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Neue Tierarten am Rhein

Die Gewässergüte des wasser- und verkehrsreichsten Stromes in Deutschland hat sich seit Anfang der siebziger Jahre erheblich verbessert. Zu den bereits früher dort heimischen Fischspezies gesellen sich auch immer mehr Kleintierarten aus allen Teilen der Welt.

Jahrelang war der Rhein ein Synonym für zivilisatorisch vergewaltigte und verödete Natur – chronisch vergiftet mit Schwermetallen, versetzt mit Salz, Bioziden und vielfältigen petrochemischen Produkten, befrachtet mit Unmengen kommunaler Abwässer. Nach einem Störfall in der anrainenden chemischen Großindustrie verendeten allein im Sommer 1969 rund 40 Millionen Fische, und auch im Folgejahr gab es auf der Flußstrecke zwischen Mainz und Köln zeitweilig keine mehr (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, August 1983, Seite 22, und Februar 1994, Seite 40).

Die Statistik des Lachsfangs zeichnet den kontinuierlichen Niedergang des Flußökosystems Rhein unzweifelhaft nach: Von etwa 250000 Exemplaren im Jahre 1885 gingen die Fänge bis 1955 auf nahezu null zurück. In diesem Jahrhundert hätte der schweizerische Biochemiker Johann Friedrich Miescher (1844 bis 1895) in Basel sicherlich keine Chance mehr gehabt, die von ihm um 1870 im Zellkern entdeckte Nucleinsäure (die DNA) als natives Präparat aus Lachssperma zu gewinnen.

Etwa hundert Jahre nach dem Beginn der industriellen Revolution zeigen nun die auf breiter Front ergriffenen gesetzlichen und technischen Maßnahmen der Gewässerreinhaltung Wirkung: Wurden noch um 1975 weite Flußabschnitte vom nördlichen Oberrhein bis in das Niederrheingebiet nach der Gewässergütebemessung als sehr stark bis übermäßig stark verschmutzt klassifiziert (Stufe III bis IV), weist der jüngste Gewässergütebericht für Nordrhein-Westfalen, der sich auf den Untersuchungsstand 1994 stützt, für den gesamten nordrhein-westfälischen Stromabschnitt wieder die Gütestufe II (mäßig belastet) aus. Bei deren Bewertung ist zu berücksichtigen, daß ein Fließgewässer von der Größenordnung des Rheins schon allein aufgrund des natürlichen Stoffeintrags auch in technikferner vorindustrieller Zeit niemals die Gütestufe I (unbelastet bis sehr gering belastet) aufgewiesen hat, weil die zahlreichen kleineren oder größeren Zuflüsse immer eine gewisse organische Grundbelastung ergeben.


Fischbestand

Der Fischfauna des Rheins wurde bei der biologischen Zustandsbewertung schon immer besondere Aufmerksamkeit zuteil. Die ersten bekannten Aufzeichnungen finden sich in den Schriften des römischen Dichters Ausonius aus dem vierten nachchristlichen Jahrhundert, der immerhin 14 Fischarten (vorwiegend nach kulinarischen Gesichtspunkten) unterschied. Im Laufe der Zeit ist das Bild infolge verbesserter Artenkenntnis erwartungsgemäß detaillierter geworden. Bis 1880 (vorläufiger Abschluß des Ausbaus, Beginn gezielter Besatzmaßnahmen, Einsetzen der industriellen Nutzung) kamen im Rhein 47 verschiedene Fischarten vor.

