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Nachgehakt: Muss Musil modern?



In seinem jüngsten Buch "Sieben Wegbereiter", das soeben bei DVA erschienen ist, unternimmt Marcel Reich-Ranicki – dank unentwegter Fernsehpräsenz populärster deutscher Literaturkritiker – den Versuch, den bislang als Klassiker der Moderne anerkannten Schriftsteller Robert Musil posthum als "gehässigen" Neidhammel und "schamlosen" Plagiator zu entlarven. In der auf den ersten Blick unbegreiflichen Verunglimpfung offenbart sich bei näherem Hinsehen Reich-Ranickis pauschale Allergie gegen jede "moderne" Literatur. Denn dieser Kritiker verabscheut seit jeher alle Texte, die dem Umstand Rechnung tragen, dass eine von moderner Technik und Naturforschung revolutionierte Wirklichkeit sich nicht mehr mit den literarischen Mitteln des 19. Jahrhunderts beschreiben lässt. Darum mag die Leichenschändung auch ein Nachgehakt in dieser Zeitschrift verdienen.

Musil war zunächst Naturwissenschaftler; er studierte Physik und promovierte in Psychologie über den Physiker und Philosophen Ernst Mach. Musils Hauptwerk, der unvollendete Roman "Der Mann ohne Eigenschaften", umkreist mit einem funkelnden Figurenreigen das "moderne" Epochenproblem, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebieterisch stellte: Wie lebt es sich in einer Welt, die durch beschleunigten technischen Wandel und Schwindel erregende Umwälzungen des wissenschaftlichen Weltbilds aus den Fugen gerät, während Gefühl, Moral, Politik und "Seele" im Postkutschenzeitalter verharren?

Schon im ersten Absatz des "Mann ohne Eigenschaften" wird dieses Thema leichthin angeschlagen und von da an durch die Romangestalten vielstimmig variiert. Diese Melodie ist auch Reich-Ranicki nicht ganz entgangen. Doch in völliger Verkennung der ironischen Haltung Musils zum so genannten wissenschaftlichen Fortschritt konstatiert der rasende Kritiker: "Sein naiver Glaube an die Erlösung der Menschheit durch die exakten Wissenschaften, der ihn ja in seinen frühen Jahren bezaubert hatte, ließ mit der Zeit keineswegs nach."

Vom Großkritiker weithin unbemerkt, widmet sich ein "moderner" Strang der Literatur schon seit langem dem Problem, wie eine Welt zu beschreiben sei, die sich immer weniger dem Augenschein und der Alltagssprache erschließt, dafür desto mehr der Methodik einer Naturerforschung, die ihre Resultate letztlich nur in der Sprache der Mathematik zu formulieren vermag. Schon im 18. Jahrhundert schrieb der Physiker Lichtenberg darüber ironische Gedankensplitter in seine "Sudelbücher", darunter den gegen alle Augenscheindenker gerichteten Satz "Die Hauptsache ist immer unsichtbar".

Im 19. Jahrhundert schilderte Georg Büchner – er verfasste eine wissenschaftliche Arbeit über das Nervensystem der Fische – etwa in der verblüffend "modernen" Erzählung "Lenz", wie seinen Personen der naive Bezug zwischen Bewusstsein und Realität verloren geht. Und Zeitgenossen Musils wie Hugo von Hofmannsthal im "Lord-Chandos-Brief", Rainer Maria Rilke in der Erzählung "Malte Laurids Brigge", ganz zu schweigen von Franz Kafka, behandeln die "moderne" Krise, den Zerfall des gewohnten Zusammenhangs von Wahrnehmung, Sprache und Wirklichkeit.

Der auf traditionelle Vollbluterzähler abonnierte Großkritiker tadelt die "Unanschaulichkeit der Sprache Musils" als Kunstfehler. Der posthume Verriss gipfelt darum in der Behauptung: "Die Wahrheit ist: 'Der Mann ohne Eigenschaften' war misslungen und Musil tatsächlich ein ganz und gar gescheiterter Mann."

Zum Beweis berichtet Reich-Ranicki, Musil habe seinen prominenten Zeitgenossen wie Thomas Mann den literarischen Erfolg missgönnt; denn er selbst lebte, während er, "vom mehr oder weniger manischen Sendungsbewusstsein geblendet", an seinem Hauptwerk schrieb, in einer "ärmlichen Wohnung ohne fließendes Wasser". Noch viel schwerer wiegt Reich-Ranickis Vorwurf, Musil habe an allzu vielen Einfällen gelitten: Es sei "gerade die Fülle der Details, der Einfälle, die Musils Werk so fragwürdig macht".

Vor allem aber sei Musil so ganz und gar nicht modern – "... nur da, wo er ... traditionell erzählt, gelingen ihm Kapitel von beachtlicher oder gelegentlich auch hoher Qualität". Insbesondere sei ein vermeintliches "Hauptstück des Romans", der Inzest der Geschwister, ein alter Hut: "Gerade diesem Handlungsstrang lässt sich schwerlich Modernität und auf keinen Fall Originalität nachrühmen. Der Inzest ist ein Urmotiv, ein ehrwürdiger Topos der Weltliteratur, besonders oft als Versatzstück verwendet ... Im 'Mann ohne Eigenschaften' folgt Musil in dieser Hinsicht ganz und gar der Tradition, um nicht zu sagen: der Konvention."

Diese Beweisführung für Musils angebliche Unmodernität ist schon deshalb ohne Substanz, weil die Musil-Forschung heftig darüber streitet, ob der Autor den Inzest im Roman überhaupt vorkommen lassen wollte. Jedenfalls geht der Vorwurf völlig an der Frage vorbei, ob Musil "modern" ist oder nicht. Musils eigentliches Thema muss einem ja nicht schmecken – Reich-Ranicki mag toben wie der Suppenkaspar –, aber sofern der Begriff der Moderne einen Sinn hat, kreist er über der Kluft zwischen abstrakter Naturwissenschaft und Sinnenwelt, die niemand so umfassend, originell und unterhaltsam ausgeleuchtet hat wie Robert Musil.

Reißwolf Reich-Ranicki hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihn an der Literatur einzig deren Unterhaltungsfunktion interessiert. Dieses populistische Dogma bläht die Segel seiner enormen Popularität, treibt ihn aber auf seine alten Tage auch in gefährliche Untiefen. Literatur muss nicht immer nur unterhaltsam das bestätigen, was wir schon wussten. Sie darf auch experimentieren, neue Formen erproben, die Welt etwa mit Forscheraugen sehen. Wem diese Anstrengung, die sich zur Unterhaltungsliteratur ähnlich verhält wie die Grundlagenforschung zum marktreifen Produkt, allzu mühsam ist, der muss davon nichts lesen. Wer aber solche Literatur aus dem Kanon der Moderne verbannen möchte, der richtet sich als Kritiker selbst.

Der von Reich-Ranicki zum einsamen End- und Höhepunkt der deutschsprachigen Literatur erhobene Thomas Mann war für Musils Modernität empfänglicher. Über den "Mann ohne Eigenschaften" urteilte er: "Dies funkelnde Buch, das zwischen Essay und epischem Lustspiel sich in gewagter und reizender Schwebe hält, ist gottlob kein Roman mehr – ist es darum nicht mehr, weil, wie Goethe sagt, 'alles Vollkommene in seiner Art über seine Art hinausgehen und etwas anderes Unvergleichliches werden muss'."

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2002, Seite 16
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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