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Elektronik-Recycling: Neueste Technologie - problematischer Abfall


Ein in den sechziger Jahren gekaufter Computer wurde durchschnittlich immerhin zehn Jahre lang genutzt; mittlerweile beträgt die Gebrauchsdauer nach Schätzung von Experten noch viereinhalb, mitunter sogar nur zwei Jahre. Ein Grund dafür sind immer kürzere Innovationszyklen. Beispielsweise gibt es jeweils außer Personal Computern, die gerade als Standard gelten, nicht nur stets auch bereits deutlich leistungsfähigere Spitzenprodukte, sondern es kündigt sich meist schon die nächste Generation an. Ein eben erworbenes Gerät verliert darum schnell an Wert wie an Nutzen, denn Software-Entwicklungen orientieren sich weitgehend an den Möglichkeiten der aktuellen Hardware. Updates professioneller Anwendungsprogramme können deshalb in rascher Folge mit immer raffinierteren Fertigkeiten aufwarten, stellen aber entsprechend höhere Ansprüche, denen die verbreitete Systemausstattung nicht genügt – und so gewinnt der Markt Dynamik.

Zwar ist der rasche Generationenwechsel ein Kennzeichen der Informationstechnik, doch längst veralten andere mit Elektronik bestückte Produkte ebenfalls schnell – seien es Wäschetrockner oder Videorecorder, Registrierkassen oder Bankautomaten. Gegenwärtig sind wohl 1,6 Millionen der jährlich etwa 90 Millionen Tonnen Abfall, die in der Bundesrepublik zur Entsorgung gelangen, Elektro- und Elektronikgeräte (nicht erfaßt sind dabei Großgeräte wie zum Beispiel komplette Rechenanlagen). Rund 60 Prozent davon sind Konsumgüter, der Rest stammt aus dem gewerblichen Bereich (Bild). Die Gesamtmenge wird bis Ende des Jahrzehnts vermutlich auf 1,8 Millionen Tonnen pro Jahr anwachsen. (Diese Schätzungen beruhen auf Analysen von Produktionsmengen und produkttypischen Nutzungszeiten; Erhebungen realer Abfallmengen bei den Kommunen differieren je nach Definition von Elektro- und Elektronikschrott und summieren sich deswegen auf etwas geringere Werte.)

Nur Altgeräte aus industrieller oder gewerblicher Nutzung werden in der Regel vom Hersteller zurückgenommen und entsorgt, solche aus privaten Haushalten aber zumeist deponiert oder verbrannt. So wird man künftig kaum mehr verfahren können. Zum einen schwinden die verfügbaren Deponieflächen, und Müllverbrennungsanlagen sind für derartigen Schrott ohnehin kaum geeignet. Zum anderen vernichtet man damit

erhebliche Restwerte – entgegen den Grundsätzen eines ressourcenschonenden Wirtschaftens, wie die Bundesregierung sie 1996 im Kreislaufwirtschafts- und im Abfallgesetz verankert hat. Darin wurde erstmals die Verantwortung der Industrie für ihre Produkte von deren Herstellung bis hin zur Entsorgung festgeschrieben. Allerdings steht noch die rechtliche Verbindlichkeit aus; eine entsprechende Verordnung für die Informationstechnik ist auf dem Wege.

Elektrische Geräte bestehen aus einer Vielzahl von Materialien, darunter umweltschädlichen ebenso wie wertvollen. Schwermetalle können aus solchem Abfall in Deponien gelöst werden und

eventuell ins Grundwasser gelangen; beim Verbrennen der verwendeten Kunststoffe entstehen aus Flammhemm-Mitteln hochgiftige Dioxine und Furane. Zudem enthalten die Systeme häufig noch intakte Baugruppen, die sich wiederverwenden ließen. Demgemäß werden in der Industrie sowie an universitären und anderen Forschungsstätten Konzepte entwickelt, um heutige, insbesondere aber künftige Altgeräte effizient in eine Kreislaufwirtschaft einzubinden. Das Bundesministerium für Wissenschaft, Bildung, Forschung und Technologie fördert dazu unter anderem folgende Projekte:

- Einschlägige Firmen suchen für einen sogenannten grünen Fernseher Lautsprecher, Schaltungen und Bauelemente zu entwickeln, die nur wenig Energie verbrauchen und bei deren Konstruktion das Recycling bereits berücksichtigt ist. Erfahrungen mit diesem verbreiteten Konsumprodukt dürften sich gut verallgemeinern lassen.

