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Neue Bedrohungsszenarien

Nur verstärkte internationale Zusammenarbeit kann das Risiko mindern, dass zum Bau von Kernwaffen benötigtes Material in die Hände von Terroristen fällt.


Lange Zeit galt die Vorstellung, Terroristen könnten radiologische Waffen oder gar Kernwaffen einsetzen, als abwegig. Doch auch in dieser Hinsicht hat nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ein Umdenken eingesetzt. Wer auf einen tief greifenden wirtschaftlichen Schaden oder eine möglichst hohe Zahl von Opfern aus ist, der würde wohl auch nicht vor einer ­radioaktiven Verseuchung großer Stadtgebiete oder gar der Zündung einer Atombombe zurückschrecken.

Vergleichsweise einfach wäre eine radiologische Waffe herzustellen. Aber auch ein primitiver Kernsprengkörper in der Hand von Terroristen ist denkbar. Eine solche Höllenmaschine wäre zwar groß, schwer und im technischen Sinne nicht besonders effektiv – aber ihre Zerstörungskraft könnte durchaus an diejenige der Hiroshima-Bombe heranreichen.

Für den Bau einer nuklearen Waffe bräuchten die Terroristen zunächst einmal viel Geld, ähnlich wie El Kaida. Sodann müssten sie eine Arbeitsgruppe aus gut ausgebildeten Physikern und Ingenieuren beauftragen, die Zündtechnik experimentell zu erproben. Dies würde mehrere Jahre beanspruchen sowie ein Versuchsgelände erfordern, auf dem konventionelle Explosionen in großer Zahl durchgeführt werden könnten. In dieser Phase würde noch kein hochangereichertes Uran als Spaltmaterial benötigt. Die Zündversuche könnten zunächst mit anderen, nicht waffentauglichen Materialien durchgeführt werden, wie zum Beispiel mit Natur-Uran.

Diese experimentelle Phase wäre nicht im Untergrund, sondern nur unter dem Schutz eines Staates durchzuführen. Denn die Zündversuche ließen sich nicht verbergen. Anders jedoch der nächste Schritt: Der Einbau von Spaltmaterial in den Kernsprengkörper wäre relativ unauffällig zu bewerkstelligen. Vo­raussetzung wäre lediglich, dass die Terroristen irgendwie in den Besitz von hochangereichertem Uran gekommen sind. (Plutonium eignet sich zwar ebenfalls als Spaltmaterial für eine Atombombe, doch sind die erforderliche Zündtechnik und die Handhabung des Materials viel komplizierter.)

Ob die Terrororganisation El Kaida bereits über diese Fähigkeiten zum Bau einer Kernwaffe verfügt, ist nicht genau bekannt. Immerhin hatte sie in Afghanistan lange genug Unterschlupf gefunden, um die Zündtechnik entwickeln zu können. Und Osama Bin Laden hat deutliches Interesse an Kernwaffen gezeigt: Es sei "eine religiöse Pflicht, sich diese Waffen zu verschaffen, und eine Sünde, es nicht zu versuchen".

Letztlich hängt das Ausmaß der terroristischen Bedrohung mit Kernsprengkörpern oder radiologischen Waffen davon ab, wie leicht sich die nuklearen Materialien beschaffen ließen. Um das Risiko zu verringern, muss man also dort ansetzen, wo diese Substanzen lagern. Nach wie vor gibt vor allem die Situation in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion Anlass zur Sorge. Dort sind noch nicht einmal die genauen Bestände bekannt. Auch sind viele Depots nur unzureichend gesichert. Nachweislich hat es mehrere Diebstahlversuche gegeben – insbesondere solche, an denen Bin Laden beteiligt war. Bereits Mitte der 1990er Jahre wurde festgestellt, dass waffentaugliches Nuklearmaterial tatsächlich verschwunden ist. 1998 bestätigten russische Regierungsbeamte, dass versucht worden sei, 18,5 Kilogramm hochangereichertes Uran aus einer Kernwaffenfabrik herauszuschmuggeln – eine Menge, die durchaus für einen Sprengkopf ausgereicht hätte. In diesem Fall wurden die Täter rechtzeitig gefasst. Doch wie viele Fälle sind unentdeckt geblieben? Haben Terroristen gar schon genügend Spaltmaterial für eine Kernwaffe zusammen? Auszuschließen ist das nicht.

Das Problem liegt vor allem in den Ursprungsländern. Doch weil sich die meisten keine aufwendigen Kontrollmaßnahmen leisten können, ist eine internationale Zusammenarbeit erforderlich. Vor allem in Russland ist der physische Schutz vieler Anlagen noch immer ungenügend. Die Gehälter der ehemals privilegierten Mitarbeiter können oft nicht mehr bezahlt werden – was manchen dazu verleiten könnte, für andere Auftraggeber tätig zu werden. Und trotz des fortschreitenden Abbaus der Kernwaffenarsenale nimmt das Inventar an Plutonium und hochangereichertem Uran nicht ab. Denn es werden zwar Sprengköpfe zerstört, das Spaltmaterial aber bleibt erhalten.

