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Eismann: Neue Befunde: Die Herkunft von Ötzi

Dem steinzeitlichen Gletschermann aus den Ötztaler Alpen entlocken Forscher immer noch spektakuläre neue Fakten zu Leben und Sterben. Pflanzenanalysen kreisen nun sei­nen letzten Wohnort und den wirklichen Todeszeitpunkt ein. Rätselhaft bleiben Ötzis Beruf und die Todesursache.


Seit fast zwölf Jahren beschäftigt die Gletschermumie vom Hauslabjoch der Ötztaler Alpen die Fantasie von Laien und Experten. Noch nie konnte die Wissenschaft einen derartig hervorragend erhaltenen Toten solch hohen Alters untersuchen, noch dazu mitsamt Kleidung und Ausrüstung. Als Bergsteiger am 19. September 1991 die Leiche in über 3000 Meter Höhe nahe bei der italienisch-österreichischen Grenze fanden, ragten nur die Schultern, der obere Rücken und der Hinterkopf aus dem Eis.

Die sofort informierten Behörden dachten zuerst an einen der vielen alljährlich vermissten Alpinisten, die manchmal nach Jahren oder Jahrzehnten wieder aus Alpengletschern ausapern. Doch Besucher des Fundorts äußerten den Verdacht, vielleicht stamme dieser Mensch aus dem Mittelalter oder sogar aus noch früherer Zeit. Denn bei ihm lagen ungewöhnliche Gegenstände und Reste sehr altertümlich wirkender Kleidung.

Wenige Tage später konnte die Mumie geborgen werden und wurde nach Innsbruck geflogen. Die dortigen Gerichtsmediziner zogen den Prähistoriker Konrad Spindler von der Universität Innsbruck hinzu – der an den Beifunden sofort erkannte, dass dieser Tote wenigsten 4000 Jahre alt sein musste. Damit ist der Gletschermann sehr viel älter als die Moorleichen aus Norddeutschland und Jütland, die überwiegend aus der Eisenzeit stammen, und sogar älter als die ägyptischen Königsmumien. Wie bald klar wurde, hatte der Mann offenbar all die Jahrtausende im Eis gelegen. In dem ungewöhnlich warmen Spätsommer 1991 schmolz dieses weit genug ab, um ihn halb freizugeben. Dazu trugen in dem Jahr auch beträchtliche Mengen von Saharastaub bei, die sich auf dem Gletscher abgelagert hatten und warme Sonnenstrahlung einfingen.

Bald entwarfen Wissenschaftler und Journalisten Szenarien, wie und wo dieser Mann wohl gelebt hatte und warum er gestorben war. Nach Spindlers Schlussfolgerungen könnte der Tote ein Hirte gewesen sein. Er wäre im Streit verletzt worden und hätte sich daraufhin auf die Hochweiden geflüchtet, wohin er im Sommer seine Schaf- oder Ziegenherden trieb. Allerdings war jetzt schon der Herbst mit eisigen Nächten gekommen. Der Mann legte sich zum Ausruhen in einer Mulde auf einen Fels, schlief vor Erschöpfung ein und wachte nie wieder auf. Nach dieser Theorie schneite die Leiche schnell ein, sodass Aas fressende Tiere nicht an sie herankamen. Anschließend wurde der eingeschneite Tote in dem kalten Klima sehr schnell regelrecht gefriergetrocknet, deswegen der gute Erhaltungszustand. Spindler vermutete auch, der Steinzeitmann sei an derselben Stelle gestorben, wo die Wanderer ihn später fanden.

Weil anfangs niemand den Wert des Fundes ahnte, gingen die Helfer und Schaulustigen bei der Bergung der Mumie und der aufschlussreichen Artefakte zunächst recht grob zu Werke. Sie zertrampelten oder zerbrachen einige der Objekte und beschädigten auch die Leiche selbst, als sie sie mühsam bei widrigem Wetter aus dem Eis schlugen. Dank der günstigen Witterung im folgenden Sommer konnten Archäologen die Stelle jedoch nochmals ausgraben und die nähere Umgebung absuchen. Dabei fanden sie viele weitere wertvolle Details. Besonders die pflanzlichen Materialien – Samen, Blatt- und Holzstückchen sowie verschiedenartiges Moos – sollten sich als sehr informativ erweisen. Spuren von Moos und Pflanzenreste hatten Konservatoren des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz auch vorher schon aus Ötzis Kleidung waschen können.

