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Nachgehakt: Transgene Insekten als Helfer in der Landwirtschaft?


Organismen mit eingeschleusten fremden Genen – „transgene“ Lebewesen – könnten für viele Konflikte des Menschen mit anderen Arten Auswege bieten. Die Tragweite solchen Eingreifens in die Natur dürfte sich allerdings niemals völlig ermessen lassen.

Die Wissenschaftszeitschrift „Science“ nannte kürzlich den Einzug der Gentechnologie in die Landwirtschaft eine Revolution. Kulturpflanzen mit artfremden Genen wurden 1998 weltweit bereits auf rund 28 Millionen Hektar angebaut: vor allem Sojabohnen, Mais, Baumwolle, Raps und Kartoffeln. Die meisten dieser transgenen Linien bilden Abwehrstoffe gegen Schädlinge oder sind gegen bestimmte Herbizide resistent. Experten erwarten, daß ihr Anbau in den nächsten fünf Jahren auf das Dreifache ansteigen wird.

74 Prozent dieser Flächen liegen in den USA, der Rest hauptsächlich in Argentinien und Kanada. Die Vereinigten Staaten führen auch die allermeisten der kontrollierten, wissenschaftlich beobachteten Freisetzungsversuche mit transgenen Pflanzen durch. Doch selbst in Deutschland wurden seit 1990 bereits mehr als 500 Genehmigungen erteilt. Sie betrafen vorwiegend Versuche an Zuckerrüben, Raps, Mais und Kartoffeln.

Die erste gentechnische Revolution in der Landwirtschaft hat kaum angefangen, da zeichnet sich in der Ferne schon die nächste ab. Noch während die Auseinandersetzungen um Nahrungspflanzen mit eingebauten fremden Genen andauern, laborieren Forscher nun auch mit genmanipulierten Insekten. Ein Ziel dieser Experimente ist, Insektenschädlinge

direkt auszuschalten statt transgene Pflanzen zu entwickeln, die dann die gewünschten Insektizide bilden. „Biologische“ Schädlingsbekämpfung also mit Hilfe der Gentechnik?

Noch betreffen mehr als 98,5 Prozent der Freisetzungsstudien mit gentechnisch veränderten Organismen Pflanzen. Daß transgene Insekten für die Landwirtschaft noch nicht zur Verfügung stehen, hat praktisch-technische Gründe. Erst jetzt nämlich haben die Wissenschaftler brauchbare Verfahren gefunden, wie sich in Insekteneier Gene fremder Arten einbauen lassen (siehe Titelthema Seite 36). Es wird zwar noch Jahre dauern, bis Landwirte solche Insekten – oder auch andere transgene Gliederfüßer wie Raubmilben – einsetzen können. Dann aber würden diese, so jedenfalls die Wunschvorstellung, eine relativ sanfte Alternative zu bisherigen Bekämpfungsmaßnahmen bieten.

Das Zeitalter gentechnisch veränderter Organismen in großem Maßstab scheint unausweichlich. Aber auch wenn der Transgenik in vielen ihrer Bereiche Erfolg zu wünschen ist, fällt einem dazu doch oft Goethes Zauberlehrling ein: „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.“ Nachdenklich stimmt etwa die Meldung in diesem Sommer, daß Schweizer Behörden nun pflanzliche Produkte als „genrein“ zulassen (müssen), wenn weniger als ein Prozent davon durch transgene Sorten „verschmutzt“ ist. Lieferungen von nicht-transgenem Mais-Saatgut aus den USA hatten geringe Mengen transgener Körner enthalten, vermutlich bedingt durch Pollenverfrachtung von Feldern mit genverändertem Mais.

Ob leichtsinnig, fahrlässig oder im Fall von Rodung und Ackerbau gezwungenermaßen – oft schon hat der Mensch massiv in Ökosysteme eingegriffen, und später hat er angerichtete Schäden durch neue Eingriffe mit häufig wiederum unwiderruflichen Folgen zu reparieren versucht. Das Erfordernis, eine wachsende Weltbevölkerung ernähren zu müssen, darf dennoch nicht zu Experimenten mit der Natur verleiten, die später bedauert werden.

Gerade Wissenschaftler sind manchmal allzuleicht verführt, über der Kompliziertheit ihres Untersuchungsobjekts seine Komplexität zu vergessen. Solange Zusammenhänge wegen der Faktenfülle nur kompliziert sind, lassen sie sich letztlich wissenschaftlich erfassen. Das eigentliche Geschehen in biologischen Systemen unterliegt aber überaus komplexen Gesetzmäßigkeiten, die sich aus dem Verhalten der Komponenten nur selten zuverlässig vorhersagen lassen. Daß selbst scheinbar simple Genfunktionen in dieser Hinsicht keine Ausnahme darstellen, betonen Experten auch jetzt wieder nachdrücklich.

Die Auswirkungen der Pflanzengenomik auf die Umwelt sind, wenn man ehrlich ist, heute noch nicht hinreichend abgeklärt. Nach einer neuen Studie des US-Landwirtschaftsministeriums ist nicht einmal der Verbrauch an Umweltgiften bei transgenen Pflanzenkulturen durchgehend gesunken, obwohl gerade dies oft versprochen wurde. Schreckensmeldungen der letzten Zeit über ungewollte Wirkungen der genveränderten Organismen scheinen zwar übertrieben. Doch die Freisetzungsexperimente bringen derzeit noch zu viele Überraschungen, wie etwa die ersten Freilandstudien mit transgenen Raubmilben in den USA 1996 zeigten. Die manipulierten Milben konnten sich in der Natur unerwarteterweise nicht behaupten, obwohl umfangreiche Laborergebnisse das Gegenteil hatten erwarten lassen. Die Gentechniker müssen sich der Frage stellen, wieweit sie bei solchen Tests das Stadium von Versuch und Irrtum bereits hinter sich haben. Ökosysteme sind für Experimente zu schade. Und eben das ist das Dilemma der Genforschung: Die Freilandstudien sollen ja gerade erst die Funktionsweise in einer komplexen Umwelt aufzeigen. Sind Genetiker, zumal wenn sie auch ökonomischen Zwängen unterliegen, immer willens, sich diesem Konflikt zu stellen?


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
9 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999

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