Die internationale Gemeinschaft leistet bereits Hilfe. Schon kurz nach Ende des Kalten Krieges initiierten die USA das Cooperative Threat Reduction-Programm (CTR). Mehrere Milliarden US-Dollar wurden bereits aufgewandt, um Kernsprengköpfe zu inventarisieren, sie weit von Konfliktherden entfernt zu lagern, ihre Unfallsicherheit zu verbessern oder sie zu zerstören. Auch werden Waffenkonstrukteure in anderen Projekten weiter beschäftigt oder sozial abgesichert, um zu verhindern, dass sie in Drittländer abwandern oder ihr Wissen weitergeben. Der Schutz, die Kontrolle und die Bilanzierung von kritischen Materialien werden verbessert und die Exporte sensitiver Technologien strenger geregelt.

Andere westliche Länder spezialisieren sich zumeist auf kleinere Projekte. Indes übersteigt die finanzielle Hilfe der Europäischen Union für den allgemeinen wirtschaftlichen Aufbau in Russland die Aufwendungen für die CTR-Aktivitäten bei weitem. Besonders fruchtbar ist die Zusammenarbeit bezüglich des Internationalen Technologiezentrums in Moskau. Die USA, Japan und die EU haben diese Einrichtung, die zivile Projekte für ehemalige Kernwaffenwissenschaftler fördert, von 1992 bis 2000 mit rund 500 Millionen US-Dollar unterstützt.

Dennoch ist die Gefahr, die von den in Russland lagernden Nuklearmaterialien ausgeht, noch nicht gebannt. Hinzu kommt, dass der physische Schutz solcher Materialien und die Sicherung von Nuklearanlagen weltweit sehr unterschiedlich gehandhabt werden. Manche Länder haben Terrorismus oder ­Sabotage noch nicht einmal in ihren Gefährdungskatalog aufgenommen. Kein internationales Abkommen verpflichtet Staaten, ihr waffentaugliches Material vor Diebstahl oder ihre Nuklearanlagen vor Sabotage zu schützen. Nur für internationale Transporte sind gewisse Vorkehrungen festgelegt.

In den letzten Jahren hat sich immer stärker die Erkenntnis durchgesetzt, dass verpflichtende Standards erarbeitet werden müssen. Die Vorschläge für einen verbesserten physischen Schutz, die eine von der Internationalen Atomenergie­behörde (IAEO) eingesetzte Expertengruppe erarbeitete, sind derzeit Gegenstand internationaler Verhandlungen. Die IAEO führt zudem ein umfangreiches Programm zum Schutz gegen Nuklearterrorismus durch: Es umfasst zum Beispiel Trainingskurse und Arbeitstagungen, Datenbanken, Koordination technischer Unterstützungsprogramme und Hilfestellung bei der Umsetzung neuer Standards und Abkommen.

Allerdings ist der physische Schutz von Nuklearmaterial nur ein sicherheitsrelevanter Aspekt. Ebenso wichtig ist eine korrekte Bilanzierung des Materials, um Abzweigungen entdecken zu können. Hierfür gibt es internationale Standards, allerdings nur in Nichtkernwaffenstaaten, die Sicherungsmaßnahmen der IAEO unterliegen. In diesen Ländern wird der gesamte Brennstoffkreislauf regelmäßig kontrolliert. Diese Transparenz hat dafür gesorgt, dass die Bestände der Nuklearmaterialien in den Nichtkernwaffenstaaten sehr genau erfasst sind.

Leider fehlt eine vergleichbare Verpflichtung der Kernwaffenstaaten. Zwar werden Großbritannien und Frankreich regelmäßig von Euratom kontrolliert, doch gerade die Staaten mit den größten Beständen, USA und Russland, sind zu keinerlei Transparenz verpflichtet – ebenso wenig wie China und ebenso wenig wie Indien, Pakistan und Israel, die nicht Mitglied im Nichtverbreitungsvertrag sind. Darum ist nach wie vor unbekannt, wie viel Plutonium und hochangereichertes Uran weltweit vorhanden ist und wo es lagert. Man kann nur schätzen, dass es mindestens 450 Tonnen Plutonium und über 1700 Tonnen hochangereichertes Uran sind (siehe Tabelle). Tatsächlich hat eine Inventur des Plutoniums in den USA vor einigen Jahren einen Fehlbestand von über 2,5 Tonnen ergeben – eine Folge mangelnder Sorgfalt bei der Materialbuchhaltung.

Die internationale Gemeinschaft sollte sich deshalb nicht nur um weltweit verbindliche hohe Standards für den physischen Schutz von Nuklearmaterial bemühen, sondern auch um Transparenz der Bestände und Anlagen in den Kernwaffenstaaten und in den Ländern außerhalb des Nichtverbreitungsvertrags.

Literaturhinweise


Die Rolle der Europäischen Union in der Abrüstung von russischen Massenvernichtungswaffen. Von Kathrin Höhl, Harald Müller und Annette Schaper. HSFK-Report, Nr. 10, 2002.

Bio- und Nuklearterrorismus. Eine kritische Analyse der Risiken nach dem 11. September 2001. Von Alexander Kelle und Annette Schaper. HSFK-Report, Nr. 10, 2001. (Erhältlich unter www.hsfk.de)

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 32
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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