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Risiko-Management: Naturkatastrophen - Auffangnetz Rückversicherung


Ausgeprägte und rasche Veränderungen der Erdoberfläche infolge etwa von Beben, Vulkanausbrüchen oder Lawinen, Überschwemmungen oder Orkanen sind natürliche Ereignisse und somit zunächst nicht ungewöhnlich. In besiedelten Regionen bedrohen sie jedoch Menschen, Gemeinwesen und Wirtschaft. Erfordern ihre Folgen gar überregionale oder internationale Hilfe, spricht man gemeinhin von Großkatastrophen (Bilder 1 und 2).

Versicherungen decken einige derartige Gefahren schon seit Beginn der Industrialisierung vor rund 200 Jahren ab. Doch Zahl und Wert der Objekte in kritischen Gebieten nahmen rasch zu, so daß auch große Schäden immer wahrscheinlicher wurden.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mußten sich denn auch die meist regional tätigen Erstversicherer ihrerseits bei global agierenden Gesellschaften rückversichern, um die Risiken zu streuen und die Leistungen besser kalkulierbar zu machen. Großkatastrophen wie das Erdbeben von San Francisco 1906 hätten eine rein regional oder national tätige Assekuranz ruiniert. Nur durch weltweiten Risikoausgleich und entsprechende Erhöhung der Deckungskapazitäten läßt sich in hoch exponierten Ländern überhaupt noch ausreichender Versicherungsschutz gegen die finanziellen Auswirkungen von Naturkatastrophen gewährleisten.

So waren beispielsweise bei dem Erdbeben in Mexiko 1985 und bei dem Hurrikan "Gilbert" in Jamaika 1988 mehr als 98 Prozent der Schäden rückversichert, bei den Winterstürmen in

Europa 1990 immerhin rund zwei Drittel und beim Hurrikan "Andrew" in Florida 1992 etwa die Hälfte. Gezahlt wurden jeweils viele Milliarden Mark, die allerdings selbst den Rückversicherungsmarkt erheblich in Bedrängnis brachten. In den Jahren danach wurden deshalb als sogenannter alternativer Risikotransfer zusätzliche Finanzierungsinstrumente an den klassischen Kapitalmärkten – Banken und Börsen – entwickelt. Dazu gehören Katastrophenanleihen, die dem Anleger gute Zinserträge bringen, solange die schuldnerische Versicherungsgesellschaft keinen Schaden einer definierten Größe zu begleichen hat.


Welche Gefahren drohen?

Beteiligt an der zeitlichen und geographischen Umverteilung von Katastrophenrisiken sind also viele Akteure, vom Versicherungsnehmer über den Erst- und Rückversicherer sowie den Investor bis hin zu dem zur Fürsorge verpflichteten Staat. Für sie alle ist es heute wichtiger denn je, die Gefährdungen durch Naturkatastrophen vorausschauend gut einzuschätzen. Nur so lassen sich nämlich kostendeckende Prämien und realistische Schadenspotentiale errechnen, an denen sich dann unter anderem die Preisgestaltung sowie die Wachstums- und die Rücklagenstrategie der Versicherungswirtschaft ausrichten müssen.

Die betreffenden Risiken sind noch weitaus vielfältiger als eingangs skizziert. Je nach der geographischen Region gibt es ein mehr oder weniger breites beziehungsweise bedrohliches Spektrum latenter Naturgefahren:

- meteorologische wie Stürme, Starkregen, Hagel- und Blitzschläge, Hitze- oder Kältewellen, Glatteis und Schneestürme, Nebel und Smog sowie Wald-, Busch- und Steppenbrände,

- hydrologische wie Überschwemmungen, Sturzfluten, Muren, Eisstaus und Gletscherwasserausbrüche,

- geologische wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Erdrutsche und Felsstürze,

- astronomische wie Meteoriteneinschläge sowie Effekte von kosmischer Strahlung und Sonnenwind, schließlich

- biologische wie Seuchen, Schädlingsbefall und Pflanzenkrankheiten.

Die meisten solchen Ereignisse können bei einer gewissen Stärke, wenn sie mit hoher Bevölkerungs- und Wertedichte zusammentreffen, katastrophale Folgen haben.

In den letzten Jahrzehnten scheinen Häufigkeit und Schwere extremer Naturereignisse stark zugenommen zu haben. Die Indizien dafür sind allerdings wegen der großen natürlichen Schwankungsbreite nur selten statistisch gesichert (Bild 3). Eine Steigerung von Risiken wird aber in Anbetracht vielfältiger Umstände plausibel:

- Die Bevölkerungsdichte und die damit verbundene Konzentration von Werten in urbanen Ballungsräumen wächst; so hat sich die Zahl der Millionenstädte in aller Welt seit 1950 vervierfacht, in den Entwicklungsregionen sogar versechsfacht.

- Auch stark gefährdete Landstriche, insbesondere Küstenzonen, werden dicht besiedelt und industrialisiert.

- Moderne Gesellschaften basieren immer mehr auf Hochtechnologien, die aber von Naturkatastrophen besonders betroffen werden können, wie beispielsweise das Erdbeben von Kobe (Japan) 1995 verdeutlicht hat.