Nahrungsreste im Darm

Nach über zehn Jahren ergeben die wissenschaftlichen Untersuchungen von uns und einer Reihe unserer Kollegen ein genaueres, teilweise anderes Bild vom Eismann, als es sich anfänglich darbot. Zu den neuen Deutungen verhalfen neben den Pflanzenanalysen der Beifunde wesentlich auch Untersuchungen des Darminhalts der Gletscherleiche, die in den letzten Jahren gelangen.

Die Mumie lag in 3210 Meter Höhe in einer flachen Felsmulde, 92 Meter südlich der Grenze zwischen Österreich und Italien. Ganz in der Nähe führt ein für geübte Wanderer gut erreichbarer Pass, das Hauslabjoch, vom Schnalstal auf italienischer Seite zum Ventertal in Österreich, somit vom Vintschgau in Südtirol zum Ötztal im Norden. Der Tote lag in unnatürlicher Haltung bäuchlings über einem Felsen. Den gestreckten linken Arm hatte er in Schulterhöhe vor dem Körper sperrig scharf nach rechts abgewinkelt. Die rechte Hand war seitlich unter einem schweren Stein verkeilt. Kleidungsfetzen und Habseligkeiten lagen mehrere Meter um ihn herum. Auch diese Stücke waren vor der Bergung größtenteils eingefroren.

Zur Altersfeststellung bestimmten drei Labors die Kohlenstoffisotope von Pflanzenproben und von Gewebeproben der Leiche. Alle drei kamen einhellig auf rund 5300 Jahre. Demnach lebte Ötzi noch in der Jungsteinzeit. Mit 1,59 Metern war der Mann nicht besonders groß, wäre aber unter der heutigen Bevölkerung des Schnalstals nicht als ungewöhnlich klein aufgefallen. Erbgutvergleiche zur Klärung seiner Herkunft verweisen auch eher nach Mitteleuropa, nicht auf den nahe gelegenen Mittelmeerraum.

Da die Todesumstände viele Rätsel aufwerfen, interessierten sich die Forscher stark für die Kondition und die Gesundheit dieses Menschen. Knochenuntersuchungen zufolge wurde Ötzi ungefähr 46 Jahre alt. Er war für seine Zeit also eher schon ein älterer Mann. Seine Zähne waren stark abgenutzt. Sicherlich ging dies auf die damals übliche Ernährung mit Mehl, das viel Steinabrieb enthielt, und das fortgeschrittene Alter des Mannes zurück.

Die gründliche Untersuchung zeigte, dass er statt zwölf nur elf Rippen besaß, eine seltene angeborene Anomalie, die ihn vermutlich nicht beeinträchtigte. Die siebente und achte linke Rippe waren einmal gebrochen gewesen und zu Lebzeiten wieder verheilt. Wie Peter Vanezis von der Universität Glasgow feststellte, ist die rechte Hälfte des Brustkorbs verformt: Möglicherweise sind die dritte und vierte rechte Rippe gebrochen. Wie auch die Fraktur des linken Arms geschah dies aber erst nach dem Tod. Diese beiden Untersuchungsbefunde werden heute neben anderen Indizien als Hinweis darauf gewertet, dass Ötzi nicht als schwer Verwundeter starb, wie Spindler vermutete. Auch das Loch am Hinterkopf entstand nach heutiger Auffassung nachträglich, und zwar durch Druckeinwirkung der Eismassen. Weder scheint es von einem Schlag auf den Schädel herzurühren, wie anfangs angenommen, noch dürfte das Gewebe an dieser Stelle bei gelegentlichem Auftauen verwest sein.

Wahrscheinlich taute die Leiche aber später mehrmals an. Denn die oberste Hautschicht fehlt komplett. Sie dürfte sich im Schmelzwasser gelöst und zersetzt haben. Dabei verlor der Eismann auch Haare und Nägel. Ein einziger loser Fingernagel fand sich noch. Dieser offenbart neben anderen Indizien, dass der Mann, ob er nun eines gewaltsamen Todes starb oder nicht, alles andere als gesund war. Der Nagel weist als Zeichen von Wachstumsstörungen bei schwerer Krankheit drei Querfurchen (Beau-Linien) auf. Demnach war der Tote im letzten halben Jahr seines Lebens dreimal ernstlich krank. Als Letztes muss es ihn zwei Monate vor seinem Tod mindestens zwei Wochen lang besonders schwer getroffen haben. Ob die Peitschenwürmer, deren Eier Horst Aspöck von der Universität Wien im Darm der Mumie entdeckte, dem Mann akut zu schaffen machten, wissen wir nicht, da sich nicht erkennen lässt, wie stark der Befall war. Unter Umständen löst dieser bis fünf Zentimeter lange Darmparasit ruhrartige Durchfälle aus.