- Der Verbund "Industrieller Rückbau von Elektronik-Altgeräten in Kreisläufen" hat vor allem den Aufbau eines Informationssystems zum Ziel, das die Abläufe in Demontagebetrieben unterstützt.

- Die an "Prokreis" beteiligten Firmen erarbeiten industriell umsetzbare Konzepte, verschiedene (auch elektronische) Produkte länger und intensiver zu nutzen.

- Am Beispiel der Elektroindustrie sollen im Projekt "Elektra" Techniken und Instrumente für kleine und mittlere Unternehmen entwickelt werden, mit denen sie das Design und die Herstellung ihrer Produkte umweltgerechter gestalten können.

- Im Forschungsverbund "Innovative Auswirkungen umweltpolitischer Instrumente" werden auch die Stoffströme aus Elektroaltgeräten und Elektronikschrott behandelt.

- Das von der Industrie angeregte Projekt "Care" sucht den gesamten Weg elektronischer und elektrischer Geräte vom Entwurf bis zur Entsorgung zu erfassen und eine durchgehende Wertschöpfungskette zu etablieren.

Den geringsten Wertverlust in der Entsorgungskette birgt Produktrecycling. Deshalb versucht die Universität Karlsruhe, ihres Anfalls an Elektronikschrott mit der Initiative "Jungbrunnen für PCs" Herr zu werden. Statt einen älteren Arbeitsplatzrechner durch einen leistungsfähigeren zu ersetzen, bietet das Rechenzentrum an, ihn nach eingehender Prüfung bedarfsgerecht und kostengünstig aufzurüsten, wobei auch gebrauchte Komponenten verwendet werden.

Im großen Stil arbeitet auf diese Weise das 1988 eröffnete Siemens-Nixdorf-Recyclingzentrum in Paderborn. Es verwertete schon 1995 insgesamt 5400 Tonnen Altgeräte des Konzerns, was einer Rückführquote von etwa 30 Prozent entsprach. Sie wurden ebenfalls zunächst geprüft und nach Möglichkeit auf- beziehungsweise umgerüstet. Immerhin 17 Prozent der angelieferten Menge kamen so als Ware aus zweiter Hand wieder in Gebrauch; beispielsweise bevorzugen nach Angaben des Unternehmens Supermarkt-Ketten oft ältere Kassentechnik, weil deren bekannte Bedienung Kosten für Mitarbeiterschulungen spart.

In einer weiteren Phase des Recy-clings werden im Paderborner Zentrum einzelne noch funktionsfähige Bauteile entfernt und wiederverwendet. Die Erfahrungen aus der systematischen Demontage fließen dann auch in die Konstruktion neuer Geräte ein. So wurde die Zahl der zu montierenden Teile bei Personal Computern von Siemens von 87 auf 14 reduziert. Kunststoffteile werden nicht mehr lackiert und Typenbezeichnungen nicht mehr als Etiketten aufgeklebt, sondern mit Lasern eingebrannt; Dämmstoffe klemmt oder steckt man.

Erst nachdem alle Möglichkeiten zur direkten Wiederverwendung erschöpft sind, folgt das Materialrecycling – so der Kunststoffe und Metalle. Dafür müssen die Geräte weitestgehend zerlegt sein, so daß sich einzelne Stoffgruppen trennen und Schadstoffe – etwa polychlorierte Biphenyle (PCBs) in Kondensatoren – oder Chemikalien wie Öle und Toner umweltgerecht aufarbeiten oder entsorgen lassen. Zur Demontage könnten auch Automaten und Roboter eingesetzt werden, um den Durchlauf zu erhöhen.

Insbesondere Bildröhren und mit elektronischen Schaltungen bestückte Leiterplatten sind recht problematisch, weil in ihnen eine Vielzahl von Komponenten aus unterschiedlichsten Materialien verarbeitet ist. Allerdings gibt es mittlerweile vielversprechende Ansätze. Einer Studie des international tätigen

Beratungsunternehmens Frost & Sullivan zufolge dürften immer mehr Entsorgungsunternehmen in diesem Marktsegment tätig werden und entsprechend größere, zudem automatisierte Anlagen zur Verwertung aufbauen. Waren mit dem Recycling elektronischer Verbraucher- und Bürogeräte 1995 in Europa 144 Millionen Dollar umzusetzen, sollen es der Studie nach im Jahre 2000 bereits rund 250 Millionen sein. Voraussetzung einer solchen ökologisch und wirtschaftlich sinnvollen Entwicklung sind allerdings umfassende und verläßliche Vorgaben des Gesetzgebers.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1998, Seite 104
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1998

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