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Nachgehakt: Zeit der Wunder

BSE, das besonders schwere Erwachen


Etwas Gutes hat BSE: Wir lernen, uns wieder zu wundern. Dass tote Tiere der Aufzucht neuer Generationen von Schlachtvieh dienten – war das nicht verwunderlich (und auch ein wenig gruselig)? Dass Leberwurst aus deutschen Landen nicht nur frisch, sondern gelegentlich auch mit Hirn auf den Tisch kommt – Überraschung! Und dass dem Stück Filet ein Kettensägenmassaker in der Großschlachterei vorausgeht, bei dem Rückenmark nur so spratzt – wer hätte das gedacht?

Das Wunderbarste an allem aber ist unsere eigene Verwunderung. Nach all den kleinen und großen Umweltkatastrophen scheinen wir immer noch an das Gute im Menschen zu glauben, insbesondere daran, dass kleine und große Unternehmen von humanitären Erwägungen, nicht von den Bedingungen des Marktes getrieben werden. Und weil dem so ist, leben in unserer Vorstellung Abertausende von Rindern und anderem Vieh unter artgerechten Bedingungen, gesund ernährt und durch Bewegung an der frischen Luft vor Krankheiten geschützt. Sie ster-ben einen friedlichen Tod auf dem Schlachthof, werden dann fachärztlich begutachtet und anschließend liebevoll mit scharfem Stahl tranchiert, um letztlich keimfrei in den Auslagen zu landen.

Das Verwunderlichste aber ist, dass die, die es eigentlich wissen müssten, ebenfalls überrascht scheinen. Jeder Tierarzt, der seinen Dienst auf dem Schlachthof versieht, weiß, wie ein Metzger dort einen Leichnam halbiert. Doch Verwunderung scheint ansteckender als BSE. Und wenn ich den Gedanken so weiterspinne, dann staune ich noch über eines: Wie bei einem Reaktorunglück zu verfahren sei, ist tausendfach dokumentiert, doch Pläne für den Nahrungs-Gau – von dem wir nicht mehr so weit entfernt sind – gibt es wohl nicht. Zeit wird es.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001

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