Rätselraten um die Tattoos

Die vielen Tätowierungen mit Holzkohlestaub, die in der Lederhaut noch zu sehen sind, hatten vermutlich medizinische Bedeutung. Fast alle bestehen nur aus ein paar einfachen Strichen. Zudem sitzen die meisten an oder dicht bei chinesischen Akupunktur-Punkten beziehungsweise an Stellen, wo den Mann Arthritis geplagt haben könnte: im Kreuzbereich sowie am rechten Knie und an der rechten Fessel. Zu einer mutmaßlichen medizinischen Behandlung von Gelenk- oder Rückenbeschwerden passt jedoch nicht, dass sowohl Vanezis als auch Franco Tagliaro von der Universität Rom auf Röntgenaufnahmen keine merklichen Anzeichen für Arthritis entdeckten.

Am linken kleinen Zeh dürfte der Mann schon zu Lebzeiten Erfrierungen erlitten haben. In Ötzis Kleidung fanden sich Reste zweier Menschenflöhe. Läuse entdeckten die Wissenschaftler nicht. Vielleicht verschwanden sie aber nur mitsamt der Oberhaut und den Haaren.

Die Kleidung und die Habseligkeiten des Geltschermanns brachten viele neue Einblicke in die Lebensweise der damaligen Menschen. Seine erstklassige Ausstattung beweist eindrucksvoll, wie gut diese Leute mit der Natur vertraut waren und sie zu nutzen verstanden. Die Tiere, Pflanzen, Pilze und Gesteine ihrer engeren Umgebung und deren Verwendungsmöglichkeiten kannten sie genauestens. Auch wussten sie sich Rohstoffe von ferneren Orten zu beschaffen, etwa Silex (Feuerstein) oder Kupfererz. Alles, was Ötzi bei sich hatte, war aus dem jeweils bestgeeigneten Material gefertigt.

Der Mann war gegen Wind und Wetter gut gerüstet. Er hatte sich in drei Lagen Kleidung gehüllt. Beinkleider, Lendenschurz und Oberkleid waren sorgsam aus Rothirsch- und Ziegenfell genäht. Den mantelartigen dichten Umhang hatte man aus Gras und Lindenbast gewirkt – Linden liefern besonders lange, zähe Bastfasern. Dazu trug Ötzi eine Bärenpelzmütze. Auch die dick mit Gras gefütterten Schuhe waren mit Bärenfell besohlt, während das Oberleder aus Rothirschfell bestand, wobei die behaarte Seite innen getragen wurde.

Waffen aus besten Materialien

Ötzi trug ein Beil mit einem Eibenschaft und einer Kupferklinge bei sich. (Die härtere Bronze erfand der Mensch erst später.) Auch besaß er ein Messer – einen kleinen Dolch – mit einer Silex-Klinge und einem aus Eschenholz geschnitzten Schaft. Dieses Holz wird noch heute gern für ähnliche Zwecke genommen, da es nicht leicht splittert. Der für den Dolch verwendete Stein stammte aus den 150 Kilometer weiter im Süden gelegenen Monti Lessini bei Verona.

Das Material des erst halbfertigen langen Bogens des Gletschermanns war ebenfalls von erster Qualität: Eibenholz, das sich durch seine besonders hohe Biegsamkeit und Elastizität auszeichnet und noch im Mittelalter für Langbögen verwendet wurde. In einem Fellköcher steckten 14 Pfeile. Allerdings trugen nur zwei davon Feuersteinspitzen und Befiederung, doch diese beiden waren zerbrochen. Dreizehn der Schäfte bestanden aus dem Holz des Wolligen Schneeballs (Virbanum lantana), einer zum Teil auch aus Hartriegel (Cornus sp.). Schneeball treibt sehr harte, dünne und gerade Zweige.

