naturgemäß paaren, trägt nach Gregor Mendel statistisch ein Viertel des Nachwuchses das störende Gen überhaupt nicht mehr. Erst diese Ferkel wären echte Knockout-Schweine, wie Genetiker mit ihrem Sinn für makabren Humor Tiere nennen, bei denen sie einen Erbfaktor erfolgreich außer Gefecht gesetzt haben.

Bis dieser Schritt gelingt, kann niemand wissen, ob Schweine ohne den Oberflächen-Zucker überhaupt überlebensfähig sind. Mäuse brauchen ihn nicht, aber das ist noch lange keine Garantie dafür, dass auch Schweine ohne ihn auskommen. Und selbst wenn er sich als entbehrlich erweist, müssen erst noch Tierversuche mit Affen erweisen, ob die vom Zucker befreiten Schweineorgane wirklich weniger stark abgestoßen werden. Es wäre gut denkbar, dass sich hinter diesem größten Hindernis einige weitere verbergen. Zum Beispiel könnten andere feine Unterschiede zwischen den Zellen von Schwein und Mensch zur Abstoßung nicht nach Minuten, sondern erst nach Stunden oder Tagen führen. Für die Transplantationshoffnungen wäre das ebenso katastrophal.

Selbst wenn alle diese Hindernisse eines Tages wegkloniert und die Schweine immer noch überlebens- und zuchtfähig wären, bliebe ein weiteres Risiko: dass zusammen mit den Organen Viren transplantiert werden, die im Erbgut der Tiere versteckt sind und auf diesem Weg die Artenbarriere überspringen könnten. Folglich bräuchte man noch eine Methode, diese Gefahr hundertprozentig auszuschließen. Allgemein müssten Spenderschweine wesentlich strikteren Gesundheitskontrollen unterliegen als Tiere, die wir lediglich aufessen.

Waren die vorweihnachtlichen Klonferkel also ein Meilenstein? Wohl eher nicht. Sie markieren nur den ersten Schritt auf einer weiten Reise. Geben wir den Forschern noch zehn Jahre, vielleicht können sie dann mit transplantierbaren Organen aus Schweinen aufwarten.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002, Seite 15
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002

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