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Naturwissenschaftler gegen Wissenschaftstheoretiker - ein Krieg zwischen den zwei Kulturen?


Naturwissenschaftler scheinen – dies sei hier einmal unterstellt – nicht allzu oft darüber nachzudenken, was eigentlich das Wesen ihrer Tätigkeit ausmacht, welcher Sinn darin zu sehen ist und inwieweit ihre oftmals immer abstrakter werdenden Forschungsergebnisse für ihre gewöhnlichen Mitmenschen überhaupt relevant sind – kurz, welchen Platz ihre Disziplin in unserer Kultur einnimmt. Wer einen Nobelpreis bekommt oder vielleicht auch ohne diesen ein Alter erreicht hat, in dem man ihm (seltener auch ihr) gewisse Freiheiten der Meinungsäußerung zugesteht, läßt sich eventuell ein Bonmot einfallen, das allseits mit Amüsement notiert wird; ein multiples Talent wie der Erfinder der Anti-Baby-Pille, Carl Djerassi, mag sogar Romane darüber schreiben, doch im großen und ganzen bleiben derartige Grenzüberschreitungen Ausnahmen. Die Wissenschaftler, die sich im globalen Konkurrenzkampf nach dem Motto publish or perish um ihre nächste Veröffentlichung und ihren nächsten Förderantrag mühen, sind meist viel zu beschäftigt, um sich mit Wissenschaftsphilosophie abzugeben. In äußerster Erklärungsnot kann man schließlich immer noch die Klassiker von Karl Popper ("Die Logik der Forschung") und Thomas S. Kuhn ("Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen") aus dem obersten Regalfach holen.

Darum ist es nicht verwunderlich, daß sich andere dieser Fragen annahmen. Aus dem lobenswerten Bestreben, Studierenden der Naturwissenschaften ein wenig gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein einzuimpfen und die von C. P. Snow beklagte Kluft zwischen den "zwei Kulturen" zu überbrücken, entstanden Ende der sechziger Jahre an zahlreichen Universitäten – insbesondere in Großbritannien und den Vereinigten Staaten – Lehrstühle und Institute für science and technology studies. Dort begannen Soziologen, Philosophen und Wissenschaftshistoriker zu erforschen, wie denn wissenschaftliche Erkenntnisse zustande kommen und wie sie sich ge-gen konkurrierende Erklärungsversuche durchsetzen.

Die Subjekte dieser Forschung nahmen diese zunächst überhaupt nicht zur Kenntnis, begannen dann Anfang der neunziger Jahre ein wenig zu grummeln und haben seit vergangenem Jahr die Wissenschaftstheoretiker in einer Weise unter Beschuß genommen, welche die renommierte Zeitschrift "Nature" veranlaßte, die Diskussion als science wars zu bezeichnen (Band 387, Seiten 331 bis 335, 22. Mai 1997). Aber wer bekriegt hier wen, und warum?

Wenn man die Entstehung der umstrittenen Ideen historisch aufdröseln will, muß man wohl zumindest in die Gründerzeit der sogenannten Edinburgh-Schule zurückgehen, die aus dem Zusammentreffen des Soziologen Barry Barnes, des Philosophen David Bloor und des Historikers Steven Shapin in der Science Studies Unit der Universität Edinburgh (Schottland) hervorging. Die drei Geisteswissenschaftler entwickelten ein Programm der Wissenschaftsstudien, das unter anderem vorsieht, daß man die soziale Dynamik wissenschaftlicher Auseinandersetzungen untersucht, ohne dabei in Betracht zu ziehen, welche Theorie sich letztlich als richtig erweisen wird – so als wolle man die Regeln eines unbekannten Kartenspiels durch Zuschauen ergründen, ohne sich dafür zu interessieren, wer gewinnt. Diese Vorgehensweise ist auch dem Bemühen von Historikern verwandt, Geschichte nicht -wie früher üblich – aus der Perspektive der Sieger zu betrachten.