Eine Gürteltasche enthielt ein Feuerzeug: echten Zunderschwamm oder Feuerschwamm – ein harter Baumpilz – sowie Eisenpyrite und einige Feuersteine, mit denen man Funken erzeugen kann. Dazu fand sich ein Retuschierwerkzeug (ein so genannter Druckstab) zum Anschärfen der Feuersteine. Ötzi bewahrte, auf Lederschnüre gefädelt, auch zwei Stücke vom Birkenporling (Piptoporus betulinus) auf. Dieser Baumpilz enthält pharmakologisch aktive Stoffe (Triterpene) und könnte damals als Medizin gedient haben. Des Weiteren fanden sich Teile eines Netzes, der Rahmen einer Rückentrage sowie zwei Behälter aus Birkenrinde. Der eine enthielt Holzkohle und Spitzahornblätter. Wie es scheint, hatte der Mann, in Blätter eingewickelt, Glut transportiert.

Woher war dieser Mensch gekommen? In jener Alpengegend verlaufen die Täler nordsüdlich. Seitlich sind sie durch recht unwegsame steil aufragende Bergzüge geschieden. So kann der Gletschermann den Pass eigentlich nur entweder von Norden oder von Süden erstiegen haben. Die Pflanzenfunde verweisen auf das südliche Tal. Dort siedelten am Eingang des Schnalstals, nahe dem mittelalterlichen Schloss Juval, schon in der Jungsteinzeit Menschen. Juval liegt zwar 2500 Meter tiefer als das Hauslabjoch, ist aber in Luftlinie nur zehn Kilometer entfernt. Die Steinzeitsiedlung wurde nicht ausgegraben und auch nicht genauer datiert, doch bei Juval wachsen etliche der Blütenpflanzen und Moose, die sich bei Ötzi fanden. Nichts spricht dagegen, dass sie dort schon vor 5000 Jahren vorkamen, und möglicherweise lebte der Mann dort.

Zu den Pflanzen, die in seiner Kleidung hafteten, gehört auch das Glatte Neckermoos (Neckera complanata). Wie ein paar andere der Moose, die man bei der Mumie fand, wächst es auch in den Tälern nördlich der Fundstelle, nur liegen die südlichen Standorte wesentlich näher. Bei Juval gedeiht dieses Moos reichlich. Nach Untersuchungen von Wolfgang Hofbauer vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Holzkirchen kommt das Moos in geringerer Menge auch bei Vernagt vor. Der Ort liegt 1450 Meter hoch in nur fünf Kilometer Luftlinie südlich vom Fundplatz. Erst vor wenigen Monaten entdeckte Alexandra Schmidl vom Botanischen Institut der Universität Innsbruck im Mageninhalt des Gletschermanns winzige Blattstückchen Echten Wolfsfußes (Anomodon viticulosus). Auch dieses Moos wächst im unteren Schnalstal, wo es zusammen mit der erstgenannten Art vorkommt.

Falls der Eismann nicht bei Juval lebte, könnte er auch im unmittelbar angrenzenden Vintschgau zu Hause gewesen sein, der in der Jungsteinzeit ebenfalls bewohnt war. Im Norden dagegen, vom Ventertal selbst wie vom gesamten Ötztal, gibt es für diese Phase bislang keine Anzeichen menschlicher Behausungen. Die nächsten bekannten jungsteinzeitlichen Siedlungen liegen sehr viel weiter weg als im Süden. Im unteren Schnalstal wie im Vintschgau war das Klima damals sicherlich günstig, denn es war mindestens so warm wie heute. Ötzis Sippe hätte dort kurze, milde Winter mit wenig Schnee erlebt.

Die letzten Mahlzeiten

Allerdings fand Wolfgang Müller von der australischen National-Universität in Canberra, als er den Zahnschmelz untersuchte, dass der Gletschermann in seiner Kindheit und Jugend offenbar in einer anderen Gegend lebte als später im Erwachsenenalter. Genaueren chemisch-physikalischen Untersuchungen weiterer Forscher zufolge scheint er seine letzten Lebensjahre vorwiegend im Ventertal oder benachbarten Nordtiroler Tälern verbracht zu haben. Sollten sich diese Folgerungen, die auf Messungen von Isotopen und Spurenelementen zurückgehen, bewahrheiten, erschiene das Leben des Gletschermanns in ganz neuem Licht.

