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Reduktionismus: "Ein Organ allein denkt nicht"

Für Jan Slaby, Juniorprofessor für Philosophie an der FU Berlin, bilden die sprachlichen Fauxpas von Neurowissenschaftlern nur die Spitze eines Eisbergs. Darunter verberge sich ein größerer Irrtum - nämlich die Idee, man könne den ganzen Menschen aus einem seiner Teile erklären.
Jan SlabyLaden...

Herr Professor Slaby, teilen Sie die Kritik an der falschen Redeweise von Hirnforschern, die das Gehirn "vermenschlichen"?

Im Großen und Ganzen ja. Aber dieses Problem wird meines Erachtens überschätzt, vor allem dann, wenn man es isoliert betrachtet. Andere Dinge liegen noch mehr im Argen: Viele Hirn­forscher machen überzogene Versprechen, was die Erklärungsmacht ihrer Resultate betrifft, sie erliegen methodologischen Fehlschlüssen, und es mangelt ihnen bis heute an einem tieferen theoretischen Verständnis der Funktionsweise des Gehirns, um nur die wichtigsten Punkte zu nennen.

Bleiben wir einen Moment bei der vermenschlichenden Rede. Was genau finden Sie daran problematisch?

Dahinter steht die Tendenz, das Gehirn von vornherein als das Geistorgan anzusehen und sich ihm als solchem zu nähern. Das Gehirn wird also schon im Vorfeld der konkreten Forschung mit einer psychologischen Begriffsmatrix überzogen, indem nach den Grundlagen von Gedanken, Wahrnehmungen, Gefühlen und Entscheidun­gen gesucht wird. Doch wer nur darauf schaut, wie der menschliche Geist im Gehirn entsteht, dem entgehen womöglich andere wichtige Zusammenhänge. Das Gehirn ist an allen möglichen regulativen Prozessen im Organismus ­beteiligt, und es ist noch weit gehend offen, auf welchen Funktionsprinzipien seine Aktivität ­basiert. Die Vorab-Psychologisierung kann Einsichten in die tatsächlichen Abläufe und Dynamiken des neuronalen Geschehens verdecken. Man sollte deshalb eher versuchen, das Gehirn "aus sich selbst heraus" zu verstehen und nicht im Rahmen einer von außen auferlegten Begrifflichkeit. Mehr echte Neurophysiologie mit Methoden aus der Physik und der Systemwissenschaft täte der Neuroforschung gut – und weniger Psychologie! ...

5/2014

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 5/2014

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