Wenn man nach dieser auch als Symmetrie-Prinzip bezeichneten Methode vorgeht und auf alle spätere Einsicht in den Wahrheitsgehalt der konkurrierenden Theorien verzichtet, kommen folglich in der Beschreibung einer wissenschaftlichen Debatte Begriffe wie Wahrheit und Fortschritt nicht vor. (Da bei Beginn einer Kontroverse noch ungewiß ist, was sich später als Erkenntnis durchsetzen wird, läßt sich auch die Richtung des Fortschritts nicht festlegen.)

Gegner der Edinburgh-Schule – und dazu zählen nicht nur Naturwissenschaftler, sondern zum Beispiel auch der prominente Wissenschaftssoziologe Bruno Latour – interpretieren die Nichtbeachtung dieser Konzepte offenbar als eine verdeckte Aussage dahingehend, daß Wissenschaft nicht ein stetes Annähern an eine wahre Welterklärung sei, sondern lediglich ein soziales Konstrukt, eine Art Vereinbarung. Demnach hinge das Wohl und Wehe wissenschaftlicher Theorien nicht so sehr von ihrem Wahrheitsgehalt ab, sondern von der Bereitschaft einflußreicher Personen, für sie einzutreten. In historischen Beispielen wie dem Fall Galileo Galilei ist diese Art der Wahrheitsfindung durch die jeweiligen Machthaber durchaus vertraut; doch die meisten Wissenschaftler glauben vermutlich daran, daß sich heutzutage tatsächlich die experimentell belegbare Wahrheit durchsetze.

Viele Soziologen sind sich dessen allerdings nicht so sicher. Trevor Pinch von der Universität Southampton (England) und Harry Collins von der Cornell-Universität in Ithaca (New York) zum Beispiel vergleichen die Wissenschaft mit dem Golem, einem hirnlosen, von Menschenhand erschaffenen Monster aus der jüdischen Mythologie. In ihrem Buch "The Golem: What Everyone Should Know about Science" untersuchten sie die Reaktion des orthodoxen Wissenschaftsbetriebs auf vorgebliche und als potentiell revolutionär angesehene Neuentdeckungen wie etwa die der kalten Kernfusion, und zogen den Schluß, daß solche gleichsam ketzerischen Behauptungen oft bereits vor ihrer formellen Widerlegung von der Orthodoxie in Grund und Boden gestampft wurden – was mit rationalen Wissenschaftstheorien à la Popper nicht in Einklang zu bringen wäre. Und Andrew Pickering betrachtet die andere Seite der Medaille. Er nimmt sich in "Constructing Quarks" direkt der heute etablierten Quarktheorie der Teilchenphysik an und sucht nachzuweisen, daß deren Erfolg auf einem sozialen Konstrukt beruhte.

Diese konstruktivistische Interpretation des Kulturphänomens Wissenschaft hat manche Naturwissenschaftler sehr erzürnt und aus der Reserve gelockt. Der Biologe Paul Gross und der Mathematiker Paul Levitt etwa versuchten in ihrem 1994 erschienenen Buch "Higher Superstitions: the Academic Left and its Quarrels with Science" die Soziologen sozusagen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Ein gleichgesinnter Physiker, Alan Sokal, katapultierte die Diskussion auf die Titelseite der einflußreichen "New York Times" – mit einer Aktion, die nach Meinung vieler die Grenzen der Fairneß überschritt. Ganz im (absichtlich falsch verstandenen) Geiste der zitatenfreudigen Postmoderne stückelte er einen eigenen wissenschaftssoziologischen Beitrag aus Zitaten berühmter Geisteswissenschaftler zusammen und reichte ihn bei der Zeitschrift "Social Text" ein, welche die Fälschung tatsächlich abdruckte. Selbstverständlich hat Sokal damit nichts bewiesen, außer daß eine für Soziologen herausgegebene Zeitschrift in einem Falle nicht aufgepaßt hat. (In ähnlicher Weise gelang es dem Molekularbiologen und Nobelpreisträger Kary Mullis in seiner Doktorandenzeit, einen Artikel mit wilden Spekulationen zur Kosmologie in "Nature" unterzubringen, und niemand würde daraus schließen, daß kosmologische Beiträge in dieser Zeitschrift allgemein Quatsch sind.)