Sogar was der Mann in seinen letzten Lebenstagen gegessen hatte, ließ sich teilweise rekonstruieren. Da diese Untersuchungen noch laufen, sind von ihnen noch mehr spannende Ergebnisse zu erwarten. Einer von uns (Oeggl) entdeckte im Magen-Darm-Trakt der Mumie winzige Kleiestückchen von Einkorn (Triticum monococcum). Das Getreide, eine ursprüngliche Weizenart, war fein genug zermahlen, um Brot daraus zu backen. Um Grütze zu kochen, wäre so viel Mühe nicht nötig gewesen. Es fanden sich auch mikroskopische Spuren anderer Pflanzen, die Ötzi gegessen haben muss. Sie sind jedoch noch nicht näher bestimmt.

Eine Gruppe um Franco Rollo von der Universität Camerino (Italien) spürte im Darm mit Erbgut-Analysen Rothirsch- und Steinbockfleisch auf. Dicht bei der Leiche lagen Halswirbelsplitter vom Steinbock und auch eine Schlehe (Prunus spinosa). Möglicherweise hatte der Mann die kleinen essbaren, bitteren Früchte, die Ahnen unserer Pflaumen, getrocknet als Proviant mitgenommen. Der Magen-Darm-Trakt enthielt zudem Spuren mehrerer verschiedener Moose, darunter auch ein wenig vom Glatten Neckermoos. Soweit bekannt, pflegten Menschen niemals Moos zu essen. Zumindest stellten diese Pflanzen bestimmt nie ein Grundnahrungsmittel dar. Doch vor 5000 Jahren wurden Verpackungsmaterialien, Wischlappen, Füll- und Dämmstoffe nicht extra fabriziert. Damals entnahm man, was man brauchte, einfach der Natur. Gerade Moos eignet sich vorzüglich für vielerlei Zwecke. Dass die Menschen es noch im Mittelalter auch als Toilettenpapier benutzten, beweisen viele Latrinenfunde. Es mag sein, dass Ötzi sein Essen in Moos verpackt hatte und dann versehentlich etwas davon mitaß.

Das Isotopenverhältnis bestimmter chemischer Elemente in Knochen und Haaren verrät einiges über die Nahrung eines Menschen. So kann der Anteil von Stickstoff-15 anzeigen, in welchem Maße das Essen von Tieren oder Pflanzen herrührte. Der Anteil von Kohlenstoff-13 kann auf die Menge bestimmter Arten von Pflanzennahrung hinweisen. Es lässt auch erkennen, ob ein größerer Teil der Nahrung aus dem Meer stammte.

Passend zu den übrigen Befunden zeigen auch die Isotopenmessungen, dass der Eismann eine gemischte pflanzlich-tierische Kost gewohnt war. Rund dreißig Prozent des Stickstoffs gewann er aus tierischen Proteinen. Ähnlich ernähren sich heutige Sammler- und Jäger-Kulturen.

Ein großes Rätsel bleibt, was der Gletschermann so hoch in den Bergen zu suchen hatte. War er wirklich ein Schafhirte? Seit Menschengedenken treiben Schäfer im Juni ihre Schafherden aus dem Schnalstal hinauf zu den Hochweiden des Ötztals. Im September bringen sie die Tiere wieder zurück. Die Mumie lag ganz nah bei einem der sicherlich uralten Wege über den Alpenkamm. Trotzdem deutet nichts an Ötzis Kleidung oder Ausrüstung auf einen Schafhirten hin. So trug er keine Wollkleidung. Auch sonst fanden sich weder der typische lange Hirtenstab noch Hinweise auf einen Hütehund, den die Menschen damals schon verwendeten. Zwar tragen Schäfer auf dem Balkan auch heute Mäntel, die dem aus Gras und Bast gewirkten dichten Umhang von Ötzi ähneln. Jedoch war dies damals unseres Wissens die übliche Kleidung Reisender.

Weil die wenigen erhaltenen Haarbüschel des Mannes Arsen und Kupfer in hoher Konzentration aufweisen, kam die These auf, er habe beim Kupferschmelzen gearbeitet. Geoffrey Grime von der Universität Surrey (England) gibt eine andere Erklärung. Demnach sorgten Metall bindende Bakterien nach dem Tod des Mannes für die hohen Metallwerte. Grime wies nach, dass das Kupfer nicht in den Haaren saß, sondern darauf. Bestärkt wird diese These dadurch, dass am Fundort Kupfermoos (Mielichhoferia elongata) wächst, welches kupferhaltiges Gestein bevorzugt.