Dazu gehörten beispielsweise typische Wanderfischarten wie Lachs, Meerforelle, Maifisch, Finte, Nordseeschnäpel, Flunder und Flußneunauge, die regelmäßig und in größerer Anzahl zu ihren Laichplätzen bis ins Oberrheingebiet aufstiegen. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts begann man aus fischereiwirtschaftlichen Gründen mit der Einbürgerung gebietsfremder Arten. Viele dieser Versuche – beispielsweise das Einsetzen von Huchen, Pazifischem Lachs und Bachsaibling – blieben erfolglos. In anderen Fällen – etwa bei der Regenbogenforelle – blieben die Bestände von laufendem Nachbesatz abhängig. Lediglich der aus dem Flußgebiet der Donau stammende Zander hatte sich unterdessen im gesamten Stromgebiet ausgebreitet. Die genaue Anzahl der Fremdfischarten ist im Mittel- und Niederrheingebiet abschnittweise sehr verschieden; sie spielen insgesamt im Bild der aktuellen Fischfauna aber eine eher untergeordnete Rolle.

Heute kommen im Rhein wieder annähernd 40 Fischarten vor. Doch die ursprünglichen Bestandsverhältnisse haben sich trotzdem noch nicht wieder eingestellt. Im Mittelrhein repräsentieren nur drei Arten – nämlich Rotauge, Ukelei und Brachsen – rund 75 Prozent der Fischfauna. Mehr als zwei Drittel der Arten machen zusammen nicht einmal fünf Prozent der Individuenhäufigkeit aus. Das ist auch eine Folge davon, daß der Fluß nach seinem technischen Ausbau zur Großschiffahrtsstraße und der Veränderung der Uferstrukturen zu einem weithin monotonen Lebensraum ohne natürliche biozönotische Gliederung geworden ist, in dem sich nur besonders anpassungsfähige und nicht sonderlich anspruchsvolle Arten zu behaupten vermögen. Insofern ist der Rhein ein Abbild der in gleichem Maße technisierten und von zahlreichen Infrastrukturen der Siedlungs- und Verkehrslandschaft überprägten Flußaue.


Rückkehr und Einwanderung von Kleintieren

Ein besonders aufschlußreicher Parameter der biologischen Wertigkeit auch eines größeren Fließgewässers sind die darin lebenden Wirbellosen, insbesondere die Insekten beziehungsweise deren Larven. Von den ungefähr 110 um die Jahrhundertwende nachgewiesenen Insektenarten aus den Lebensgemeinschaften auf oder in dem Sediment der Fließrinne blieben bis 1971 im Mittel- und Niederrheingebiet tatsächlich nur sechs übrig. Bedingt durch die zwischenzeitliche Verbesserung vor allem der Sauerstoffverhältnisse nehmen indes die Artenzahlen auch in dieser Tiergruppe wieder zu (Bild 1): Mittlerweile sind 70 dieser Insektenspezies wieder nachweisbar; und insgesamt beläuft sich das aktuelle Inventar an wirbellosen Kleintieren auf mehr als 150 Arten, wie regelmäßige Stromsohlenuntersuchungen beispielsweise durch die Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz zeigen.

Zum festen Bestand gehören nun wieder einige Spezies, die im Mittel- und Niederrheingebiet als ausgestorben oder extrem selten galten, wie etwa die Eintagsfliege Ephoron virgo, die mehrmals in den letzten Jahren durch massenhaftes Schwärmen den Verkehr auf den Bonner und Kölner Rheinbrücken zum Erliegen brachte, oder die Köcherfliege Hydropsyche contubernalis, deren Larven im Übergangsgebiet von Mittel- und Niederrhein Bestandsdichten bis 10000 Individuen pro Quadratmeter erreichen.