Was Sokal mit seiner Fälschung allerdings in einem Ausmaß gelang, das ihn selbst überraschte, war das Hochheizen der Diskussion, die bereits seit Erscheinen des "Golem" und erst recht seit dem ersten Gegenschlag von Gross und Levitt in Gang gekommen war. In der von der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft herausgegebenen "Physics Today" brachen die science wars zuerst aus und griffen dann auch über auf "Nature", "Le Monde" und "Die Zeit". Manche Naturwissenschaftler gingen in ihren Beiträgen so weit, ihren geisteswissenschaftlich orientierten Kollegen jegliche Kompetenz abzusprechen, über das Wesen der Naturwissenschaften eine Aussage treffen zu können.

Ein etwas sachlicherer Ton kam in die Debatte, als sich die Physiker Kurt Gottfried und Kenneth G. Wilson von der Cornell-Universität in einem Essay mit der Edinburgh-Schule und vor allem mit dem "Golem" und "Constructing Quarks" auseinandersetzten ("Nature", Band 386, Seiten 545 bis 547, 10. April 1997). In einer Antwort darauf begrüßten Collins und Pinch das Interesse der Naturwissenschaftler an einer fairen Diskussion und diagnostizieren, daß zwischen den "zwei Kulturen" nur mehr Flüsse und keine Ozeane lägen, so daß ein Brückenbau zumindest im Prinzip möglich scheine ("Nature", Band 387, Seiten 543 bis 546, 5. Juni 1997). Man ist sich insofern nähergekommen, als die Soziologen inzwischen Verständnis für die Sorgen der Physiker bekunden, während Gottfried und Wilson einräumen, daß Wissenschaft teilweise von kulturell bedingten Entscheidungen abhänge.

Nur ein wesentlicher Kritikpunkt bleibt im jüngsten Diskussionsbeitrag von Gottfried und Wilson übrig: Sie befürchten, daß das Laienpublikum, an das sich Bücher wie das von Collins und Pinch richten, die Differenzierungen und quantitativen Einschränkungen der Soziologen überlesen. Echte Laien und insbesondere Jugendliche, so glauben Gottfried und Wilson, würden nur die plakativ übertriebenen Botschaften wahrnehmen und weiterverbreiten – wie etwa die, daß die moderne Naturwissenschaft nur ein kulturelles Konstrukt oder nur eine Welterklärung unter vielen sei. Damit wäre – als mögliche Basis für ein friedliches Zusammenleben – das Problem auf ein anderes, wohlbekanntes und untersuchtes reduziert, nämlich die Frage, wie man dem Laienpublikum vermitteln kann, was Naturwissenschaft heutzutage bedeutet und wie sie uns nützt. Wenn die so schreib- und diskussionsfreudigen Geistes- und Naturwissenschaftler dieses bedeutende Problem gemeinsam angehen könnten, wäre wohl allen geholfen.

