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Nachgehakt: Paralleluniversen – reine Spekulation?



Gibt es eine Kopie von Ihnen, die gerade diesen Artikel liest? Sind Sie ein Hologramm? – Ist das Ihr Ernst?

Mit dem ersten Satz begann der Artikel "Paralleluniversen" in unserem Augustheft, mit dem zweiten lockte der Titel im November. Mit dem dritten Satz reagierten – so oder ähnlich – zahlreiche Leser.

Vor allem Max Tegmark, Kosmologe und Quantentheoretiker, provozierte mit seinen Überlegungen zum vierstufigen Multiversum recht ungehaltene Briefe. Aber auch Jacob Bekenstein, renommierter Schöpfer der Entropieformel für Schwarze Löcher, erregte mit seiner "holografischen" These, vielleicht seien wir in Wahrheit Flachlandbewohner und bildeten uns die dritte Dimension nur ein, heftigen Widerspruch. Ob wir uns noch als Spektrum der Wissenschaft verstünden, fragten manche, oder neuerdings als Forum für haltlose Spekulationen?

Tatsächlich grenzen sich die Naturwissenschaften seit je von spekulativer Naturphilosophie ab. Schon Galilei forderte dazu auf, nicht in philosophischen Schriften nach dem richtigen kosmologischen Modell zu suchen, sondern durch ein Fernrohr Planeten und Monde zu beobachten. Doch sind damit kühne gedankliche Schlüsse von vornherein tabu? Giordano Bruno wurde einst für seine – damals rein spekulative – Ahnung von der Unendlichkeit des Universums, mit unzähligen Welten wie der unseren darin, noch auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Tegmark erntet heute für seine Entfernungsschätzung einer Doppelgänger-Erde empörte Leserbriefe.

Die Provokation der Artikel von ihm und Bekenstein besteht darin, dass sie quantenphysikalische und kosmologische Theorien beim Wort nehmen. Sind solche Theorien nur Gedankenspiele? Oder sagen sie mehr über die Wirklichkeit aus, als wir mit unseren Sinnen und dem "gesunden" Menschenverstand zu erfassen vermögen? Unsere Intuition weiß heute wie vor tausend Jahren klipp und klar, dass die Sonne auf steiler Bahn die ruhende und flache Erde umrundet. Spielt nur eine Theorie für Sternengucker mit dem Gedanken, dass die Erde um die Sonne kreist, oder ist das wirklich so?

Der Quantenphysiker Tegmark rechnet mit Zustandsfunktionen. Sie sind für ihn wirklich, obwohl sie sämtliche "möglichen" Messergebnisse enthalten, von denen jeweils nur eines pro Messung "wirklich" herauskommt. Aber was ist hier möglich, was wirklich? Tegmark entledigt sich dieser spekulativen Frage, indem er alles physikalisch Relevante als wirklich behandelt. "Letztlich müssen wir uns entscheiden", schreibt er, "was wir verschwenderischer und uneleganter finden: viele Welten oder viele Worte."

Bekenstein schließt aus seiner Berechnung der Entropie Schwarzer Löcher, dass die in einem Volumen maximal enthaltene Information proportional zur Oberfläche dieses Volumens ist. Daraus folgert er, dass die gesamte im Volumen gültige Physik völlig äquivalent zu einer ganz anderen, nur auf der Oberfläche geltenden Physik sein muss. Wiederum kann man auf dem Standpunkt stehen, das sei ein spekulatives Gedankenspiel, bestenfalls geeignet, gewisse Rechenaufgaben für Theoretiker zu erleichtern. Doch Bekenstein nimmt sein Resultat beim Wort und überlegt: Wenn wir physikalisch völlig äquivalent zu einer zweidimensionalen Physik sind, was hindert uns dann an der Folgerung, wir seien wirklich "flach" wie ein holografischer Film?

Es ist eine ironische Konsequenz der antispekulativen Parole "Zu den Sachen selbst!", dass der zu Beginn der empirischen Naturforschung gegen die Spekulation mobilisierte Augenschein – "Seht doch selbst!" – mit der Zeit immer mehr das Nachsehen hat. Quantenphysik und Kosmologie sind so unanschaulich, dass ihre avanciertesten Theorien wie entrückte Spekulationen anmuten. Doch gerade der Abstand zwischen Intuition und Theorie zeigt, wie weit wir schon gekommen sind.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003, Seite 25
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003

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