Eine Zeit lang überlegten die Archäologen, ob der Gletschermann Jäger war und Steinböcken nachsetzen wollte. Immerhin besaß er einen Langbogen und einen vollen Köcher. Doch falls er sich gerade auf der Jagd befand, verwundert, wieso sein Bogen nur halbfertig und nicht bespannt war und auch die Pfeile bis auf zwei im Rohzustand, die beiden fertigen noch dazu zerbrochen waren.

Weil das alles schlecht zusammenpasst, wurde über Ötzis Lebensgeschichte weiter spekuliert. War er auf der Flucht? Oder handelte er mit Feuerstein? Auch als Medizinmann oder als Krieger versuchten ihn manche zu sehen. Keine dieser Erklärungen fußt allerdings auf einer soliden Basis. Höchstens die Stücke Birkenporlings, die medizisch oder spirituell verwendet worden sein können, weisen auf einen Schamanen hin.

Vor zwei Jahren sorgte Ötzis Schicksal für neue Schlagzeilen. Paul Gostner und Eduard Egarter-Vigl vom Bozener Bezirkskrankenhaus erkannten auf Röntgenaufnahmen im Rücken des Mannes unterhalb der rechten Schulter eine Pfeilspitze. Viele, auch Gostner und Egarter-Vigl, werteten dies als klaren Hinweis, dass der Mann vom Hauslabjoch ermordet worden oder zumindest letztlich den Folgen der Verletzung erlegen war. Von dem angeblichen Fremdkörper existieren mittlerweile plastische Rekonstruktionen. Er ist 27 Millimeter lang und hat 18 Millimeter Durchmesser. Dass es sich wirklich um eine Pfeilspitze handelt, ist allerdings noch nicht erwiesen. Dazu müsste man das Objekt herauspräparieren, und zwar möglichst so fachmännisch, dass sich erkennen lässt, ob die Verwundung wirklich lebensgefährlich war. Entsprechende Anfragen von Vanezis und Tagliaro blieben leider unbeantwortet.

Tod im Frühsommer

Eine abgebrochene Pfeilspitze im Körper muss nicht zum Tode führen. Es gibt viele Beispiele, dass Menschen mit einem Projektil im Leib jahrelang weiterlebten. Ein bemerkenswertes prähistorisches Beispiel dafür ist der berühmte, wegen seiner rassischen Identität rätselhafte Kennewick-Mann aus dem Staat Washington im Nordwesten der USA. Er trug eine steinerne Speer- oder Beilspitze im rechten Beckenknochen. Als er – vor über 9000 Jahren – starb, hatte sich um die Wunde schon neuer Knochen gebildet.

Vor kurzem gab Egarter-Vigl bekannt, der Gletschermann habe an der rechten Hand eine tiefe Schnittverletzung getragen. Die wissenschaftliche Publikation dazu steht noch aus.

Zunächst hieß es, Ötzi sei anscheinend im Herbst gestorben. Das vermuteten Wissenschaftler, weil Schlehen im Spätsommer reifen und in der Kleidung des Mannes zudem Getreidekörner hafteten. Neue botanische Ergebnisse besagen jedoch, dass er höchstwahrscheinlich im späten Frühjahr oder Frühsommer starb. Die winzige Stuhlprobe aus dem Dickdarm, die Oeggl untersuchte, enthielt Pollen der Hopfenbuche, Ostrya carpinifolia.

Der kleine Baum wächst in Tallagen südlich des Alpenhauptkamms häufig, kommt im Ötztal dagegen nicht vor. Offensichtlich waren die Pollenkörner zum Todeszeitpunkt frisch gewesen: Die meisten besaßen noch ihren Zellinhalt. Da das Zellinnere normalerweise schnell zerfällt, muss Ötzi die Pollenkörner entweder eingeatmet oder beim Essen mitgeschluckt haben, als Wind sie verbreitete, oder er trank Wasser, auf dem sich der Blütenstaub abgesetzt hatte. Im Schnalstal wächst die Hopfenbuche bis in 1200 Meter Höhe. Sie blüht im späten Frühjahr bis Frühsommer.