Kasten: Personen der Handlung (in der Reihenfolge ihres Auftretens)

Carl Djerassi, amerikanischer Chemiker österreichischer Herkunft. Ihm gelang 1951 die Synthese eines steroidalen oralen Kontrazeptivums; sein erster Roman ("Cantors Dilemma"), in dem er selbstironisch und treffend die Eitelkeiten der Wissenschaftler beschreibt, erschien 1991. Karl R. Popper (1902 bis 1994), britischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker österreichischer Herkunft. Er begründete in seinem ersten Hauptwerk ("Die Logik der Forschung", 1935) den kritischen Rationalismus, der bis zum Aufkommen der Ideen von Thomas S. Kuhn die dominierende Strömung in der westlichen Wissenschaftstheorie blieb. Ihm zufolge sind selbst fundamentale Prinzipien der Wissenschaft nur bewährte Hypothesen, die bislang alle Widerlegungsversuche überstanden haben, sich eines Tages aber als falsch erweisen könnten. Der wissenschaftliche Fortschritt sei ein stetiger Prozeß, der wertfrei ablaufe, für den also nur wissenschaftsinterne vernunftmäßige Gründe ausschlaggebend seien. Thomas S. Kuhn (1922 bis 1996), amerikanischer Wissenschaftshistoriker und -theoretiker. Grundlegend für die noch andauernde Diskussion über das Fortschreiten der Wissenschaft ist sein Werk "The Structure of Scientific Revolutions" (1962; deutsch: "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen"). Im Gegensatz zu Poppers kritischem Rationalismus hielt er die Wissenschaftsentwicklung nicht für eine kontinuierliche Anhäufung immer größerer Mengen von Wissen, sondern für einen Prozeß, in dem es immer wieder radikale Brüche – sogenannte Paradigmenwechsel – gebe. Durch diese verändere sich die Gesamtheit (das Paradigma) aller eine Disziplin bis dahin beherrschenden Grundauffassungen hinsichtlich der Methode und der Interpretationen der wichtigsten Begriffe. C. P. (Charles Percy) Snow (1905 bis 1980), britischer Physiker und Schriftsteller. In seinem Romanzyklus "Strangers and Brothers" (deutsch "Fremde und Brüder") thematisierte er die Machtverhältnisse in Wissenschaft und Politik zwischen Eigeninteresse und gesellschaftlicher Verantwortung; 1959 setzte er sich in "The Two Cultures and the Scientific Revolution" (deutsch "Die zwei Kulturen") mit den Folgen der gesellschaftlichen Kluft zwischen Naturwissenschaftlern und Ingenieuren einerseits und Geisteswissenschaftlern andererseits auseinander und löste dadurch eine kontroverse Diskussion aus. Der Soziologe Barry Barnes, der Philosoph David Bloor und der Historiker Steven Shapin begründeten Anfang der siebziger Jahre die sogenannte Edinburgh-Schule. Shapin lehrt heute an der Universität von Kalifornien in San Diego. Barnes und Bloor veröffentlichten zusammen mit John Henry eine Bestandsaufnahme des Edinburgh-Konzepts: "Scientific Knowledge: a Sociological Analysis" (1996). Bruno Latour: französischer Soziologe, der die konstruktivistischen Theorien ablehnt und unter anderem auch die Praxis der Naturwissenschaften im Labor untersucht; offenbar deswegen scheiterte 1991 seine Berufung an das Institute for Ad-vanced Study in Princeton. Trevor Pinch und Harry Collins veröffentlichten 1993 das Buch "The Golem: What Everyone Should Know about Science", dessen Aussagen von Naturwissenschaftlern hart angegriffen wurden. Andrew Pickering ist Autor des 1984 erschienenen Buchs "Constructing Quarks: A Sociological History of Particle Physics". Der Biologe Paul Gross und der Mathematiker Paul Levitt heizten die Debatte mit ihrem Buch "Higher Superstitions: the Academic Left and its Quarrels with Science" (1994) an. Der Physiker Alan Sokal veröffentlichte 1996 einen getürkten wissenschaftssoziologischen Beitrag in der Zeitschrift "Social Text". Die amerikanischen Physiker Kurt Gottfried und Kenneth G. Wilson von der Cornell-Univerität in Ithaca (New York) setzten sich in der "Nature"-Ausgabe vom 22. Mai 1997 mit den Ideen der Edinburgh-Schule auseinander.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1997, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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