- Umweltbedingungen werden durch menschliche Aktivitäten destabilisiert; Beispiele sind Eingriffe in Flußsysteme, die Abholzung der Regenwälder und die wahrscheinliche Verstärkung des atmosphärischen Treibhauseffekts. Manifestiert sich tatsächlich eine anhaltende globale Erwärmung, rechnet die Versicherungswirtschaft zumindest langfristig mit einer – regional sehr unterschiedlich ausgeprägten – Häufung von Hitzewellen und Dürren, Überschwemmungen und Sturzfluten, Hagelschlägen, Stürmen und sonstigen Unwettern, Sturmfluten, Erdrutschen und Bergstürzen. Außerdem könnte ein fortschreitender Abbau der stratosphärischen Ozonschicht die Biosphäre erheblich schädigen.

Die Schäden durch große Naturkatastrophen haben jedenfalls in den Jahrzehnten seit 1960 – inflationsbereinigt – auf das Achtfache zugenommen, wobei wegen der zusätzlich erhöhten Versicherungsdichte sogar fünfzehnmal so viel zu bezahlen war wie damals (Bild 3). Schon Ende dieses Jahrzehnts werden im Durchschnitt etwa 170 Milliarden Mark pro Jahr infolge der zahlreichen kleinen und großen Naturereignisse zu leisten sein; weit mehr als eine Billion Mark

allerdings können einzelne schwerste Katastrophen kosten. Entsprechenden Worstcase-Szenarien zufolge würden extrem starke Erdbeben in Japan und Kalifornien oder besonders verheerende Hurrikane an der amerikanischen Ostküste möglicherweise weltweit Folgen für Banken und Versicherungen haben: Eine Wiederholung des Bebens, das 1923 mit der Stärke 8,3 auf der Richter-Skala die Kanto-Ebene an der Pazifikküste der

japanischen Hauptinsel Honshu erschütterte, schlüge heutzutage wohl mit drei Billionen Dollar zu Buche, denn diese Region ist mit den Zentren Tokio und Yokohama eines der wirtschaftlichen Kerngebiete des Landes. (Damals kamen vermutlich 142000 Menschen zu Tode; weil die meisten Wasserleitungen zerstört waren und der Großteil der Wohnhäuser aus leicht entzündlichen Materialien bestand, konnten sich Brände, angefacht durch einen nahenden Taifun, besonders rasch ausbreiten.)


Die Prognostik

Eine weit vorausschauende Risikoeinschätzung ist also bei der Prämienkalkulation und – noch wichtiger – bei der Absicherung der übernommenen Schadenspotentiale durch Bildung von Rücklagen unbedingt erforderlich. Dabei sind zum einen Besonderheiten der Versicherungsbedingungen wie Deckungsumfang, Ausschlüsse und Selbstbeteiligungen zu berücksichtigen, zum anderen Eigenheiten der Sparten wie Gebäude-, Hausrat-, Gewerbe-, Industrie-, Transport-, Auto- und Luftfahrtversicherung sowie der regionalen Versicherungsmärkte – eine Gebäudeversicherung in Tokio unterscheidet sich von einer in Berlin erheblich.

Basis der meisten Risikoanalysen sind nach wie vor Beobachtungsdaten der Vergangenheit; diese liegen in der Regel für einige Jahrzehnte, im günstigsten Fall schon seit Beginn des Jahrhunderts vor. So lassen sich anhand kontinuierlicher Wind- und Niederschlagsmessungen Wahrscheinlichkeiten und Schadenspotentiale für Stürme beziehungsweise Überflutungen abschätzen (Bild 4). Extreme Naturereignisse in noch früherer Zeit sind oft ausreichend genau beschrieben worden, daß man sie in solche Kalkulationen einbeziehen kann. Außerdem gibt es für die überwiegende Zahl der ausgewerteten Parameter gesicherte statistische Beziehungen, etwa zwischen Intensität, Dauer und Häufigkeit von außergewöhnlich heftigen Niederschlägen an einem Ort oder in einer Region; das erlaubt eine Extrapolation auf seltene Extremereignisse.

Trotzdem sind solche Schlüsse ebenso wie die Bewertung historischer Katastrophen nicht unproblematisch; häufig können sich Geowissenschaftler, welche die Versicherungswirtschaft zunehmend beschäftigt, und ihre Kollegen in Forschungseinrichtungen oder Beratungsfirmen darüber nur schwer einigen.

Inzwischen verfügen sie alle jedoch über Computerprogramme wie geographische Informationssysteme, welche die Daten der verschiedenen wissenschaftlichen und versicherungstechnischen Eingangsgrößen inhaltlich und räumlich verknüpfen. So läßt sich beispielsweise auf den denkbaren Zugbahnen von Orkantiefs über Westeuropa das jeweilige Sturmfeld abstecken und den versicherten Werten pro Ort oder Postleitzahlengebiet überlagern, um Erwartungswerte für die Schäden zu ermitteln. Das Ergebnis ist eine Schaden-Häufigkeits-Funktion für einzelne Versicherungsobjekte – von den Versicherern bezeichnenderweise Risiko genannt – beziehungsweise für den gesamten Bestand an Policen, das Portefeuille.

Die Entscheidung, welche Verlustwahrscheinlichkeit ein Versicherungsunternehmen seiner Geschäftspolitik zugrunde legen will, wieviel es also zu riskieren bereit ist, können die Geowissenschaftler den Kaufleuten freilich nicht abnehmen. Sie leisten jedoch mittlerweile einen wichtigen Beitrag, den Umfang des Engagements gerade in hochgefährdeten Gebieten und den dafür einzufordernden Preis so zu kalkulieren, daß auch extreme Katastrophen die Existenz eines Versicherungsunternehmens – und damit auch seine Zahlungsfähigkeit gegenüber den Versicherten – nicht in Frage stellen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1998, Seite 101
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1998

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