Die Artenstatistik allein liefert freilich nur ein unvollständiges Bild der aktuellen Lebenswelt. Die quantitativ wieder angewachsene Wirbellosenfauna weist nämlich beträchtliche qualitative Umschichtungen durch solche Arten auf, die als Neozoen infolge Einwanderung oder Einschleppung erst im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts im Flußökosystem heimisch wurden. Außer je einem Vertreter der Hohltiere (Keulenpolyp, Cordylephora caspia) und der Plattwürmer (Gefleckter Strudelwurm, Dugesia tigrina) finden sich besonders erfolgreiche Immigranten unter den Krebsen und den Weichtieren. Auffälligste Art ist die seit 1931 auch im Rhein nachgewiesene Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis), deren Jugendstadien gelegentlich bis zum Oberrhein aufsteigen. Der Amerikanische Flußkrebs (Oronectes limosus), die Mittelmeer-Wasserassel (Proasellus meridianus) und eine Süßwassergarnele (Atyaephyra desmaresti) runden das Spektrum der neuen Krebstiere ab. Unter den Weichtieren sind es gehäusetragende Schnecken wie Flußdeckelschnecke (Viviparus viviparus), Zwergdeckelschnecke (Potamopyrgus antipodarum) oder Spitze Blasenschnecke (Physella acuta) und individuenreich auftretende Muscheln wie die Wandermuschel (Dreissena polymorpha).

Diese Arten stammen entweder aus dem Schwarzmeergebiet, aus Nordamerika, Ostasien oder sogar aus Neuseeland. Die heute auch im Mittelrhein in Mengen vorkommende Körbchenmuschel (Corbicula fluminea, Bild 2) beispielsweise ist in Ostasien heimisch, fand den Weg in das Flußsystem des Rheins, in die angrenzenden Kanäle und in die Weser jedoch auf heute nicht mehr exakt nachvollziehbaren Wegen über Nordamerika. Die meisten dieser Arten dürften im Bilgen- und Ballastwasser von Hochseeschiffen hierher verschleppt worden sein. In manchen Abschnitten des Rhein-Hauptstromes stellen die Zuwanderer mittlerweile einen Faunenanteil bis zu 40 Prozent.

Fachleute erwarten weitere Umstrukturierungen des Arteninventars rheinbewohnender Wirbelloser, nachdem seit der Inbetriebsetzung des Rhein-Main-Donau-Kanals im Herbst 1992 zwei biogeographisch völlig unterschiedliche Stromgebiete verbunden sind. Während jedoch der technische Vorläufer dieser künstlichen Großschiffahrtsstraße, der König-Ludwig-I-Kanal, der von 1847 bis 1945 in Betrieb war, nach bisherigem Kenntnisstand eigenartigerweise keinen Floren- oder Faunenaustausch einleitete, ist inzwischen die von Limnologen vorhergesagte Wanderung kleinerer und größerer Tierarten zwischen den aquatischen Welten von Donau und Rhein eingetreten.

Bereits 1994 hatte der Flohkrebs (Dikerogammarus haemobaphus) den Weg von der Donau in den Main und damit in das Gewässereinzugsgebiet des Rheins gefunden. Seit 1995 ist diese Spezies sogar auch im niederländischen Teil des Rheins vertreten, ebenso wie die Kleinkrebse Corophium curvispinum, Chaetogammarus ischnus und Dikerogammarus villosus, die ebenfalls aus der Donau stammen. Hinzu kommt der Vielborstwurm (Hypania invalida), der seinerseits erst vor ungefähr 30 Jahren aus dem Schwarzmeergebiet in die Donau eingewandert war. Den Kleinkrebs Jaera istri, der als strömungsliebende Spezies im Rhein-Main-Donau-Kanal selbst nicht heimisch ist, hat vermutlich die Schiffahrt verschleppt – er kommt jetzt nicht nur in den Niederlanden, sondern auch rheinaufwärts bis oberhalb der Neckarmündung vor.

Nicht nur auf den Niederterrassenleisten oder entlang der Talhänge hat die zivilisatorische Infrastruktur das Bild des Rheins grundlegend und nicht immer vorteilhaft verändert. Auch unterhalb der Wasserlinie ist der Strom, der eine der siedlungs- und industriedichtesten Großregionen Mitteleuropas quert, innerhalb weniger Jahrzehnte ein biozönotisch völlig anders strukturiertes Fließwasserbiotop geworden. Hier wieder Ursprünglichkeit herstellen zu wollen, wäre völlig aussichtslos.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 126
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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