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Biologie: Neue Tiere & Pflanzen in der heimischen Natur.

Einwandernde Arten erkennen und bestimmen. BLV, München 2000. 127 Seiten, DM 19,90.


Was macht der Halsbandsittich in der Thujahecke?" lautete das Thema einer Naturschutztagung in Braunschweig zu Beginn des Jahres. Einst Raritäten, heute manchmal "Sorgenkinder": So könnte ein Urteil über die Hunderte von Pflanzen und Tiere lauten, die seit dem Beginn des Ackerbaus und der Entwicklung des Verkehrs bei uns eingewandert sind. Das Buch muss eine Auswahl treffen und beschränkt sich deshalb auf solche Arten, die erst nach der Entdeckung Amerikas zu uns gelangt sind und dann "seit wenigstens 25 Jahren und/oder mindestens seit 3 Generationen im Gebiet frei lebend" existieren. Die so genannten Neophyten beziehungsweise Neozoen sind also echte "Neubürger" bei uns und nicht nur aus einem Garten entflohene Zierpflanzen oder aus einer Zucht ausgewilderte Tiere, die früher einmal bei uns heimisch waren.

Das Buch präsentiert 49 Arten, davon 13 Pflanzen, auf jeweils etwa 2 Seiten mit ihren Merkmalen, ihrer Biologie und der ursprünglichen und heutigen Verbreitung. Dazu kommen als weitere Stichpunkte "Wissenswertes" und manchmal der Hinweis auf "Ähnliche Arten", insgesamt solide Information und immer eine gute Abbildung dazu.

Sie kamen und kommen in Kisten und Ballen, in Säcken und auf den Bodenbrettern von Eisenbahnwagen, mit Früchten und an Nutzpflanzen, an Bordwänden von Schiffen oder in deren Ballastwasser. Keine Kontrolle und kein Schlagbaum halten sie auf.

Beispiele dafür sind der Sommerflieder (oder Schmetterlingsstrauch), der bereits nach dem Zweiten Weltkrieg den Trümmergrundstücken einen besonderen Reiz verlieh, und die Wollhandkrabbe, die aus dem Ballastwasser aus China kommender Schiffe über die Nordseehäfen in die großen Flüsse eindrang. Jeder Pflanzenkenner weiß um den Reichtum an Neophyten entlang der Bahndämme und zwischen den Gleisen auf Güterbahnhöfen oder auf ungepflasterten Flächen vor den Verladerampen bäuerlicher Genossenschaften.

Andere Einwanderer kamen zusammen mit ihren Wirtspflanzen, zum Beispiel der Kartoffelkäfer und die Reblaus. Wieder andere wurden gezielt zu kommerziellen Zwecken eingeführt; gelungen ist das bei der Regenbogenforelle und dem Damhirsch. In Weinbaugebieten schätzt man das harte Holz der Robinie für die Pfähle im Weinberg, in Wäldern ist die schnell wachsende Douglasie inzwischen wichtigster ausländischer Forstbaum. Eine ästhetische Bereicherung sind sicher Gingkobaum und Feuerlibelle. Bei der Wanderratte, dem Sonnenbarsch und den beiden Goldruten, um nur einige Beispiele zu nennen, fällt nach kritischer Würdigung die Bewertung weit weniger freundlich aus.

Die Autoren wollen bei ihrer Beurteilung "Ausdrücke wie Verfremdung, Rassenreinheit oder Faunenverfälschung" vermeiden, da sie sie für "ideologisch befrachtet" halten. Sie bleiben nicht ganz konsequent, denn beim Marderhund fällt der zuletzt genannte Ausdruck dann doch.

In der Tat ist auch in der Biologie die "Immigration" ein richtiges Thema zum Streiten, über Populationsdynamik zum Beispiel oder angewandte Ökologie und Naturschutz. Wer einmal beobachten konnte, wie die Goldruten orchideenreiche Trockenrasen überwucherten oder das Drüsige Springkraut ganze Talauen in den Mittelgebirgen einnimmt und dabei sogar Brennnesseln verdrängt, denkt anders als die Anhänger des "Alles fließt".

Mehrere Einwanderer fanden bei uns ideale Bedingungen für eine schnelle Ausbreitung und verdrängten dabei heimische Arten, andere wurden schädlich, weil Gegenspieler fehlen. Ihre Beseitigung oder Bekämpfung ist aufwendig und teuer. Pressemeldungen über Maßnahmen der Förster und des Naturschutzes klingen zuweilen wie Kriegsberichte. Mit Macheten, Planierraupen, Motorsägen und Plastikfolien wird Front gemacht gegen Traubenkirschen, Robiniengebüsch, Springkraut und Staudenknöterich, und das meist mehrere Jahre nacheinander. Schon 1971 sang die Popgruppe "Genesis": "... turn and run, nothing can stop them, around every river and canal their power is growing" und meinte damit den Riesen-Bärenklau aus dem Kaukasus (Bild). Imker haben den Samen an passenden Stellen fallen gelassen, weil sie die ansehnliche Pflanze – ebenso wie das Springkraut – als Bienenweide schätzen. Die Bekämpfung wird erschwert durch den giftigen Pflanzensaft, der bei Sonneneinstrahlung zu sehr heftigen Hautreaktionen führen kann.

So schlimm ist es nur selten. Die Zahl der Neubürger unter den Pflanzen und Tieren wird weiter zunehmen, aber immer nur wenige Prozent aller heimischen Arten ausmachen. Manche von ihnen breiten sich dabei einfach nur weiter aus, wie die oben erwähnte Feuerlibelle, die prächtige Wespenspinne, der Karmingimpel und der Orpheusspötter. Andere sind nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Wieder andere sind eine echte Bereicherung, zum Beispiel die in Höhlen brütende Mandarinente, die in einigen Parkanlagen mit Teichen lebt, oder die Kanadagans, die sich auf ähnlichen Gewässern und an Baggerseen rasch ausbreitet, allerdings in zu hoher Populationsdichte den Grund und die Ufer durch Überweidung schädigt.

Neben den vielen bekannten Arten werden auch unscheinbare und kaum bekannte Wesen wie die Neuseeländische Zwergdeckelschnecke, der Gefleckte Strudelwurm oder die Süßwassergarnele behandelt. Dennoch ist das Buch kein Bestimmungsbuch.

Was bringt die Zukunft? Wie werden sich transgene Pflanzen und Tiere in der Fläche verhalten? Wird ihre Einführung ohne heftige Widerstände beteiligter Interessengruppen verlaufen? Dies wird leider nur sehr kurz angeschnitten, aber in einem Taschenbuch, auch in der bekannten Qualität der Naturführer aus dem BLV-Verlag, kann man nicht Antworten auf alle Fragen erwarten.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2000, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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