Die am Fundort aufgesammelte Schlehe kann, ähnlich Dörrpflaumen, getrocknet gewesen sein und stammte vielleicht vom letzten Herbst. Auch Getreideschrot hält sich fast unbegrenzt. Ötzi könnte die paar Körnchen seit langem in seiner Kleidung gehabt haben.

Ganz besonders mag die neue Ansicht überraschen, dass der Mann anscheinend gar nicht auf dem Felsblock gestorben war, wo er bei der Entdeckung lag. Verschiedenes spricht dafür, dass die Leiche erst später im Schmelzwasser dorthin trieb. Während der letzten 5000 Jahre herrschten in dieser Höhe nachweislich mehrmals wärmere Phasen, in denen das Eis auftauen konnte. Das würde erklären, wieso die rechte Hand des Mannes unter einem Stein verklemmt war und der linke Arm völlig unnatürlich vor der Brust nach rechts ragt. Auch dass sich die Oberhaut lösen konnte, stützt diesen Verdacht. Zudem würde jemand seine Utensilien bei einer Rast wohl nicht im Umkreis von mehreren Metern um sich verteilen, schon gar nicht Kleidungsfetzen.

Auch wenn die Befunde zu Ötzi längst Bücher füllen – auf die Forschung wartet noch immer viel Arbeit. Da sich eine Autopsie der wertvollen Mumie verbietet, werden wir die eigentliche Todesursache wohl nie herausfinden. Dennoch konnten die Pflanzenanalysen den Todeszeitpunkt und den Aufenthalt des Gletschermanns in seinen letzten Lebenswochen und -tagen klären. Spannend bleibt, wo er die verschiedenen Phasen seines Lebens zubrachte. Nicht hoch genug sind die vielen neuen Erkenntnisse über die Menschen jener Zeit zu bewerten, die der Gletschermann vom Hauslabjoch der Wissenschaft schon jetzt lieferte.

Literaturhinweise


Die Gletschermumie aus der Kupferzeit. Neue Forschungsergebnisse zum Mann aus dem Eis. Folio Verlag, Bozen/Wien, und Südtiroler Archäologiemuseum, 1999.

Der Mann im Eis. Von Konrad Spindler. Bertelsmann, München 1993.

Ötzi’s Last Meals: DNA Analysis of the Intestinal Content of the Neolithic Glacier Mummy from the Alps. Von Franco Rollo et al. in: Proceedings of the National Academy of Sciences USA, Bd. 99, Heft 20, S. 12594, 1. Okt. 2002.

The Iceman and His Natural Environment. Von Sigmar Bortenschlager und Klaus Oeggl (Hg.). Springer-Verlag, 2000.


In Kürze


Die neuesten Forschungsergebnisse klärten viele Fragen zum Gletschermann. Sie brachten aber auch einige unerwartete Aspekte.
- Demnach starb Ötzi nicht im Herbst, sondern im Frühjahr.
- Er wurde etwa 46 Jahre alt und war zuletzt nicht bei guter Gesundheit.
- Vielleicht erlag er einem Pfeilschuss in den Rücken.
- Wahrscheinlich war er nicht an derselben Stelle gestorben, wo man ihn fand.
- Seine Hauptnahrung in den letzten Lebenstagen waren Brot und Fleisch.
- Offenbar hatte er die letzte Zeit in Südtirol gelebt.


Der Fundort: Ötzis letzter Weg


Der Gletschermann wurde im Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien gefunden. Zunächst kam die Leiche nach Innsbruck, später nach Bozen, da der Fundort nach neuen Vermessungen auf italienischer Seite liegt. Den Pflanzenbestimmungen zufolge dürfte Ötzi sich zuletzt südlich des Alpenkamms aufgehalten haben. Zum Beispiel wurden am Fundort achtzig Arten von Moosen und Lebermoosen identifiziert. Nur etwa zwanzig davon kommen heute dort oben in solcher Höhe natürlich vor. Dickson und seine Mitarbeiter haben die Vorkommen dieser Arten in den tieferen Lagen weiter im Süden überprüft. Wie sie feststellten, wächst das Glatte Neckermoos häufig im unteren Schnalstal bei der Burg Juval. Dieses Moos fand sich in Ötzis Kleidung vor allen anderen. Auch die Pollenfunde weisen nach Südtirol.Demnach könnte der Mann im Schnalstal gelebt haben und in jenem Frühjahr das steile Tisental hochgestiegen sein.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2003, Seite 30
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2003

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